Lasst sie den Prinzen auch noch spielen!

von Gabi Hift

Berlin, 8. September 2018. Sophie Rois und René Pollesch debütieren am Deutschen Theater Berlin. Wie wird das werden? Wird es zusammenpassen? Schon erklingt der "Einmarsch der Torreros", bekannt aus "Carmen" und "Tom und Jerry", aber es dauert noch gute zehn Minuten bis Sophie Rois mit dem Aufschrei "Oh mein Gott! Ich bin so müde!" auftritt und sich aufs Bett wirft.

Mit der Bühne (Barbara Steiner) erweist die Polleschtruppe der neuen Heimat ihre Reverenz: zwei rotgoldene Logen ragen in die Bühne hinein, in einer sitzt Bernd Moss und bittet, man möge ihn wecken, wenn die Vorstellung anfängt. In halber Tiefe ein dünner Vorhang mit einem Trompe-l'oeil : der romantische Einlass in ein Boudoir, dahinter das große Bett, in dem alle immer schlafen wollen, die Protagonisten und die zwölf jungen Frauen vom Chor, alle in reizenden geblümten Pyjamas. Denn das mit dem "Cry Baby" ("Heul doch") hat sich als Thema erledigt, stattdessen geht's ums Schlafen, Träumen, ums Leistungverweigern, um das Vermeiden genialer Brutalinskis und den Teamgedanken, der aber auch seine Probleme hat.

cry baby 2 560 Arno Declair u"... sterben, träumen, vielleicht auch turnen ...":  Sarah Quarshie, Thea Rasche, Lea Beie, Beatrix Strobel, Sophie Rois, Josephine Lange, Therese Lösch, Milena Schedle, Julia Zupanc, Aysima Ergün, Charlotte Mednansky, Barbara Colceriu, Beatrix Strobel  © Arno Declair

Und es geht gut. Grade noch. Grade noch gut genug für Begeisterungsstürme, grade noch genug, dass man lacht und sich freut, ein µ (Mü)  weniger und das Ganze wäre nur noch mau gewesen. Tolle Sache natürlich, das absolute Minimum, das für einen rauschenden Erfolg nötig ist, so genau zu erwischen.

Queen of Clowns

Das mit dem Minimum und dem Deut gilt nicht für Sophie Rois, die glänzt und wirbelt mit Grandezza ins und aus dem Bett. Sie hat für das Pollesch-Universum eine eigene Bühnenpersona entwickelt, einen großartigen Beckett-Clown. Was immer über Polleschstücke gesagt wird, und was er auch selbst sagt, dass es nämlich bei ihm keine Figuren gäbe, sondern nur Fetzen von Situationen und die Texte, die die Schauspieler auf keinen Fall verinnerlichen dürften – daran hat sich Sophie Rois, seine Gallionsfigur, nie gehalten. 

cry baby 3 hoch 280 Arno Declair u"Du!", deklamiert Sophie Rois © Arno DeclairIhr Clown ist eine ausgeprägte Persönlichkeit, jeder Satz entspricht einer erkennbaren Absicht, sie denkt so wütig, dass man das Hirn in Schwaden rauchen sieht, und ist dabei immer zuversichtlich. Wenn etwas nicht sofort klappt, gibt's einen erstaunten, zackigen Blick zur Seite mit geschürzten Augenbrauen: "Was war das denn!?", Bewegungen, die man sofort als Zeichentrick vor sich sieht. Wenn sie zuhört, um dann in weniger als einer hundertstel Sekunde eine triumphale Entgegnung abzuschießen, stülpt sie die Lippen vor, – wie bevor man "Oh!" sagt, die Augen sprühen Funken, so schauen kleine Kinder auf Welteroberungstrip.

Man liebt diesen Clown und wird mitgerissen in eine Welt voller Möglichkeiten. Diesmal ist sie der Mann aus "Dieses obskure Objekt der Begierde", eine Schauspielerin, die 20.000 Dollar gezahlt hat, um in diesem Liebhabertheater mitspielen zu dürfen, Klytämnestra und der Prinz von Homburg. All das setzt sich bei ihr – horreur! – zu einer konsistenten Figur zusammen. "Du!" ruft sie, zeigt mit riesiger Tragödinnengeste hinauf auf den Rang (der Test höchster Meisterschaft im No-Theater: ein Finger zeigt auf den Mond = vollkommene Anwesenheit), "Du!" und dann plötzlich in tödlicher Verachtung: "Aber wer bist denn du?" Und ihre Stimme stürzt um zwei Oktaven. Man möchte den Prinz von Homburg von ihr sehen, ist schon überzeugt, dass ihre Clownsfigur ihn spielen kann, ja muss. Aber mehr noch wünscht man sie sich als den beim Thema Schlaf natürlich ebenfalls zitierten Hamlet ("... sterben, träumen, vielleicht auch schlafen ..."). Ja das wärs, nach Angela Winkler, nach Sarah Bernard muss Sophie Rois den Hamlet spielen!

