Am besten Bemerkenswert

von Hartmut Krug

Berlin, Juni 2008. Berichte von der Juryarbeit für das Theatertreffen gleichen nicht selten folkloristisch-ethnographischen Schilderungen. Da ist von überfüllten Zügen und einsamen Hotelaufenthalten, von Termin-Hetze und Reise-Stress, von Publikumsirritation oder (natürlich falschem) Abonnentenjubel die Rede. All das aber unterscheidet sich nicht vom Alltag eines reisenden, normalen Theaterkritikers. Was die Reisearbeit der Theatertreffen-Juroren besonders macht, das ist vor allem der auf jedem einzelnen Juror lastende Erklär- und Rechtfertigungsdruck. Er droht nicht nur von der gesamten Fachszene, die die endgültige Auswahl kommentiert, kritisiert  und analysiert, sondern jeder Juror empfindet ihn von Anfang an, gegenüber sich selbst und gegenüber den Jurykollegen.

Denn das Theatertreffen ist nicht nur eines dieser unzähligen, thematisch, geografisch oder novitätisch kuratierten Festivals, die ihr Publikum über einen event-Charakter anzulocken suchen, sondern es wird als gültige Auswahl und endgültige Aussage über den Zustand des deutschsprachigen Theaters  (miss)verstanden. (Dass das Theatertreffen zugleich als Karrierebörse funktioniert, verleiht ihm in unserer von allgemeiner Ranking-Euphorie geprägten Zeit noch mehr Bedeutung.)

Trüffelschweine in Zwickmühlen

Es sind 7 Juroren, jeder mit einem regionalen Schwerpunkt betraut, zugleich aber auch frei, selbständig in die Regionen der vorkostenden Kollegen zu fahren. Sie  reisen und schauen, um dann, indem sie vorschlagen oder abraten, die Reisetätigkeit ihrer Kollegen mitzubestimmen. Immerhin 365 Inszenierungen aus 65 Städten wurden für das vergangene 45. Theatertreffen 'begutachtet'.

Doch aus der Zwickmühle, dass man vor allem die Premieren anschaut, über die man beruflich für sein jeweiliges Medium ohnehin berichten muss, weil die Bühnen oder die Künstler durchgesetzt oder angesagt sind, während man doch eigentlich als sogenanntes "Trüffelschwein" mit entdeckerischem Elan angetreten war, befreien sich nicht alle. Am leichtesten fällt es noch den freien Theaterkritikern, sich auch in unbekanntere Gefilde zu begeben, während die auch redaktionell eingebundenen  Juroren dies erheblich weniger tun (können?).

Juror wird man, indem man von Joachim Sartorius, Leiter der Berliner Festspiele, und Iris Laufenberg, Leiterin des Theatertreffens, gefragt und ernannt wird. Die nach 3 Jahren Tätigkeit ausscheidenden Juroren können Vorschläge zu ihrer Nachfolge machen, doch wird diesen selten gefolgt.

Statt junge, freiberufliche Kollegen, gleich welchen Geschlechts, zu ernennen, wird taktisch ausgewählt. Mitarbeiter bekannter Medien, meist von Zeitungen, werden ernannt. Das schafft zwar nicht unbedingt eine Garantie für Qualität und Engagement, doch, so das Kalkül, es liefert dem Theatertreffen noch mehr Renommee und bewahrt es vor allzu viel Kritik von den Zeitungen der Auserwählten. Bei Theater heute, dessen Redaktionsmitglieder sich in der Jury wie selbstverständlich abwechseln, funktioniert das zugegebenermaßen elegant und intelligent.

Neuen Schwung, andere Sichtweisen, unbekannte Theatergefilde bekommt man aber so nicht in den Juryblick. So bleibt die  Jurorenauswahl ein entscheidender und neuralgischer Punkt für eine inhaltliche Entwicklung des Theatertreffens.

Ein anderer sind die Auswahlkriterien für die Inszenierungen.

