Methode: Arschloch

von Janis El-Bira

Berlin, 7. September 2018. Und dann wird doch noch ein Name genannt in "Yes But No", dem neuen Stück von Regisseurin Yael Ronen und ihrem Ensemble, mit dem das Gorki-Theater seine neue Spielzeit eröffnet. Lange hatte Taner (Taner Şahintürk) uns und seine Mitspielerinnen hingehalten, wer der "berühmte Volksbühnen-Regisseur" war, der ihm zu Schauspielstudienzeiten an einer Mitstudierenden vorgeführt haben soll, "wie ein richtiges Arschloch fickt" – der berühmte Regisseur 67, die Studentin 21 Jahre alt.

Zuvor konnte man vielleicht noch lachen über den wirren Quatsch, den Taner aus der damaligen Probenarbeit erinnert. Dass die Spieler nackt auf die Bühne krabbeln, sich in die Hand scheißen, Deutschlandflaggen beschmieren und Hakenkreuze malen sollten. Regietheater eben. Berserkerhaft, großkünstlerisch, irgendwie peinlich, irgendwie genial. Aber dann wird es unangenehm, quälend, wenn Taner die Stöße imitiert, mit denen der Regiealtmeister das arschlochgemäße Ficken an der jungen Frau simuliert haben soll. Es wird abgefragt: Schlingensief? Natürlich nicht. Castorf? Nö. Die Namen klirren wie Porzellan, das im Nebenzimmer aus dem Schrank fällt. Man hofft, dass nicht die Lieblingstasse darunter war. Schließlich sagt Taner: "Leute, ich habe kein Problem damit zu sagen, dass es Johann Kresnik war."

YesbutNo1 560 Ute Langkafel uIm Dienste der Aufklärung. Vorne: Orit Nahmias; hinten: Svenja Liesau, Riah May Knight, Lindy Larsson, Taner Şahintürk © Ute Langkafel

Für Momente wie diesen muss das Theater irgendwann einmal erfunden worden sein. Königsmord auf offener Bühne, im Spiel zwar und doch so wirklichkeitssatt, dass ein Kritikerkollege beim Pausengespräch schon rechtliche Konsequenzen fürchtete. Aber natürlich ist das, was dem Regisseur Kresnik – oder besser noch: einer Texterscheinung, die den Namen "Johann Kresnik" trägt – vorgeworfen wird, nicht justiziabel. Der Text identifiziert das selbst, wenn er Taner sagen lässt: "Für ihn ist das sicher keine #MeToo-Geschichte, sondern seine Methode. Der ist einfach so." Und vielleicht ist das nicht nur für den Beschuldigten kein #MeToo-Moment, sondern überhaupt keiner. Denn schließlich hat die junge Studentin in die "Methode" ja eingewilligt. Doch es ist genau diese heikle Nicht-Ausdrücklichkeit des Yes-but-no, um die Yael Ronens Abend mit großer Leichtigkeit kreist: Ein "me, too?", das kein #MeToo, ein Ja, das nur geradeso kein Nein, ein ekelhafter Typ, der aber doch kein Täter ist.

Bedrohte Männlichkeit im Studio

Auf die mehr oder weniger ekelhaften Typen hatte zuvor indes schon die Ouvertüre dieser Saisoneröffnung vorbereitet. Im Gorki-Studio war mit "You Are Not The Hero Of This Story" von Suna Gürler und Lucien Haug eine Premiere zu sehen gewesen, in der sehr wohl die Männer die Helden der Geschichte waren, wenngleich sie zum überwiegenden Teil von Frauen gespielt wurden. Haugs und Gürlers Text appliziert den Mythos von der bedrohten Männlichkeit, wie er etwa von Jens Jessen in der ZEIT wortreich herbei gemansplaint worden ist, auf eine Theatersituation, in der Haupt- und Nebenrollen klar verteilt sind und das Wort "Intendanten" garantiert kein generisches Maskulinum ist. Der selbsterklärte Star der Show heißt bezeichnenderweise Adam (Elena Schmidt) und findet, dass sich alle mal nicht so anstellen sollen. Dazu gibt es vom Band O-Töne besorgter Mit-Männer, über die sich relativ wohlfeil amüsieren lässt. Viel Spaß macht hieran vor allem das junge, in identische Business-Anzüge gepresste Ensemble, das so lange ackert, stampft und ringt, bis sich beim Herabrutschen von der fies schrägen Bühnenrampe lange Schweißschlieren bilden und das winzige Studio zum Dampfbad wird.