Worüber lachen wir da?

Bernd Moss hat ebenfalls Ansätze zu einem äußerst charmanten Clown. Die beiden fechten ein Riesenduell, sehr lustig und sie sind auf dem Level von Musketieren. Christine Groß ist für Sophie Rois eine eingespielte Adjutantin. An Judith Hofmann fällt auf, was diesmal so anders ist: Sie spricht die Texte ganz ruhig und vernünftig, und man fragt sich, warum sie das alles überhaupt sagt.

cry baby 1 560 Arno Declair uSchlagfertig: Sophie Rois und Bernd Moss © Arno Declair

In früheren Polleschstücken herrschte allgemeine Hysterie, Schnellsprechsalven, ständige Ausbrüche von Verzweiflung. Und wir, die wir Pollesch als "einen von uns" begriffen, haben uns wiedererkannt. Wir: die Generation von Linken, deren Vorgänger noch Lösungen in Lenins "Was tun?" gesucht haben, aber spätestens nach dem Fall der Mauer waren Lenin und auch die MEW nicht mehr als Leitfäden für eine Veränderung der Gesellschaft zu verwenden – die wir aber immer noch dringend gewünscht haben. Und dann war da die Flut von Theorien, zu viele, um sie gleichzeitig im Hirn zu behalten. Die Verzweiflung der Polleschfiguren war unsere Verzweiflung. Und die Begeisterung kam von der Überzeugung, dass sich dieser Verwirrung und Verzweiflung auszusetzen an und für sich schon subversiv sei, ein Akt des Widerstands. Pollesch war unsere neue moralische Anstalt.

Und nun, gerade wo die Welt nicht mehr so aussieht, als ob das Wälzen von Theoriebergen die letzten zwanzig Jahre wirklich genug an Subversion gewesen wäre, ist bei Pollesch auf einmal alles so ruhig, wollen alle nur ins Bett und nur über die Verhältnisse auf den Proben reden, die doch aber nicht unsere Verhältnisse sind. "Mich interessiert au fond das Theater mehr als die Veränderung der Welt," wird Brecht zitiert. Obwohl es gleich darauf heißt, der sei ja auch ein antriebsloser Loser. Aber wenn es das jetzt ist, was ist dann das Theater, Amüsement, ja, aber worüber lachen wir dann da?

 

Cry Baby
von René Pollesch
Regie: René Pollesch, Bühne: Barbara Steiner, Kostüme: Tabea Braun, Chorleitung: Christine Groß, Licht: Cornelia Gloth, Dramaturgie: Anna Heesen, Bernd Isele.
Mit: Christine Groß, Judith Hofmann, Bernd Moss, Sophie Rois und dem Chor: Barbara Colceriu, Aysima Ergün, Therese Lösch, Sarah Quarshie, Milena Schedle, Stella Sticher, Beatrix Strobel, Julia Zupanc (Studentinnen aus dem 2. Studienjahr Schauspiel der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" Berlin) und Lea Beie, Josephine Lange, Charlotte Mednansky, Thea Rasche.
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.deutschestheater.de

 

 
Kritikenrundschau

Die Ökonomie, die Liebe, das Spiel und der Schein - "Cry Baby" bringt die Dinge unter einem überraschend neuen Dreh zusammen, schreibt Katrin Bettina Müller in der taz (13.9.2018). Polleschs Stücke seien zwar schon tiefer eingedrungen in intellektuelle Befindlichkeiten und die Widersprüche von Theorien und gesellschaftlichen Modellen, diesmal bleibe vieles häppchenhaft und verknüpfe sich kaum. "Dennoch hat der mit 70 Minuten kurze Abend großen Charme."

Besseres könne in dieser Spielzeit am Deutschen Theater Berlin kaum mehr kommen, befindet Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (10.9.2018) und bejubelt die Inszenierung: "Die 70 Minuten der Aufführung reichen, um den Schlaf und die Träume, Kleists "Prinz Friedrich von Homburg", Elvis, neoliberal deregulierte Angestelltenverhältnisse, Balzac und Wolfgang Pohrt, das Sein, den Schein und den Geldschein, innere Werte, den Weg durch die Hölle, Karrierismus, die katholische Kirche und den Surrealismus, Degen-Duelle, Klytämnestra, das Geld, die Liebe und das Theater als solches samt dem Reden über das Theater und den Anmaßungen aus der Loge mäkelnder Endverbraucherzuschauer vollumfänglich zu würdigen, zu feiern, zu analysieren und zu erledigen."