Vom Theatertreffen wird viel, allzu viel verlangt: es soll nicht nur Trends benennen, sondern zugleich auch mit den bemerkenswertesten Inszenierungen die Vielfalt der deutschsprachigen Theaterlandschaft wiederspiegeln. Das kann es zwar nur ansatzweise, und so steht es auch nicht in seiner Verfahrensordnung, doch erwartet wird es allgemein und grundsätzlich. Deshalb kommen immer wieder die Forderungen: Provinz! Ostdeutschland! Freie Szene! Neue Stücke! Regisseurinnen!

Tendenz zum Edeltheater

In der Schlusssitzung der Jury gibt es immer wieder einen magischen Moment. Da hat sich die Jury, wenn auch noch nicht mit Endgültigkeitsgarantie, zu einer  Auswahl durchgekämpft, und nun wird innegehalten. Tableau lautet das Zauberwort beim prüfenden Blick auf die Auswahl. Wie fügen sich die zehn zusammen, wie kontrastieren sie, wie behaupten sie sich vor- und gegeneinander, wie "bestehen" sie in Berlin.

Diese Prüfung hat zwar kaum Auswirkungen auf die Auswahl, aber sie gibt  zu recht einer Unsicherheit Ausdruck. Denn die Entscheidung für einzelne Inszenierungen hat zwar auch die Kenntnis der vielen anderen zur Grundlage, aber sie bleibt letztlich doch eine für eine aus ihren regionalen und allgemeinen Zusammenhängen gelöste Aufführung. Was schwierig ist bei einem Berliner Publikum, das alles zu kennen glaubt, alles gesehen hat, natürlich meist besseres, und schon manch daheim umjubeltes Ensemble bei seinem Theatertreffen-Auftritt in eine schwere Krise gestürzt hat.

Dieses Gefühl der Jury, eine Sorgfaltspflicht  gegenüber den Theaterkünstlern zu besitzen, hat sich in den letzten Jahren viel zu stark durchgesetzt. Da die besonderen, großen Schauspieler vor allem an den großen Bühnen spielen (und bezahlt werden können), führt das immer stärker zu einer Auswahl, die bestimmt wird von den großen Bühnen zwischen Wien, Zürich, Hamburg, München und Berlin. Eben Edeltheater, wie dies eine Jurorin im letzten Jahr nannte.

Eine Theatertreffen-Leitung, die eine solche Verengung auf wenige renommierte Bühnen eigentlich nicht akzeptieren und wollen kann, sollte sich grundsätzliche Gedanken über unterschiedliche Rahmenbedingungen für die Präsentation der ausgewählten Inszenierungen machen.

Authentizität statt allgemeingültiger Kriterien

Die ersten Jahre des Theatertreffens fielen in eine gesellschaftliche Umbruchzeit, in der sich Theaterkünstler, neue Formen und Theaterkritiker gemeinsam durchsetzten. Als politisches und Zielgruppentheater entstanden, als gegen das alte, oftmals noch pathetische Sprechtheater eines der Bilder und neuen Spiel- und Sichtweisen gesetzt wurde, als Peter Zadek, Peter Stein, Claus Peymann, Klaus-Michael Grüber sich in den Vordergrund schoben, da wurden auch noch ganz selbstverständlich Aufführungen aus kleinen Städten nominiert. Nicht nur aus Kurt Hübners Bremen, sondern auch aus Heidelberg, Darmstadt, Wiesbaden, Wuppertal, Oberhausen und sogar aus Moers, das sich mit Aalen um den Titel kleinstes Stadttheater Deutschlands streitet.

Um die Jahrtausendwende gab es einen erneuten Generationswechsel, der zu einer stilistischen und formalen Vielfalt führte. Frank Castorf, Christoph Marthaler, Einar Schleef und Christoph Schlingensief kamen und Michael Thalheimer, Andreas Kriegenburg, Nicolas Stemann, Stefan Pucher und Armin Petras folgten. Was heute herrscht, ist die Vielfalt unterschiedlichster und zugleich gleichberechtigter Stile.