YesbutNo2 560 Ute Langkafel uIm Bühnenbild von Magda Willi: Riah May Knight, Lindy Larsson, Taner Şahintürk, Svenja Liesau
© Ute Langkafel

Yael Ronens "Yes But No" hingegen bleibt anschließend über den heiklen Kresnik-Punkt hinaus erstaunlich schweißfrei. Überhaupt eint ja die besten Arbeiten dieser Regisseurin, dass sie eben so gar nicht nach Arbeit aussehen. Großartig sind auch in "Yes But No" die völlig bruchlosen Temperaturwechsel, wenn etwa die anfänglichen Erzählungen des Ensembles über kindliche Körpererkunden und erste Masturbationserfahrungen quasi unmerklich in Missbrauchsberichte hinübergleiten. Wie so häufig bei Ronen entfaltet dabei das unauflösliche Oszillieren zwischen Spieler-Autobiographie und geformter Figurenrede eine emotionale Dringlichkeit, die unmittelbar berührt: Wenn Svenja (Svenja Liesau) vom sexuellen Übergriff durch den Stiefvater berichtet und wie ihre Mutter diesen durch das Anschalten des Föns zu übertönen versuchte, dann wünscht man sich mehr denn je, das alles möge einfach nur Theater sein.

Dass es das nicht nur, aber eben auch ist, verdankt diese "Diskussion mit Songs", wie der Abend im Untertitel heißt, vor allem den Musiknummern. Dafür hat man sich die Dienste des überaus erfolgreichen israelischen Komponistenduos Yaniv Fridel und Ofer Shabi ans Haus geholt – und das Ergebnis dürfte auf der Sprechtheaterbühne durchaus maßstabssetzend sein. Schöner gebaute und professioneller gesungene Songs als etwa das Duett zwischen Riah May Knight und Lindy Larsson über das Aufsetzen einer (äußerst expliziten) Einvernehmlichkeitserklärung vor dem Sex wird man jedenfalls auch an Berlins Musical-Buden kaum hören. Lustigere sowieso nicht.

Schau mir in die Augen

Es ließe sich also uneingeschränkt von einem kleinen Triumph berichten, wäre dieser Abend nur die schlanken 75 Minuten kurz, die der erste Teil dauert. Doch nach der Pause bittet das Ensemble in kleinen Gruppen zum Workshop. Unversehens findet man sich (in diesem Fall) auf der Hinterbühne wieder und wird unter Anleitung aufgefordert, seinem Gegenüber mal ganz tief in die Augen zu schauen und ihn oder sie per Handzeichen auf sich zukommen zu lassen, bis die "comfort zone" ausgereizt ist. Dazu gibt es schmusiges Rotlicht, viel käsige Musik und gar nichts von der Doppelbödigkeit, mit der "Yes But No" zuvor fasziniert hatte. Deshalb zum Schluss eine handfeste Empfehlung: Von der wichtigen Möglichkeit, jederzeit nein sagen zu dürfen, sind auch zweite Hälften von Theaterabenden nicht ausgenommen. Und: No means no.

 

Yes But No
Eine Diskussion mit Songs von Yael Ronen & Ensemble
Regie: Yael Ronen, Bühne: Magda Willi, Kostüme: Amit Epstein, Songs und Musik: Yaniv Fridel, Shlomi Shaban, Ofer Shabi, Video: Hanna Slak, Licht: Gregor Roth, Dramaturgie: Irina Szodruch.
Mit: Riah May Knight, Lindy Larsson, Svenja Liesau, Orit Nahmias, Taner Şahintürk.
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, eine Pause

 

You Are Not The Hero Of This Story
von Lucien Haug und Suna Gürler
Regie: Suna Gürler, Bühne und Kostüme: Christina Mrosek, Dramaturgie: Rebecca Ajnwojner.
Mit: Maryam Abu Khaled, Mareike Beykirch, Karim Daoud, Tahera Hashemi, Elena Schmidt.
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.gorki.de

 

Kritikenrundschau

Tobi Müller lobt in Fazit auf Deutschlandfunk Kultur (7.9.2018) die "herausragende" Qualität der Songs und ihrer Aufführung. "Verlabert" sei wenig bei diesem therapeutischen Musical – im ersten Teil. Es gehe verhalten los, würde dann sehr lustig, es folge wie üblich bei Yael Ronen der "Nackenschlag". Was der Abend genau ansprechen wolle, bleibe mitunter "vage". Nach den gut gebauten 75 Minuten dieses Abends habe es dann im zweiten Teil eine "unverschnittene, leicht esoterische Theaterpädagogik-Stunde" gegeben, die Müller sehr erstaunt und ein merkwürdiges Licht auf das Vorherige geworfen habe.

