Der Narzissmus der Erwachsenenwelt

von Anne Peter 

Berlin, 4. Juli 2008. Die überzeugendsten Volksbühnenrettungsversuche werden momentan außer Haus unternommen. Nicht am Rosa-Luxemburg-Platz, sondern im Theater an der Parkaue, Berlins innovativstem Kinder- und Jugendtheater. Und zwar von Milan Peschel, einem der wenigen Castorf-Starschauspieler, die dem derzeit heftig geschmähten Regierevoluzzer bislang die Treue gehalten haben.

Im Sommer 2006, anderthalb Jahre bevor Frank Castorf Erich Kästners "Emil und die Detektive" auf die Bühne brachte, hatte Peschel bereits einen Ausflug an die Parkaue unternommen und mit einer ganz hinreißenden Theaterversion des (von Einar Schleef bearbeiteten) Grimm-Märchens "Vom Fischer und seiner Frau" als heutiger Konsumparabel inklusive hochspaßigem Mitmachfaktor sein Regie-Debüt gegeben.

Jetzt greift auch er sich einen Kästner-Kinderbuchklassiker: "Das doppelte Lottchen", die Geschichte der Zwillingsschwestern Luise und Lotte, die nichts voneinander wissen, weil die Eltern geschieden sind und ein Mädchen beim Vater, das andere bei der Mutter lebt – bis sich beide im Kinderferienheim in Seebühl am Bühlsee unverhofft gegenüberstehen. Schon bald ist eine Verschwörung gegen die Eltern im Gange. Am Ende der Ferien fährt Luise als Lotte zu Mutti nach München, Lotte als Luise zu Vati nach Wien.

Offener Schluß auf unaufgelöster Beziehungsbaustelle

Der 1949 erschienene Scheidungskinderroman, zunächst als Drehbuchprojekt entstanden, das nach dem NS-Schreibverbot für Kästner nicht realisiert wurde, bietet in Zeiten, in denen 'Patchwork' immer mehr zum dominierenden Familienmodell wird, Anknüpfungspunkte zuhauf. Die Geschichte macht vor allem die Position der Kinder stark, deren Wiederzusammenführungsvorhaben der kumpelhaft augenzwinkernde Erzähler zum so vergnüglichen wie unwahrscheinlichen Happyend führt.

Dabei will es Milan Peschel heute nicht mehr bewenden lassen. Und so lässt er am Ende alle beziehungskaputten Erwachsenen (Mutter, Vater und angedachte Neuehefrau) in verschiedenen Sektionen der Drehbühne isoliert im Kreise herumfahren – ein offener Schluss auf unaufgelöster Beziehungsbaustelle. In den zweieinhalb Stunden davor beweist das glänzend aufgelegte Ensemble vor einem fast durchweg aufmerksamen und an den passenden Stellen schadenfroh grölenden Publikum, dass jene von der Castorf-Truppe lang erprobten Spiel- und Theatermittel immer noch bestens funktionieren können.

Und zwar, indem viele von ihnen in ihrer ganzen anarchischen Kindergeburstagshaftigkeit abgefeiert werden: Da wird nach Herzenslust und mit sichtlich großem Spaß wie am Spieß geschrieen, gestolpert, gerauft, gerüpelt, gegarstet, gerotzt, geschnoddert und gerockt. Außerdem Ausflipper, Impros, Rollenwechsel, Slapstick und zwei herrlich trottelige Erzählertypen.

Schwuppdiwupp aufs Bahngleis

Das Ferienheim bevölkern keine kleinen Mädchen, sondern rotzfreche Gören. Zahnputz-Sprechen, Waschbecken-aus-der-Wand-Reißen, Suppenteller-Zerdeppern und Umbauten auf offener Bühne, exzessive Hineinsteigerungsszenen und Verfremdungseffekte en masse, die für das junge Publikum offenbar (noch) kein Imaginationshindernis darstellen.

