Ein Fest der Verweigerung

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 29. Juni 2018. Das hat noch nie Spaß gemacht. Nüchtern dabei zu sein, wie andere einen Drogentrip erleben. Und wenn sie dann auch noch anfangen, dich darüber zu belehren, wie schön alles ist. Und dass du dich einfach mal entspannen solltest. "Relax" steht groß auf einer Leinwand, die irgendwann während des ersten Teils von "The Last Goodbye / Vibrant Matter" aus dem Bühnenhimmel fällt und die backsteinerne Hinterwand des HAU 1 verdeckt. Als das passiert, hat dieses Spaßbremsengefühl sich schon eingestellt im Kritikerinnen-Kopf – denn was Benny Claessens, der beim diesjährigen Theatertreffen für seine Rolle in Falk Richters "Am Königsweg" mit Tschingderassabumm den Alfred-Kerr-Preis verliehen bekam, nun im HAU inszeniert, ist eine einzige Feier des ironischen Bruchs.

Gegen das Prinzip Verwandlung

Ihr wollt schwelgen? Forget it. Ob und von wem hier geschwelgt wird, ist uns auf der Bühne vorbehalten: Dauer-Subtext der fünf exquisiten Performer*innen. Sie zelebrieren die Verweigerung und brechen nur miniaturweise aus dieser Grundhaltung aus – um dementsprechend leider auch nur ganz selten zu Hochform aufzulaufen.

Ironischerweise (!) passiert das vor allem in den beiden Szenen, in denen das Theater-Prinzip Verwandlung ad absurdum geführt wird – als Melanie Jame Wolf sich in einem, apropos dramaturgische Unlogik, Porno würdigen Striptease eines komplizierten historisierenden Kostüms entledigt, um ihre "Natürlichkeit" mit einem Zweig zu garnieren: "I'm a tree!" Und später, als Parisa Madani sich erst wie ein Wiedergänger von Hamlet in einen Trotzmonolog gegen den Geist seines Vaters hineinsteigert, um dann unter virtuosen Zuckungen zu versteinern.

Freunde, die einen abhalten

Madani, neulich erst im HAU bei Gob Squads "Creation" zu sehen, liefert auch die dramaturgische Klammer des Abends – der zweite Teil wird eröffnet mit ihrer schlichten, berührenden Gastperformance "Trans*People killed since April 2017", in der sie wie von Schüssen durchlöchert zuckend vor einer Leinwand verschwindet, die sich mit den Namen der Getöteten füllt. Später am Abend wird sie als Hexe von den anderen verbrannt, und in der folgenden, doppelbödigen und gerade deshalb umso innigeren Trauerszene, in der die Täter*innen sich gegenseitig die Tränen aus den Gesichtern wischen, wird der Anfang von "The Last Goodbye / Vibrant Matter" wiederaufgenommen, als Rob Fordeyn und Shiori Tada bestimmt eine Viertelstunde lang genau diese Geste loopten. Was tatsächlich einen relaxenden Effekt hatte.

TheLastGoodbye 560 DorotheaTuch uTrauer-Riten durchspielen in "The Last Goodbye / Vibrant Matter" © Dorothea Tuch

Dann fing es irgendwann an, nach Schokolade zu riechen, Nebel waberte in den Zuschauerraum, und auch wenn die fünf Performer*innen dazu nur ziemlich entspannt herumtanzten, konnte man sich zunächst eingeladen fühlen in eine Gegenwelt der gewaltfreien Leidenschaft. Wenn zum Beispiel Melanie Jame Wolf und Benny Claessens "Luft anhalten" spielten und einander zärtlich davon abhielten, die Luft zu lange anzuhalten. Solche Freunde braucht man zum Feiern. Die einen zu Grenzüberschreitungen ermutigen und einen dann aber auch davon abhalten, zu weit zu gehen.

