Dann lieber wildpinkeln

von Michael Wolf

6. September 2018. Treue Leser dieser Kolumne ahnten es sicher schon: Mein Steckenpferd ist die Hygiene. Ich habe keine Angst vor Krankheiten, vielmehr verstehe ich Reinlichkeit als ästhetische Herausforderung. Mit dieser Haltung stehe ich nicht allein am Pissoir. Immer wieder ist zu hören, dass Zuschauer am Programm ihres Theaters nicht viel auszusetzen hätten. Unzufrieden seien sie hingegen mit den langen Schlangen vor den Bedürfnisanstalten, ihrem Zustand. Werfen wir also einen kritischen Blick in die Herrentoiletten einiger Berliner Theaterhäuser.

Trendthema Unisex

Die Damen mögen ihre eigenen Erfahrungen in der Kommentarspalte hinterlassen. Schüchternheit hinderte mich, hier investigativ tätig werden. Zwar haben die Sophiensaele Unisex-Toiletten eingeführt, aber auch der kleine Königstiger erweist sich als Gewohnheitstier. Die neuen Schilder werden kaum beachtet. Die Wahl ihres Geschlechtes ist für Menschen mit akutem Harndrang offenbar sekundär.

kolumne wolfDas Berliner Ensemble bemüht sich derweil subtil um einen Ausgleich zwischen Mann und Frau, die Unannehmlichkeiten beim Toilettengang betreffend. In seinem Stück "Baal" dichtete Brecht, der liebste Ort auf Erden sei der Abort. Tatsächlich würde man lieber im Garten Eden wildpinkeln als im Theater am Schiffbauerdamm. In der klaustrophobischen Enge ist keinesfalls gesichert, ob es der eigene Hosenschlitz war, den man gerade öffnete.

Das BE aber auch das Deutsche Theater leiden zudem an einem Syndrom, das ich die Abonnenten-Prostata nenne. Dessen Symptom sammelt sich zu Füßen des bedürftigen Zuschauers. Es gilt, einen adäquaten Abstand zum Pissoir einzuhalten, um nicht in den verfehlten Urin des blasenschwachen Bildungsbürgertums zu treten. Der Boden glänzt mitunter als habe Vegard Vinge hier geprobt. Es braucht mehr Urologen unter den Theaterärzten.

Stoß mit dem Ellbogen

Am Deutschen Theater wäre schon mit einem Handgriff viel gewonnen. Hygienisch Sensible wie mich würden es außerordentlich begrüßen, gäbe es statt des Knaufs eine Klinke, sodass die Tür mit dem Ellbogen geöffnet werden könnte. Nicht wenige Zuschauer lassen, vom zweiten Klingeln aufgeschreckt, das Waschbecken links liegen und greifen mit verschmutzten Fingern nach dem Knauf. Auch unter Schöngeistern finden sich viele Schmuddler.

Anderes liegt an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz im Argen. Ob bei Castorf, Dercon oder Dörr – am Pissoir sind alle Männer gleich. Hier stehen sie in einem schlauchartigen Raum dicht gedrängt. Die genügende Anzahl der Pissoirs verbuchen wir auf der Habenseite. Das junge Publikum am Rosa-Luxemburg-Platz frönt aber einer lässlichen Eitelkeit, vor den wenigen Spiegeln wird es eng. So kann der Undercut kaum sorgfältig glattgestrichen werden, da schon der nächste Männerdutt justiert werden will.

Ursprung aller Bühnenkunst

Licht und Schatten auch an der Schaubühne. Ist die Karte erst abgerissen, öffnen sich dem Zuschauer Schwingtüren mit hübschen Bullaugen. Dahinter zahlreiche Pissoirs und funkelnde Waschbecken, kein Mangel beschränkt hier die Bedürfnisse. Was aber, wenn man noch ein Getränk an der Bar zu sich nehmen möchte? Über Jahre blieb nichts anderes übrig, als die Treppe vom Kassenfoyer ausgehend hinabzusteigen. Von der dort liegenden – inzwischen gesperrten – Latrine Näheres zu berichten, verbietet meine gute Erziehung.

Nennen Sie mich konservativ, aber ich konnte mit Urin, Kot und Erbrochenem schon auf der Bühne nie viel anfangen. Jenseits der Rampe gehören Körperflüssigkeiten erst recht so diskret wie möglich abgeführt. Es gilt, neben der finanziellen und ästhetischen nicht auch noch eine sanitäre Krise des Stadttheaters zu riskieren. Mehr noch: Die Behebung der Missstände stieße womöglich die Klotür weit auf zum Ursprung aller Bühnenkunst. Niemals vergessen: Katharsis heißt Reinigung.

 

Michael Wolf, Jahrgang 1988, ist Redakteur bei nachtkritik.de. Er mag Theater am liebsten, wenn es schön ist. Es muss nicht auch noch wahr und gut sein.

 

Zuletzt schrieb Michael Wolf über Aktivismus, Artivismus und das Peng-Kollektiv

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