Allgemeingültige Kriterien gibt es nicht mehr, kann es nicht mehr geben. War es früher selbstverständlich, dass ein guter Schauspieler verständlich sprechen und seinen Text verstehen musste, dass er keinen Sprachfehler haben durfte und jemand anderen darstellen konnte, so wird gegen solche Forderungen heute zu recht mit entwickeltem Theaterverständnis das Kriterium "Authentizität" ins Feld geführt. Das macht die Verständigung in der Jury nicht leicht. Weil fast jeder der Juroren bestimmte Formen von Theater bevorzugt und für diese kämpft, sich aber oft nur schwerlich auf die ästhetische und inhaltliche Eigenart anderer Formen einläßt.

Das in der Verfahrensordnung des Theatertreffens genannte Wort "bemerkenswert" ist in der Jury-Praxis wenig hilfreich. Weil die Öffentlichkeit natürlich weiterhin von die "besten" Inszenierungen ausgeht und die Jurymitglieder bei ihren Entscheidungen nach "restlos überzeugenden" Inszenierungen suchen.

Die Versuche, zum Beginn eines neuen Juryjahres diesen Begriff "bemerkenswert" mit Inhalt zu füllen, ihn praktikabel zu machen, statt ihn zum Freibrief für alles das werden zu lassen, was dem ästhetischen Geschmack und den theatralen Vorlieben des einzelnen Jurors entspricht, wurden immer wieder schnell abgebrochen. Es ist schon erstaunlich, dass die Theatertreffen-Leitung diesen Wischi-Waschi-Begriff mit vollem Bewußtsein akzeptiert, statt von sich aus nicht abstrakte, sondern ganz konkrete, spannungsvolle Kriterien zu entwickeln.

Ein Freischuss für jeden, statt Kompromisslerei

Die augenblickliche Situation führt zu Kompromissen, mit denen das am wenigsten strittige ausgewählt wird. Weil nicht ein Bewußtsein vorherrscht, dass man ein anderes Theater als das selbst bevorzugte durchaus auch zulassen sollte, trifft man sich gelegentlich dann doch eher in der gediegenen Mitte. Dabei war es oft urkomisch, wie in der Jury mit mächtigem theoretischem Vokabular Geschmacksdiskussionen geführt wurden und Argumente, die für die eine Form sprachen, der anderen zum Nachteil gereichten.

Doch Inszenierungen, die in ihrer Eigenheit die einen faszinieren, die anderen aber provozieren oder langweilen, gehören für mich unbedingt zum Theatertreffen, - wie in diesem Jahr "Die Erscheinungen der Martha Rubin". Seit Jahren fällt Volker Lösch mit seinem chorisch geprägten, politischen Theater bei den Mehrheitsentscheidungen durch, in diesem Jahr mit einem so starken wie politisch durchaus diskutierbaren "Woyzeck", und auch Karin Henkels radikale, vergröbernde Sicht auf "Minna von Barnhelm" hatte keine Chance. Wenn dann noch David Bösch mit seinem spielerisch emotionalen Stil eben sowenig Gnade vor der Jury-Mehrheit findet wie Nuran David Calis' Versinnlichung heutigen Lebensgefühls in Wedekinds "Frühlingserwachen", dann zeigt sich die herrschende Abstimmungsprozedur als nicht mehr praktikabel.

Ein radikaler Vorschlag zu mehr Strittigem in der Auswahl: jeder der sieben Juroren sollte für die Wahl jeweils einer Inszenierung ganz allein verantwortlich sein! Ein Freischuss für jeden, um den Rest wird gestritten. Das  könnte neuen Wind in das Theatertreffen bringen. Einen neuen Wind, der in der Theaterlandschaft längst weht.

Und, dies eine Selbstkritik: für spannende Beispiele der zahlreichen regionalen Stadt- und Realitätserkundungen der aus ihren Häusern ausbrechenden Bühnen sollte auch ein Ort beim Theatertreffen gefunden werden.

 

Dieser Artikel erschien unter dem Titel "In der Kompromissfalle" und in leicht geänderter Form zuerst in "Die Deutsche Bühne", Heft 07/08, 2008.

 

 
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