Sterbeszenen spielen

Aber das ist ja keine Party, das ist ein Theaterstück hier im HAU, wenn auch maximal camp. Also werden noch ein paar Schlenker eingebaut, wird in der zweiten Hälfte ein Friedhof aus Schokoladen-Grabsteinen auf die Bühne gewuchtet, deren größter, ein Obelisk oder auch Phallus, das Grab von Henrik Ibsen darstellen soll.

TheLastGoodbye 560b DorotheaTuch uKlu Klux Klan auf dem Schokoladen-Friedhof: "The Last Goodbye / Vibrant Matter"
© Dorothea Tuch

Also werden den Performer*innen dann doch einzelne Momente der Fallhöhe erlaubt, zum Beispiel wenn Shiori Tada wie ein Kind, das einen Frosch seziert, größte Wollust darin findet, eine ausgedehnte Sterbeszene zu spielen.

Aber auch wenn der mit mehr als drei Stunden entschieden zu lange Abend dann in theaterorgiastischem dichtem Kunstnebel endet, durch den man Schokoladen-verschmierte Nackte nur noch schemenhaft mit schwarzen Ku-Klux-Klan-Hüten und Fackeln wedeln sieht – es hält sich als Grundeindruck die supercoole Unterspanntheit, auf die sie sich immer wieder zurückgezogen haben und in der alle anfänglich intensiven Momente verpufften. Mit einem schlichten "Hey" haben sie das Publikum anfangs begrüßt, der Schlussapplaus wird von einer Einladung zur gemeinsamen Premierenfeier abgeschnitten. Das ist konsequent, aber auch alles andere als gewagt.

 

The Last Goodbye / Vibrant Matter
Regie & Konzept: Benny Claessens, Bühnenbild: Alexis Devos, Lichtdesign: Rainer Casper, Kostümdesign: Teresa Vergho, Regieassistenz: Wilke Weermann, Ausstattungsassistenz: Senol Sentürk, Produktionsassistenz: Chiara Galesi.
Mit: Benny Claessens, Melanie Jame Wolf, Rob Fordeyn, Shiori Tada, Parisa Madani.
Dauer: 3 Stunden 10 Minuten, eine Pause

www.hebbel-am-ufer.de

 

Kritikenrundschau

Von einem in alle Richtungen wuchernden und viel zu langen Abend spricht Katrin Pauly in der Berliner Morgenpost (2.7.2018). Trotz allerlei Wiederholungen bleibt für die Kritikerin vieles kryptisch. "Aber da, wo es aufgeht, da hat dieser Abend (neben einem pompösen Lichtkonzept von Rainer Casper) sogar ein paar schöne, kraftvolle und anrührende Momente."

Tobi Müller sagte in Fazit auf Deutschlandfunk Kultur (29.6.2018):  Der Abend sei ein Abschied von der binären Sexualität, die "binäre Biologie als Ganzes" werde verabschiedet und dafür werde kopuliert mit Urinalen. "Re-dundant", "zu lang", aber Momente, die der Autor sonst im Stadttheater ver-misse. Da lappte das Theater hinüber im Tanz, wenn geschlottert werde und versucht würde zur Natur zu werden im Musikalischen. Sehr lustig seien aber die Schokoladenbühnenbilder.

 

 

 

