Hana redet nicht so viel

von Falk Schreiber

Hamburg, 15. August 2018. Cuckoo Electronics Co, Ltd. ist ein koreanischer Hersteller von Kleinelektronik, im Bereich der Reiskocher der lokale Marktführer noch vor Weltkonzernen wie Samsung. Als er in den Nullerjahren Korea in Richtung Niederlande verlassen habe, erzählt der Musiker und Performancekünstler Jaha Koo, habe er drei Dinge mitgebracht: ein wenig Kleidung. Einen Laptop. "And a Cuckoo." Der Performer strahlt, er hat das gemacht, was Migranten häufig machen: sich ein wenig Heimat in die Ferne geholt, Heimat in kulinarischer Form. "Hast du schon gegessen?", begrüßt man einander in Korea, "Hallo".

Sprechende Reiskocher

Jaha Koos Stück "Cuckoo", das seine Deutschlandpremiere beim Internationalen Sommerfestival im Hamburger Kulturzentrum Kampnagel feierte, ist ein Abriss der jüngeren koreanischen Geschichte: die Schuldenkrise Ende der Neunziger, die folgenden neoliberalen Reformen, die einerseits die Wirtschaft stabilisierten, die Gesellschaft andererseits nachhaltig verstörten, schließlich der Aufstieg zum Tigerstaat auf Kosten der arbeitenden Bevölkerung. Heute prosperiert Korea zwar ökonomisch, allerdings weist eine der weltweit höchsten Suizidraten darauf hin, dass hier etwas nicht zu stimmen scheint. "A society under pressure" nennt Jaha Koo das Land mehrfach.

Cuckoo2 560 Radovan Dranga uMensch und Technik: Jaha Koo mit Hana, Duri und Seri © Radovan Dranga

"Cuckoo" beschreibt diese Entwicklung mittels Videos, Texteinspielungen, Erzählungen des Künstlers, die die abstrakte Wirtschaftsgeschichte biographisch grundieren. Vor allem aber mittels dreier Reiskocher, Hana, Duri und Seri, die im Vordergrund vor sich hindampfen. Diese drei Cuckoos sind ästhetisch nach der in Ostasien beliebten Kawaii-Ästhetik modelliert: knubbelige Miniroboter in glatten, anschmiegsamen Formen, die zwar unbeweglich auf ihrem Tisch verbleiben, aber immerhin mit Sprachchips ausgestattet sind.

Hana nutzt diese Fähigkeit zur Sprache kaum, tatsächlich macht sie, was man von einem Reiskocher erwartet: Sie kocht Reis, und als der gegen Ende der knapp einstündigen Aufführung gar ist, gibt sie Laut. "Hana redet nicht so viel", beschreibt Duri ihre Kollegin, dafür redet Duri umso mehr. Zum Beispiel, dass sie ja eigentlich ursprünglich auch ein Reiskocher gewesen sei, in diesem Moment aber Darstellerin in einem Theaterstück, "who says, a rice cooker can cook only rice" – und plötzlich spürt man, dass es hier um etwas geht, das über die Kulinarik hinausweist, um Befriedigung und Erfüllung im Job zum Beispiel. Ein Thema, das etwas später auch Jaha Koo anspricht, wenn er vom Suizid eines Jugendfreundes erzählt, der sich, so wird angedeutet, totgeschuftet hat.

Küchengeräte? Charaktere? Künstliche Intelligenz?

Es gibt einen unausgesprochenen roten Faden beim diesjährigen Internationalen Sommerfestival, und der ist das Puppen- und Objekttheater, mit Stücken wie Ho Tzu Nyens "The mysterious Lai Teck" und Thom Luz' "Sea of Fog". Auch "Cuckoo" kann man in dieser Reihe sehen, obwohl Jaha Koos kurzer Abend optisch weit weniger spektakulär daherkommt als die teils sehr aufwendigen anderen Produktionen. Hier sieht man eben drei (für das westliche Auge ungewohnt hochtechnisierte) Küchengeräte, aus denen sich nach und nach Charaktere entwickeln, die Arbeitsbiene Hana, die leutselige Duri, die missgünstige Seri. Man erfährt etwas über ein Land, das einem zuvor mehr oder weniger fremd war. Man spürt den Verwerfungen einer globalisierten Wirtschaft nach. Inhaltlich lässt sich durchaus einiges draus ziehen, aber die ästhetische Sprödigkeit bremst den Inhalt immer wieder aus. Als Theater ist "Cuckoo" eine Petitesse, aber es ist eine Petitesse, die in sich stimmig ist.

Nach 55 kurzen Minuten sind wir ein wenig in die drei Cuckoos verliebt. Die Kälte gesellschaftlicher Depression, die Verflechtung der Weltwirtschaft, ein Niedlichkeitsflash. Und schließlich singt Hama einen kleinen Jingle. Reis ist fertig.

Cuckoo
von Jaha Koo
Koreanisch mit englischen Übertiteln
Konzept, Regie, Text, Musik, Video: Jaha Koo, Bühne, Media Operation: Eunkyung Jeong, Cuckoo Hacking: Idella Craddock, Dramaturgische Beratung: Dries Douibi.
Mit: Hana, Duri, Seri, Jaha Koo.
Dauer: 55 Minuten, keine Pause

www.kampnagel.de
www.gujaha.com

 

 

Kritikenrundschau

Tilll Briegleb schreibt im Rahmen seines Festivalberichtes in der Süddeutschen Zeitung (21.8.2018): "Ergreifend" erzähle Koo von "der Verzweiflung der leidtragenden und kämpfenden Bevölkerung Südkoreas, vom eigenen Versagen gegenüber dem Freund, aber vor allem von der heuchlerischen Hilfstätigkeit des IWF, der die Existenz von Millionen Menschen für die Interessen einiger Finanzinstitute opferte".

 

 
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