Die Liebe ist ein Grottenolm

von Eva Walisch

Reichenau an der Rax, 2. Juli 2018. Fernbeziehungen, Treuebruch und weibliche Emanzipation – Marie von Ebner-Eschenbach, diese fortschrittliche Baronin, liest sich auch mehr als hundert Jahre nach ihrem Tod eindrucksvoll aktuell. Ihre Novelle "Maslans Frau" erzählt von Liebe als kämpferisches Kräftemessen, der Sehnsucht nach Treue. Und von einer Frau, die sich gegen gesellschaftliche Rollenbilder stemmt und auf ihrer Würde besteht.

Als die Groß-Bäuerin Evi von der wiederholten Untreue ihres Ehemanns Maslan erfährt, schwört sie ihm das Ende der Zweisamkeit. Auch dieser spricht, zornig nach der öffentlichen Blamage, einen Schwur: Niemals wieder will er um ihre Gunst betteln. Man liebt sich verzweifelt, doch nachgeben, das will keiner der beiden. Auch nicht, als Maslan im Sterben liegt.

Anna Maria Krassniggs Inszenierung am Thalhof konzentriert sich auf die kühle Distanzierung des Ehepaares. Die leidenschaftliche Liebe zwischen Maslan und seiner Frau Evi hört man nur stellenweise aus dem gesprochenen Originaltext heraus. Petra Gstrein und Jens Ole Schmieder sprechen als voneinander enttäuschte Eheleute Monologe ins Nichts, während der Dorfarzt (Martin Schwanda) ihre Liebesgeschichte erzählt. Diese Spielweise erzeugt eine Dringlichkeit, eine Spannung, die auf der Bühne konstant anhält.

Maslans Frau1 560 Christian Mair uDer Haussegen hängt schief © Christian Mair

Petra Gstrein gibt die Bäuerin Evi kühl, aber auch zerbrechlich. Eine Porzellanpuppe in geblümter Strumpfhose und mit sperrigem Blütenschmuck am Haupt. Als sie schließlich ein Brief der Geliebten ihres Mannes erreicht, starrt Evi stumm aus dem Fenster. Nur der Blumenhut zittert. Emotionaler ist der Pfarrer (Daniel F. Kamen), ein Idealist im Auftrag Gottes. Zunehmend verzweifelt er an seiner Aufgabe, die Eheleute wieder zu vereinigen, bis ihm am Ende das schweißnasse Haar in die Stirn hängt. Wie ein Schulmeister schimpft er mit Evi, stur redet er auf den sterbenskranken Maslan ein. Nicht um ihre Ehe, vielmehr um die Erhaltung seiner eigenen Werte kämpft der Geistliche.

Ehebruch in Frauenhand

Nach etwa einer Stunde folgt Anna Polonis Stück "Tiefer als der Tag" – eine zeitgenössische Antwort auf Ebner-Eschenbachs Novelle. Ein harter Cut. Poloni verlagert die Szenerie von der geblümten Bauernstube in eine psychotherapeutische Praxis mit Lederstühlen und Cocktailgläsern. Statt des Geistlichen tritt nun der Scheidungsanwalt Spor auf den Plan. Nicht die Erhaltung, sondern die Auflösung der Ehe seines Klienten Milton ist dessen Vision. Denn: "Die Jahrhunderte der Bindung sind vorbei."

Selbst lebt Spor in Beziehungen – mit Betonung auf den Plural. Dass Rosa, die Frau Miltons, ebenso Wert auf die amouröse Vielfalt legt, ist ihm dagegen zuwider. Anders als in "Maslans Frau" liegt bei Poloni der Ehebruch vorrangig in Frauenhand. Rosas Promiskuität sieht Spor als Grund genug für ein Attest, das er sich von der Therapeutin Dr. Alba erhofft. Doch die diagnostiziert vielmehr die verzweifelten Bemühungen einer Ehefrau, mit Affären das Interesse ihres Mannes aufrecht zu erhalten.

Tiefer als der Tag2 560 Christian Mair uLiebe als Aufgabe für Anwälte und Therapeuten: Anna Polonis "Tiefer als der Tag" © Christian Mair

Was folgt ist ein schwer durchschaubares Beziehungsgeflecht, dessen Figuren bis zum Ende rätselhaft und unscharf bleiben. Eine Therapeutin in Sneakers, die die nackten Beine lasziv auf der Lederlehne räkelt und während des Kliententermins Cocktails schlürft. Ein Arztgehilfe und Nachtclubbesitzer, der Falco verdächtig ähnlich sieht. Ein Mann namens Milo, der liebestrunken im Wartezimmer der Therapeutin hockt. Und ein Anwalt, der plötzlich den eigenen Abgründen ins Auge blickt.

Die Stärke des zweiten Teils dieses Abends liegt im Witz, den saloppen Formulierungen. Wenn Dr. Alba etwa spricht: "Die Liebe ist ein taubes und blindes Tier – ein Grottenolm." Nicht vernünftig, aber zielführend sei Rosas Strategie der Beziehungserhaltung, urteilt die Therapeutin. Um frech hinzuzufügen: "Kant ist tot!" Doch die Liebe – sie lebt. Wenn auch auf Abwegen. Aber schon Marie von Ebner-Eschenbach wusste: "Liebe ist Qual, Lieblosigkeit ist Tod."

 

Maslans Frau / Tiefer als der Tag
von Marie von Ebner-Eschenbach / Anna Poloni
Regie: Anna Maria Krassnigg; Bühne: Lydia Hofmann; Kostüm: Antoaneta Stereva; Musik: Christian Mair; Dramaturgische Begleitung: Karl Baratta; Dramaturgie Programmheft: Jérôme Junod; Regieassistenz: Marie-Therese Handle-Pfeiffer; Bühnentechnik: Christoph Wölflingseder.
Mit: Petra Gstrein, Jens Ole Schmieder, Martin Schwanda, Daniel F. Kamen.
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, eine Pause

www.thalhof-wortwiege.at

 

Kritikenrundschau

"Krassniggs intelligent gemachtes Kammerspiel fasziniert in seiner Klarheit", schreibt Norbert Mayer in der Presse (4.8.2018) zu 'Maslans Frau'. In 'Tiefer als der Tag' habe das Geschehen weniger Elan. "Es ist – vielleicht sogar bewusst – verwirrend mit Zügen des Absurden, besticht teilweise zwar durch Esprit, ist aber doch zu langatmig."

Die Straffung des ersten Teils wäre der wunderbaren Sprache Marie von Ebner-Eschenbachs wegen gar nicht nötig gewesen, so Thomas Trenkler in der österreichichen Tageszeitung Kurier (5.8.2018). Denn weil sie der alten Geschichte eine zeitgenössische Variante hinzufügen wollte, habe Anna Maria Krassnigg auf viel Atmosphäre verzichtet. Doch diesen zweiten, die Szenenfolge "Tiefer als der Tag", hätte die Regisseurin aus Sicht dieses Kritikers besser in andere Hände gelegt, da sie unter dem Psedonym "Anna Poloni" nämlich selbst die Autorin sei. Trotz des nicht in allem überzeugenden Doppelabends freut sich der Kritiker auf Teil 3 der Ebner-Eschenbach-Erkundung.

 

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