mehr nachtkritiken

Kommentare

Kommentare  
#1 The Last Goodbye/..., Berlin: IronieSascha Krieger 2018-07-01 10:26
Mit der Ironie ist das so eine Sache: Sie ist ein äußerst gefräßiges Wesen – wenn man nicht aufpasst hat, hat sie schnell alles, was ihr in den Weg kommt, verschlungen. Und so gelingt es Claessens und Co., das geschundene – und am vom Rezensenten besuchten zweiten Abend schon zu Beginn sehr übersichtliche – Publikum in der zweiten Hälfte die erste beinahe herbeizusehen. Es beginnt mit einer fünfminütigen „Gastperformance“ – heißt, sie wurde nicht für diese Arbeit entwickelt – von Parisa Madani alias „Psoriasis“ – namens „Trans*people killed since April 2017“, eine kleine, intensive Miniatur, in der sich Madani symbolisch erschießen lässt und mit ihrem Körper gegen sie Namensliste der ermordeten Trans-Menschen aufbegehrt. Ein kleiner politischer Moment, der den Abend in der Folge nicht weiter interessiert. Ein Feigenblatt, mehr nicht. Stattdessen geht das ironische Spiel des „Wir machen hier irgendwas, aber wagt es ja nicht, darin einen Sinn zu suchen“ munter weiter, eine Nummernrevue der gewollten Publikumsverarschung.

Jetzt geht es um den Tod: Grabsteine aus Schokolade, gipfelnd in einem Kakao-Obelisken, der das Grab Henrik Ibsens darstellen soll, werden auf die Bühne gehievt, Hexen verbrannt, es gibt eine Teufelsaustreibung mit Papa-Kamplex und blutverschmiertem Urinal, es wird sich ausgezogen und viel gezappelt. Melanie Jame Wolf gibt eine Hexe, die sich in einen Baum (Stillstand!) verwandelt, begleitet von gewollt albern amateurigem Dauergeplapper, das ohne Unterlass auf seine eigene ironische Brechung hinweist, bis sich selbige genervt abwendet. Elemente der ersten Hälfte werden zitiert, Nebel wabert, der Tag bricht nie an. Der Stillstand wird gefeiert, das Neue interessiert nicht, seine Möglichkeit würde auch mit dem Diktum „Alles ist Ironie“ schwer zusammenpassen. Ein Schwenwerfer kracht herunter. Ja, selbst das Theater ist genervt ob des Nichts-Passierens und der Abend berauscht sich daran, dem Zuschauer immer weiter auf die Nerven zu gehen. Die nächste Schleife einer Ironie, die sich genüsslich selbst auffrisst und den Zuschauer am Ende nicht, aber auch gar nichts übrig lässt, als weit über drei Stunden verlorener Lebenszeit. Zumal der penetrante Kakaoduft auch noch ein latentes Hungergefühl hinterlässt. Kann es sein, dass Benny Claessens, der begnadete Vollkontakt-Schauspieler, sein Publikum nicht mag? Ach was, ist doch alles nur Ironie.

Komplette Rezension: stagescreen.wordpress.com/2018/07/01/ruhe-in-schoki/
#2 The Last Goodbye/..., Berlin: TiefpunktKonrad Kögler 2018-07-01 12:29
Am gestrigen zweiten Abend von "The Last Goodbye/Vibrant Matter" klafften schon zu Beginn sehr viele Lücken im Publikum. Der Saal leerte sich schnell weiter und das völlig zurecht: dieses Realität gewordene Klischee eines Quältheaters, das sich hinter seiner nervtötend zur Schau getragenen Ironie verschanzt, ist eine Zumutung fürs Publikum. Mit einem freundlichen „Hi“ begrüßen die Performerinnen und Performer die wenigen Zuschauer, verabschieden sich sofort wieder und gefallen sich im weiteren Verlauf des Abends in demonstrativer Spielverweigerung.

Esprit, großes Drama, spannende Charaktere, gelungene Kabinettstückchen, gute Unterhaltung: all das boten gestern Abend nur Antoine Griezmann, Kylian Mbappé, Lionel Messi, Cristiano Ronaldo, Edinson Cavani. Wer sich statt der Fußball-WM ins HAU aufmachte, wurde mit einem furchtbaren, grottenschlechten Theaterverweigerungs-Abend bestraft. Die Spielzeit erlebt zum Abschluss ihren Tiefpunkt.

Komplette Kritik: daskulturblog.com/2018/07/01/the-last-goodbye-vibrant-matter-benny-claessens-hau-berlin-performance-kritik/

Kommentar schreiben