Hinter den Statuen

von Kornelius Friz

Weimar, 24. August 2018. Auf dem Gang beginnt "Meet Juliet, Meet Romeo", mit Kopfhörern auf den Ohren. Es werden immer zwei Personen zur gleichen Zeit eingelassen. Während sie anhand eines Hörspiels mit plätschernden Piano-Sounds nach Verona getragen werden sollen, flüstert die eine Einlassperson zur anderen: "Im Theater will ich echte Menschen sehen. Das hier interessiert mich nicht, da könnte ich auch ins Kino gehen."

"Meet Juliet, meet Romeo" ist die zweite Arbeit, die die CyberRäuber beim Kunstfest Weimar zeigen, Regie führte Branko Janack. "Was ist das? Dass ich, was ich hasse, lieben muss?", fragt Julia, noch bevor ich die nur scheinbar vorhandene, die virtuelle Realität (VR) betrete. Laut Programmblatt ist es ein 45-minütiges "virtuelles Theatererlebnis nach William Shakespeares 'Romeo und Julia'".

Zoom in! Obwohl ich die überschaubare Studiobühne des Deutschen Nationaltheaters Weimar betrete, lande ich in einem gigantischen Museumsbau voller Skulpturen und Gemälden bis unter die hohen Decken. Kaum habe ich Kopfhörer und VR-Brille auf, kommt die Amme auf mich zu. Sie überredet mich (als Julia), sie zum Maskenball zu begleiten, wo ich mit Paris verkuppelt werden solle. Obwohl sich das Kabel, das von meinem Hinterkopf wegführt, immer wieder zwischen meinen Füßen verheddert, bin ich sofort gefangen in der Welt dieses Museums. Dass sie nur in meiner Bildschirmbrille existiert, wird mir ständig vor Augen geführt, wenn die Körper der Figuren keine Rückseite haben oder beginnen, sich aufzulösen, sobald ich einen Schritt zur Seite mache. Doch die Illusion macht das nicht kaputt.

Liebesschwindel, Höhenangst

Mithilfe eines (gar nicht so selbsterklärenden) Controllers kann ich durch die Gänge des Museums springen. Sofort teste ich meine Möglichkeiten aus und springe in eine der Statuen. Ich habe eine Anomalie der Software erwartet und lande stattdessen in einer Schlüsselszene aus Shakespeares Tragödie: Ein Geistlicher, Bruder Lorenzo, übergibt Julia den Schlaftrunk. Nach wenigen Sekunden verschwinden die beiden wieder, und ich bin zurück im Museum. Erkunde Statue für Statue: Hinter jeder verbirgt sich eine neue Welt. Manche sind faszinierend detailliert, andere herzerweichend: ein inniger Kuss im nicht enden wollenden Sternenhimmel, Popschnulze dazu, zack, zurück ins Museum, bevor es kitschig werden kann!

Romeo2 560 CyberRaeuberIm Shakespeare-Museum © CyberRäuber

Wofür ich mir Zeit nehme und in welcher Reihenfolge, suche ich selbst aus. Die eindrücklichste Szene hätte ich gerne wieder und wieder angeschaut, aber das ist nicht möglich, die Szenen können nicht mehrfach angewählt werden. Wahrscheinlich ist es auch besser, dass Julia mir nur einmal erklären kann, wie viel größer als die Fehde der Montagues und Capulets ihre Liebe sei. Denn wir stehen dabei auf winzigen Stehlen in einem endlosen blauen Nichts, das an Bildschirmschoner von Windows erinnert, nur in vier Dimensionen. Ich traue mich kaum zu atmen oder mich zu bewegen. Das mag an der Liebeserklärung in direkter Anrede liegen, vor allem aber an der Höhe, in der Julia und ich (als Romeo) vermeintlich stehen.

Die Orientierung im Museum ist längst verloren, die dramaturgische jedoch nicht: Da der Shakespeare-Stoff so bekannt ist, eignet er sich perfekt für diese Form von Theater; stiftet die szenische Unordnung, die ich als interaktiver Zuschauer in Kooperation mit Janack und den CyberRäubern schaffe, keine Verwirrung. Ich wünsche mir sogar weitere Möglichkeiten, den Szenen der Tragödie spielerisch nachzuspüren wie in einem Computerspiel. Dafür müssten Dialoge länger, Welten weiter sein und noch mehr Entscheidungen in der Hand des Publikums. Immersiv wie ein Egoshooter ist das Erlebnis allemal: Wenn Julia die Waffe auf Romeo richtet, gehe ich schleunigst aus der Schusslinie ... Man kann ja nie wissen!

Letzter Akt: Mitfiebern

Die letzte Szene im virtuellen Raum: Die Vorderseiten der Avatare von Julia und Romeo stehen einander gegenüber, im Ohr dazu ein Shakespeare-Dialog. Dann vermehren sich die Figuren, bis sie so viele sind, dass sie sich mit den Mündern begegnen. Zoom out! Das Museum verschwindet, wird wieder zum blanken Spielfeld mit den grünen Rasterlinien, die mir die Grenzen des realen Raumes anzeigen.

Romeo4 560 CyberRaeuberVR von außen betrachtet © CyberRäuber

Abschließend, die VR-Brille wurde weitergereicht, ist ein Bildschirm-Triptychon zu sehen: Mittig, in voller Größe, eine Bildercollage der unerfüllten Liebe, von antiken Statuen über James Bond bis hin zu "I Love You"-Memes mit zwei blauen Whatsapp-Häkchen. Die Screens links und rechts davon zeigen die VR-Perspektive der nachfolgenden Zuschauenden. Von der Couch aus fiebert man mit: Für welche Szenen entscheiden sie sich, für welche Perspektive? Haben auch sie Höhenangst? Und wie kommen sie mit dem Controller klar? Erst jetzt, der Geschwindigkeit und den Blicken Anderer ausgeliefert, wird mir bewusst, wieviel Handlungsmacht ich hatte. Diese Erfahrung kann keine Kinoleinwand bieten, auch nicht als 3D-Event.

Digitale Ästhetiken und virtuelle Erzählstrategien und das Theater und sein Publikum: So nah wie hier kommen sie sich noch selten. Wie schön wäre es, wenn eine Liebe zwischen ihnen möglich würde.

 

Meet Juliet, Meet Romeo
nach William Shakespeares "Romeo und Julia"
Entwicklung: CyberRäuber (Björn Lengers, Marcel Karnapke)
Regie: Branko Janack, Musik: Max Nübling, Visual Consulting: Cleo Niemeyer.
Mit: Bastian Heidenreich, Julius Kuhn, Lutz Salzmann, Isabel Tetzner, Dascha Trautwein.
Dauer: ca. 45 Minuten (Einlass alle 20 Minuten für jeweils zwei Personen)

www.kunstfest-weimar.de

 

 

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