Umzug in die Hafen-City

von Katrin Ullmann

Hamburg, 9. August 2018. Es gibt Momente im Leben, da wäre man gern ein Kronkorken. Irgendwo unter einem Barhocker würde man liegen oder auch gern festgeklemmt in dem schmalen Spalt zwischen Fußboden und Tresen. Man würde sich naturgemäß still verhalten, würde den mehr oder weniger konsistenten Gesprächsfetzen der Barhockersitzer lauschen. Je nach Bar würde man annehmbare Musik hören, mal ein Stühle rücken, mal ein Stolpern. Man könnte auch einfach einschlafen. Keiner würde es bemerken, keinen würde es stören. Vielleicht würde man auch auf dem weiten Meer treiben. Willenlos und herrlich allein. Das Dasein als Kronkorken erscheint einem durchaus erstrebenswert. Das klingt unglaubwürdig? Es ist wahr.

Notleidender Plattenladen

Zumindest, wenn man sich durch die 120 Minuten des Musicals "König der Möwen" gekämpft hat. In großspuriger Behauptung haben Andreas Dorau, Gereon Klug und Patrick Wengenroth diese "musikalische Dramödie über die Hamburger Musik-Subkultur zwischen Identitätssuche und Gentrifizierung" herausgebracht und zeitgleich die Songs aus dem Musical auf Tapete Records veröffentlicht. Auch Subkultur kann schließlich Marketing.

KoenigderMoewen3 560 Brigitta Jahn uGute alte Zeiten, als sich die Schallplatten noch an den Wänden stapelten in "König der Möwen"
© Brigitta Jahn

Und zunächst lockt da auch der lustige Titel mit seiner naheliegenden Anspielung auf die bekanntermaßen marketinggetriebene Hanse- und Musicalstadt Hamburg. Dann aber kommt eine Art Geschichte. Und die geht, kurz gefasst, so:

Der gemeinsam mit Karoschal und Jeansjacke gealterte Plattenverkäufer Hans Reiter (Andreas Schröders) kommt mit seinem im einst mal kultigen Schanzenviertel angesiedelten Laden "Rillenreiter" nicht mehr über die Runden. In seiner Not schließt er gewissermaßen einen Pakt mit dem Teufel. In personam ist das die Hamburg Marketing, vertreten von einer gewissen Katja (Eva Löbau). Sie – eine alte und große Liebe von Hans – macht ihm das zweifelhafte Angebot, mit seinem Laden in die Hafen City umzuziehen. Nur so für zwei Tage. Damit der kaufkräftige Präsident dort zum Shoppen vorbeikommen kann. Schlagende Umsätze für eine Rundumsanierung sind garantiert.

Hamburger Sekt-und-Selters

Am Ende, das ist jetzt wirklich kein Spoiler, denn aus diesem Text wird eh keine Empfehlungsschreiben mehr, floppt der Deal natürlich. Die pragmatische Katja wechselt mit ihren Stöckelschuhen zum Denkmalschutz, Hans ist ruiniert und unfassbar traurig. Um seine Stimmung aufzuhellen stolziert eine mannsgroße Möwe (deus ex machina!) vorbei. Hans ist großer Möwenfütterer und -fan, das muss man wissen.

KoenigderMoewen 560 Brigitta Jahn uHey, Kinders, was nun? Ratlosigkeit im Rillenreiter mit dem Ex-Undergroundpopstar (Daniel
Hoevels) und der ambitionierten Newcomerband © Brigitta Jahn

Das Tierkostüm tätschelt ihm mit seinem Flügel auf die Schulter und gibt ihm via Videoclip (Anne Schulte & Brigitta Jahn) einen alptraumhaften Einblick in die Hamburger "High Society": Udo Lindenberg, Karl Lagerfeld, H.P. Baxxter, Loki und Helmut Schmidt, Olaf Scholz, Stefan Hennsler, Jil Sander und wie sie alle heißen nicken da mit ihren papiernen Köpfen auf einer scheinbar wichtigen Sekt-und-Selters-Party. Anschließend erkennt Hans, dass er nichts erkannt hat und sagt, dass er auch gar nicht wissen will, wer er ist oder so ähnlich. Mit letzter Kraft und zutiefst verzweifelt robbt er sich zu einer schicken Bodenprojektion mit flatterndem Getier und füttert, in schützende Embryonalstellung gekauert, seine Video-Möwen.

