Mehr Aufreger!

23. Juli 2018. Im Tagesspiegel resümiert Christiane Peitz die ersten zehn Jahre von Katharina Wagner an der Spitze der Bayreuther Festspiele. Keine Revoluzzerin sei sie, sondern eine behutsame, auch trotzige Erneuerin, die viele Turbulenzen erlebt habe: 2012 habe der russische "Holländer" Jewgeni Nikitin wegen eines angeblichen Hakenkreuz-Tattoos kurz vor der Premiere ersetzt werden müssen, 2013 erhitzte Frank Castorfs trashiger Ring die Gemüter. Dann wurde Jonathan Meese gefeuert und stattdessen für den Parsifal 2016 Uwe-Eric Laufenberg engagiert.

Auf der Haben-Seite: "Die Etablierung der Kinder-Oper für Bayreuth, die allmähliche Öffnung des Bollwerks Bayreuth, Online-Tickets und Open-Air-Übertragung mit Public Viewing". Die künstlerische Bilanz aber sei durchwachsen: "Neuenfels’ frech-poetischer 'Lohengrin' geht noch auf Wolfgang Wagners Konto, Castorfs 'Ring' bleibt umstritten, Katharinas düsterer Tristan enttäuschte, Barrie Koskys Meistersinger-Coup kommt jetzt ins zweite Jahr. Krisenfestigkeit hin oder her, Bayreuth braucht mehr Aufreger auf der Bühne."

(geka)

 

In der Süddeutschen Zeitung (24.7.2018) schreibt Reinhard J. Brembeck: "Opernregisseurinnen und erst recht Opernintendantinnen" seien immer noch eine "große Ausnahme". Das werde "zunehmend als Problem sichtbar". Es gebe "keine Dirigentin vom Rang eines Barenboim", keine Opernkomponistin, "die sich mit Wolfgang Rihm messen könnte". Das Problem sei, "dass sich der immer gleiche männliche Blick auf die Repertoirestücke wie auf die großen Probleme des Daseins richtet". Das trage dazu bei, dass "Oper immer weniger in relevante Diskurse hineinspielt". Katharina Wagner nun, deren Tun als "Chefin des berühmtesten Festivals der Welt" Gewicht habe, drehe die "alten Männerstücke durch den Fleischwolf des Feminismus". Das mache ihre besondere Bedeutung aus. Auch die Neuinszenierung von "Der Ring des Nibelungen" in zwei Jahren solle "dem Vernehmen nach" mit Tatjana Gürbaca eine Frau machen. Sie wäre die erste Frau, die in Bayreuth den Ring inszenierte, zudem sei sie "wie Katharina Wagner gewillt, einen dezidiert weiblichen Blick auf Wagner zu werfen". Das habe sie in ihrem "Parsifal" bereits unter Beweis gestellt. Das sei auch Katharina Wagners Botschaft an die Machtmänner im Opernbetrieb: "Dankt ab - und versucht wie Amfortas, wenigstens perfekte Liebhaber zu werden."

(jnm)

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