Demokratie-Spiele

von Veronika Krenn

Wien, 8. September 2018. Opfer oder Täter, das ist hier die Frage. "Die Bosheit, die ihr mich lehrt, will ich ausüben", sagt Shylock. An andrer Stelle legt er nach: "Du nannt'st mich Hund, bevor du Grund dazu hattest, doch weil ich ein Hund bin, hüte dich vor meinen Fängen." Der Jude in William Shakespeares "Kaufmann von Venedig" ist eine Figur, die sich seit dem Jahr 1604 im Laufe der Interpretationsgeschichte radikal gewandelt hat: Vom grell maskierten Scheusal, das von seinem Schuldner ein Pfund Fleisch aus seinem Körper einfordert, bis zur NS-Zeit, wo die Figur einschlägig antisemitisch interpretiert wurde. Nach 1945 setzte langsam ein Umdenken ein und Shylock wurde als Opfer des an ihm verübten Unrechts gezeigt. Anna Badora setzt bei ihrer Interpretation des umstrittenen Klassikers auf eine demokratische Entscheidung.

Was ist das überhaupt, ein Jude?

Am Beginn ihrer Inszenierung stehen zwei Fragen an das Publikum: Wer soll den Juden spielen? Und was ist das überhaupt, ein Jude? Die Regisseurin wirft dem Volkstheaterpublikum so den Ball zu. Es soll demokratisch entscheiden, welcher der zwei Kandidaten – oder die Kandidatin – die Figur des Juden Shylock interpretieren soll. Wird es der traditionelle "Wiener Jude", interpretiert von Sebastian Pass, Anja Herden als Geschäftsfrau und Bankerin oder ein Kapitalist und Geschäftsmann, verkörpert von Rainer Galke?

Kaufmann4 Anja Herden 560 lupispuma.com Volkstheater 2 420x280Anja Herden im "Kaufmann von Venedig"  © Lupi Spuma

Am Premierenabend kürt per Applauspegel das Publikum Anja Herden, die eine von Rache getriebene Geschäftsfrau spielt, die auf ihrem Recht beharrt und alles verliert. Bei einer zweiten Wahl, mittig im Stück, muss noch einmal die Hauptfigur gewählt werden und das Publikum bestätigt Herden, so dass in dieser ersten Vorstellung kein Wechsel stattfindet.

Spielhölle

Es ist die plüschig geschmacksbefreite Welt der Zocker und Kasinos, des Gold- und Glitzer-Adels und der Oberflächlichkeit, die auf der Bühne Einzug gehalten hat. Alles dreht sich in dieser Welt, in der das Glücksrad und der Roulettetisch die treibenden Instanzen sind. Die Luft flirrt rötlich, auf Wandteppichen stehen die Wolkenkratzer Kopf. Auf Screens werden die Kandidaten zur Wahl präsentiert, das Glücksrad soll der reichen Erbin Portia – testamentarisch von ihrem Vater so vorgesehen – ihren Gatten bestimmen.

Das Schicksal nimmt seinen Lauf. Bassanio, ein mittelloser Freier um Portia, borgt sich Geld vom Kaufmann Antonio, der sich dafür bei der "Banca di Shylock" verschuldet und mit einem Pfund Fleisch von seinem Herzen verbürgt. Shylock hofft auf Rache für die Beschimpfungen, die ihr von der christlichen Elite unablässig zugerufen werden. "Und wenn ihr uns Unrecht zufügt, sollen wir uns nicht rächen?", fragt die Jüdin. Das Glück ist ein Vogerl in diesem Reigen, in dem der "Zocker Shakespeare" nicht spielt, um zu gewinnen, sondern damit das Spiel weitergeht, wie Jan Thümer, als Lorenzo sagt.

Opfer und Täter zugleich

Anna Badoras engagierte Idee, die Hauptfigur in drei Varianten zu interpretieren, beinhaltet zahlreiche andere Rollenwechsel, wobei sie die Latte hoch legt. Allzu hoch scheint es, nach dieser ersten, zur Premiere gezeigten Variante, die noch etwas unausgegoren wirkt. Denn nicht nur die Figur des Shylock, kann nach dem jeweiligen Willen des Publikums von verschiedenen Schauspieler*innen gespielt werden. Auch die Figur des Kaufmanns Antonio (bei der Premiere Rainer Galke) oder die der Portia (Isabella Knöll) wechseln je nach Besetzung des Shylock.