Kronkorken auf dem Meer

Diese dramaturgisch mehr als dünnbeinige Story wird mit zahllosen und wahllosen Zwischenszenen zugeschüttet: zu Gentrifizierung, Hafenstraßenbesetzern, Coffee-to-Go-Ketten, Bands mit Haltung, wahrer Subkultur, Aktivistengruppen, roten Buchläden, Urban-Gardening-Projekten, TAZ-Abos, Chauvinismus ist überall und früher war alles besser.

Schwache Dialoge, müde Anspielungen, der regelmäßig aufbrüllende Ex-Undergroundpopstar Andre Winter (Daniel Hoevels), die quietschige Mitarbeitern Sanni (Kerstin König) und eine ambitionierte Newcomerband, die sich alle zehn Minuten neu erfindet, um ihre Musik gezielter auf den Markt zu bringen (diese Idee ist an sich ganz charmant, führt aber ganz woandershin) stiften fahrige Verwirrung und vor allem gähnende Langeweile. Irgendwann singt auch mal jemand und schließlich auch der traurige Hans. Er macht das gut und der Text ist wirklich schön. Der Refrain geht so: "Die Situation ist und war prekär. Ich bin ein Kronkorken auf dem Meer." Ein Kronkorken. An diesem Abend tatsächlich eine denkbare Alternative.

König der Möwen
Konzeption, Text: Andreas Dorau, Gereon Klug, Regie: Patrick Wengenroth, Bühne: Christine Grimm, Kostüme: Eva Schmid, Video: Anne Schulte, Musik, Komposition: Andreas Dorau, Carsten Friedrichs, Gunther Buskies, Zwanie Jonson.
Mit: Eva Löbau, Andreas Schröders, Daniel Hoevels, Kerstin König, Marthe Lola Deutschmann, Julius Forster, Sebastian Doppelbauer, Valentin Richter, Sebastian Suba.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.kampnagel.de

 

Kritikenrundschau

Die muntere Crew um Regisseur Patrick Wengenroth, um Andreas Dorau und Gereon Klug laufe zwar auf zu einer großen Anti-Show, so Peter Helling im ndr (10.8.2018). "Und trotzdem: Dieser Abend steht auf der Bremse. Die Dialoge schleppen sich dahin, sind leider nur halbwitzig." Das starke Ensemble um Eva Löbau, Andreas Schröders und Daniel Hoevels könne in die schwachen Texte nicht richtig eintauchen. Fazit: "Die eigentlich total brisante Geschichte vom Ausverkauf Hamburgs, vom Ende der kleinen Läden: Sie hat keinen Biss."

"Die Gagdichte ist hoch, eigentlich ist alles Gag", so Christoph Twickel auf Spiegel online (10.8.2018), "nicht zuletzt die Handlung, eine Mischung aus Nick Hornbys 'High Fidelity' und Tino Hanekamps Hamburg-Roman 'So was von da'". Alles sei in dieser Musical-Persiflage so überironisiert, "dass auch der faustische Kern und Grundkonflikt wie eine Karikatur daherkommt." Eigentlich berichte "König der Möwen" vom Bedeutungsverlust der Popkultur und davon, dass eine Haltung haben furchtbar alt geworden sei. Fazit: "In einer besseren Welt würde 'König der Möwen' in der selbsternannten Musicalhauptstadt Hamburg in einem eigens dafür errichteten Hafentheater fünf Jahre lang en suite laufen. Aber andererseits: Was für eine schreckliche Vision!"

'König der Möwen' erzähle von "der tapferen Verarmung eines Vinyl-Enthusiasten, wie man sie auch aus den 'Vernon Subutex'-Romanen von Virginie Despentes kennt, nur in selbstironisch", schreibt Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (13.8.2018). "Bei aller Ironie und den vielen munteren Musikzitaten, die diese nette Wiedergeburt des kritischen Lehrstücks vorantreiben, stellt 'König der Möwen' eine echte moralische Frage: Wann wird aus der sturen Verweigerung des Verrats doch Selbstverrat? Ganz im Sinne eines berühmten Musiktheaterdichters, der mal sagte: 'Erst kommt das Fressen, dann die Moral!'"

"Es gibt ein paar hübsche Songs mit 'Der momentane Moment' oder 'Wehr dich nicht'. Dazwischen aber schwächeln die Dialoge, die Dramaturgie holpert. Es gibt viel nervtötenden Szene-Sprech ('Fresh', 'Tight', 'Alter'), bemühte Ironie und zu wenig Pointen", schreibt Annette Stiekele im Hamburger Abendblatt (11.08.18).

 

 

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