Dazu erfindet Peschel leichthändige Szenenübergänge, zum Beispiel wenn sich zum Ferienende der Eiserne Vorhang senkt und die Zwillinge einander bis zum letzten Spalt heftig zuwinken. Luise bleibt davor auf ihrem Koffer sitzen und ist schwuppdiwupp aufs Münchner Bahnhofsgleis versetzt. Die Mutter kommt zum Abholen zu spät und erklärt das erstmal, statt die Tochter gebührend in die Arme zu schließen, mit dem ach so stressigen Redakteurinnen-Job, zu dem sie eigentlich auf der Stelle wieder verschwinden muss. Kästners emanzipierte Alleinerzieherin wird zur heutigen Karrierefrau mit geringem Tochter-Zeitfenster.

Krasser ist noch der hemmungslos seinen Künstler-Egoismen frönende Komponisten-Vater überzeichnet, der sein Luiserl ganz der (dem Schauplatz Wien entsprechend) ungarischen Haushälterin Resi überlässt, ein sexy Biest, das akzentreich und stöckelbeschuht lieber auf Kosten des betuchten Hausherrn telefoniert als den Staubsaugerrüssel schwingt.

Bedingungslose Kinderperspektive

Die wilden Dirigier- und Opernparodien sind nur ein Highlight dieser permanent Unterhaltsamkeitsfunken versprühenden Inszenierung für Menschen ab 7 Jahren, die einzig Gefahr läuft, ein Zuviel zu produzieren. Dabei verlegt Peschel den Rosa-Luxemburg-Platz nicht unbesehen an die Parkaue. Er geht manches doch anders an als der dortige Hausherr, für dessen "Emil" er den Dieb Grundeis gab. Im Gegensatz zu Castorf macht Regisseur Peschel dezidiert Theater FÜR Kinder – und nicht, wie jener, vor lauter mutmaßlicher Didaxe- oder Bravheitsphobie, ziemlich weit an ihnen vorbei.

Während Castorf den jungen Zuschauern – und darin wäre er letztlich dann doch der Didaktiker, der er nie sein wollte – möglichst schonungslos die real existierende Schlechtigkeit und Unüberschaubarkeit der Welt beizubringen sucht, demaskiert Peschel aus bedingungslos liebender Kinderperspektive den Narzissmus der Erwachsenenwelt, nimmt die Bühnen-Kinder trotz Harmonieverzicht als handlungsmächtig gewitzte Subjekte, die den Eltern gehörig "die Hosen straff ziehen", ernst.

Mit dramaturgischer Klarheit belässt er den Zuschau-Kindern den Durchblick und beschert ganz nebenbei auch dem erwachseneren Besucher Theater at its best. Es gibt eben doch noch einen Ort, an dem die Volksbühne nicht in der Krise ist.


Das doppelte Lottchen
von Erich Kästner
Regie: Milan Peschel, Bühne und Kostüme: Moritz Müller.
Mit: Elisabeth Heckel (Luise), Katrin Heinrich (Trude, Fräulein Gerlach), Niels Heuser (Erzähler), Stefan Kowalski (Erzähler), Hagen Löwe (Vater), Iringó Réti (Steffi/Resi), Susanne Sachsse (Mutter), Danielle Schneider (Lotte).

www.parkaue.de


Mehr
lesen? Hier lesen Sie die Nachtkritik zu Frank Castorfs Berliner Kästner-Inszenierung Emil und die Detektive mit Milan Peschel als Dieb Grundeis.


Kritikenrundschau

Nachdem Milan Peschel den Kritiker der Berliner Zeitung (5.7.2008) Ulrich Seidler schon vor zwei Jahren mit seinem Regieebüt in der Parkaue begeisterte, sieht er es nun auch aus dieser Inszenierung sprühen, blühen, rühren und glücklich machen, dass er sich überhaupt wieder daran erinnert, wozu Kindertheater überhaupt da ist: Den Kindern die Liebe zum Theater mitten ins Herz zu pflanzen. Denn die Welt erklären könne man ihnen dann dort immer noch. Zu diesem Zweck also fahre Peschel alle bekannten Mittel des Theaters, vor allem des Volksbühnentheaters auf, was wohl auch Kreisch- und Krachorgien mit sich bringt. Hin und wieder bemängelt der Kritiker das Fehlen einer etwas ausgefeilteren Dramaturgie, mag aber dann doch nicht den Spielverderber geben. Am Ende tobte der Zuschauerraum, wie er schließlich protokolliert.

 
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