Kaufmann 5 560 Peter Fasching Isabella Kno Peter Fasching als Bassanio und Isabella Knöll als Portia im "Kaufmann von Venedig", rechts, nur im Anschnitt zu sehen, das wichtigste Symbol der Aufführung: ein Glücksrad  © Lupi SpumaDass in verschiedenen Konstellationen geprobt wurde, mag Ursache sein, warum einige Szenen unfertig wirken, Anschlüsse holpern und laute Gruppenszenen zuweilen Schlüsselszenen verschlucken. So versanden etwa Anja Herdens – für die Interpretation der Figur der Jüdin – Schlüsselmonologe akustisch in der über weite Strecken schrillen Inszenierung. Badora inszeniert mit viel buntem Trubel und Partystimmung, auf der sich inflationär drehenden Bühne, mit Horrorclown-Masken und einer Herde adeliger Heiratsanwärter mit verdellten, dümmlichen Gesichtern und großer Gestik. Stille, tiefer gehende Momente bleiben dabei zuweilen auf der Strecke und lassen die Stärken des Stücks verblassen: Etwa, dass Zuschreibungen auf Geschlecht, Religion und Rasse ad absurdum geführt werden, weil Protagonist und Antagonist jeweils sowohl Opfer als auch Täter sind.

Recht und Gerechtigkeit sind Instrumente, die auch in der Hand derer, die sie auslegen zur Gefahr werden können. Recht wird zu Unrecht, wenn die als Gelehrte der Jurisprudenz verkleidete Portia Shylock in der Gerichtsszene des letzten Aktes nicht nur das Vermögen wegnimmt, sondern die Jüdin auch noch zwingt, ihrem Glauben abzuschwören. So steht es bei Shakespeare, aber wer will kann darin auch eine politische Aussage sehen, in Richtung jener "rechtspopulistischen" Machthaber, die sukzessive demokratische Errungenschaften abschaffen, indem sie Minderheiten ihrer Rechte berauben. Das allerdings verspielt sich am Premierenabend unter viel Theater-Getöse. Mehr wäre möglich. 

 

Der Kaufmann von Venedig
von William Shakespeare
deutsche Übersetzung Elisabeth Plessen
Regie: Anna Badora, Bühne: Thilo Reuther, Kostüme Werner Fritz, Musik: Wolfgang Siuda, Helmut Stippich, Video: Roman Hagenbrock, Licht: Paul Grilj, Dramaturgie: Anita Augustin.
Mit: Peter Fasching, Evi Kehrstephan, Jan Thümer, Sebastian Klein, Nils Hohenhövel, Günter Franzmeier, Jasmin Avissar, Rainer Galke, Anja Herden, Isabella Knöll, Marius Huth, Sebastian Pass, Lukas Watzl.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, eine Pause

www.volkstheater.at

 

 
Kritkenrundschau

"Das alles ist Stadttheater, mit durchschnittlichem Können nach vorne an die Rampe geschleudert", befindet Ronald Pohl vom Standard (10.9.2018), bevor er zum Schlag ausholt: "Ein Beigeschmack bleibt. Wenn Antisemitismus Ausdruck einer Pathologie ist, die das eigene, abstrakte Elend mit einer konkreten Personengruppe, den Juden, identifiziert, so ist es gerade falsch, ein vorab freundliches Publikum über die äußere Gestalt einer Karikatur abstimmen zu lassen. Die Zuschauer wollen dem Geldverleiher ihr Mitleid ja nicht vorenthalten. Niemand möchte sich im Volkstheater an Shylocks Demütigung erfreuen. Ein solcher kardinaler Denkfehler ist trist."

"Shakespeare in Wien zwangsdemokratisiert", vermeldet Hans Haider in der Wiener Zeitung (9.9.2018) und schüttelt den Kopf über die Shylock-Wahl: "Was ist über den Antisemitismus aufgezeigt, wenn das Premierenpublikum die Nummer 3 kürt? Gewann Anja Herden als exotisch-erotische Männertraumfrau mit der lautesten Claque? Verlor Galke, weil er zu wenig, und Pass, weil er zu sehr dem Karikaturisten-Stereotyp entspricht? Eine Pandora-Büchse ist aufgetan, aus der durch die NS-Rassengesetze normierter Verdächtigungsschmutz quillt."

"Die Aufführung ist knapp zwei Stunde kurz, flott und ohne Längen", berichtet Barbara Petsch in der Presse (10.9.2018). Die Shylock-Abstimmung wirkte auf die Kritikerin "weniger peinlich als erwartet". Badora habe ihren Shakespeare "mit deutlichem Blick auf junge Leute inszeniert". Großen Respekt erhalten die Schauspieler*innen für ihre Rollenwechsel. "Wiewohl wieder einmal an der Sprache nicht genug gearbeitet wurde, was das fortwährendes Gebrülle nicht vergessen machen kann."

Eine "hochanständige, noch dazu frauenrechtlich inspirierte Aufführung", sah Martin Lhotzky für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (10.9.2018) im Volkstheater. "Aber mehr leider nicht. Über Shakespeares Original hätte man nicht vor lauter Zustimmungsnicken den Kopf resigniert auf die Brust sinken lassen müssen."

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