Patrick Wildermann fragt im Berliner Tagesspiegel (online 8.9.2018) rhetorisch ob es wirklich sein könne, dass sich das Gorki-Theater in Zeiten da in Chemnitz der Hitlergruß zum Massensport werde, ausgerechnet der #MeToo-Debatte widme, und antwortet sich selbst: "Ja. Zum Glück!" Denn erstens sei die Debatte "über Deutschland allzu geräuschlos hinweggezogen" und zweitens sei Krisenspezialistin Yael Ronen mit "ihrer krampflösenden Unverschämtheit prädestiniert für das Thema". "Yes But No" wolle durch den "Riss im System, der hinter der Krise aufscheint", auf das "utopische #MeToo-Potenzial" blicken und zu einer neuen "Kultur des Einvernehmens" finden! Mit "furiosen Musicalnummern über minutiöse Sexverträge" und einem interaktiven Workshop, bei dem die Zuschauer"zu Übungen in Sachen Nein-Sagen und Nähe-Wagen gebeten sind". Nichts "für schwache Nerven".

"Geschickt bringt Yael Ronen mit ihrem Ensemble das ganze Spektrum der #MeToo-Debatte auf die Bühne", berichtet Nadine Kreuzahler im rbb (8.9.2018) "Erst wird viel gekichert, als die Schauspieler mal verschämt, mal amüsiert, mal albern davon erzählen, wie sie als Kinder ihre Sexualität entdeckten. Aber das Lachen bleibt einem schlagartig im Halse stecken. Aus harmlosen Kindheitsdoktorspielchen werden knallharte Missbrauchs- und Vergewaltigungserlebnisse. Bei dem einen war es die Oma, bei der anderen der Opa und die Mitschüler. Das gipfelt in emotionalen Ausbrüchen und Befreiungsschreien. Momente, die tief berühren."

"Eine Handlung gibt es nicht, aber Anekdoten-Monologe, Argumente, witzige Auseinandersetzungen", berichtet Georg Kasch in der Berliner Morgenpost (9.9.2018). "Wie immer jagt Ronen unter komischem Hochdruck ihre Schauspieler aufeinander, bis sie unvermittelt zu Schmerzpunkten vordringen, um sich in einen Song zu retten, eine Pointe, eine Selbstermächtigung." Über das zweite Stück des Abends "You are not the hero of this story“ heißt es: "Der Versuch, Männer- und Theater(haupt)rollen in ein produktives Verhältnis zu setzen, zündet nur bedingt."

Ulrich Seidler beklagt in der Berliner Zeitung (10.9.2018) die sowohl bei Yael Ronen als auch in Suna Gürlers Abend diagnostizierte Abwesenheit von dramatischem Konflikt, die der "Tod des Theaters" bedeute. Über Ronens "Yes but No" heißt es: "Hier wird das Metoo-Thema konkret und (pseudo?)-biografisch unterfüttert. Fünf Schauspieler erzählen von sexuellen Erlebnissen, von ersten unschuldigen Entdeckungen, skurrilen Selbstbefriedigungsmethoden und zwischenmenschlichen Missverständnissen, bei denen man nicht ganz sicher sein kann, ab wann sie verletzend sind. Auf einmal hört man von Nötigung, Missbrauch und Vergewaltigung, von seelischen Wunden, ohne dass man den Moment, an dem es gekippt ist, bemerkt hätte. Bis wann ist es lustig, ab wann ist es falsch?"

"Mut" bescheinigt Mounia Meiborg in der Süddeutschen Zeitung (11.9.2018) Yael Ronen, denn "Yes but no" sei "eine theatrale Erkundung, die wehtut". Die Berichte der Schauspieler*innen wirkten "wie der intime Facebook-Post eines Fremden: Tief beschämend und faszinierend zugleich". Und der an den Bühnenabend anschließende Workshop sei zwar kein Theater, aber "vielleicht das Beste, was einem Theater zum Spielzeitbeginn passieren kann: zum sozialen Ort zu werden". Suna Gürlers Stück wird als trockener "Theoriediskurs, der auf halber Strecke zwischen Proseminar und René Pollesch-Inszenierung stecken geblieben ist", beschrieben.

 

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