"Cry Baby" sei "aus einem so leichten Stoff gemacht, dass sich das Gespinst in der schon herbstlich kühlen Abendluft sogleich auflöst", berichtet Rüdiger Schaper im Tagesspiegel (10.9.2018). "Pollesch-Pop lebt von geliehenen Kräften und Mythen, lädt die Atmosphäre mit Ohrwürmern auf und schnappt sich Zitate, deren Herkunft man erraten darf. (...) Sein Theater gleicht einem gut sortierten Medienkaufhaus und hält Überraschungen bereit."

Polleschs "Abend versucht in 65 Minuten alle möglichen Arten von theater- und kapitalismusimmanenten Ordnungen zu unterwandern, manövriert sich mit fröhlicher Unbekümmertheit in Repräsentanzsackgassen hinein und wechselt, wenn es nicht mehr weitergeht, nach einer choreografischen Einlage zu schönster Musik die Platte. Rasender Stillstand und gute Laune müssen sich keinesfalls ausschließen." So berichtet Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (10.9.2018).

"Ein heiteres, boulevardeskes Stück (…) mit äußerst verdünnten analytischen Sentenzen" hat Harald Asel vom Inforadio des rbb (10.9.2018) im DT erlebt. "Aber für Boulevard fehlt die Präzision und ein gut gebauter Plot. Macht nichts. Im Publikum sitzen genügend, die wie bei einem Familientreffen diesem Pollesch auf die Schulter klopfen: 'Na, früher warst Du auch ganz scharf. Wirst ein bisschen ruhiger.'"

Über ein "spektakuläres Debüt“ von Pollesch am DT berichtet Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (11.9.2018). "Als Autor hat Pollesch alle Ideen, Phantasien und Querverweise, als Regisseur alle szenischen Kunstmittel souverän in der Hand. Zwischen Tradition und Vision, zwischen emotionalen Wahrheiten und intellektuellen Volten entwickelt er mit dem hervorragenden Ensemble seine schöne, überzeugend verdichtete Inszenierung."

"Ein sehr erfreulicher Abend" und ein "fast schon euphorischer Einstand" war diese Pollesch-DT-Premiere für André Mumot in der Sendung "Fazit" auf Deutschlandfunk Kultur (8.9.2018): "Es geht an diesem Abend vor allem um eine Selbstreflexion des Theaterkünstlers“ und etwa um die Fragen, wie man mit Erfolgdruck und Genieansprüchen umgehe. "Mich hat dieser Abend deshalb so beeindruckt, weil er einen ganz anderen Ton anschlägt als die letzten Abende an der Volksbühne", sagt der Kritiker und verweist auf die "triste Grundstimmung" dieser letzten Pollesch-Volksbühnenabende. Pollesch habe auf eine "lässige, verspielte, unbeschwerte" Weise eine "überschwengliche Stimmung" erzeugt und dabei zu einer Tradition des Kabarett-Theaters und der Boulevard-Komödie zurückgefunden, die ihn mit Sophie Rois verbinde.

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Kommentare

Kommentare  
#1 Cry Baby, Berlin: Bauer Joghurtmarlene s. 2018-09-09 11:10
Vielen Dank, diese Kritik spricht mir aus dem Herzen. wäre keine Sophie Rois auf derbühne, fehlte es dem Abend dermassen an Inhalt, Hirn und Herz, dass er an einen Bauer Joghurt erinnern würde. Ziemlich entlavernd für Polleschs Großvatertheater.
#2 Cry Baby, Berlin: Mix aus BekanntemKonrad Kögler 2018-09-09 22:50
Die Diva mit ihrer unverkennbar verrauchten Reibeisenstimme schlurft mit einem „O Gott“ ganz beiläufig durch die luxuriösen Interieurs. Im Nachthemd will sie sich am liebsten gleich wieder hinlegen. Aber hier kommt man ja nicht zur Ruhe… Ständig will jemand was von ihr… Im Waldorf/Statler-Modus kräht von oben Bernd Moss dazwischen, als fleischgewordenes Bildungsbürgertum und langjähriger Abonnent pocht er darauf, dass er hier etwas sehen will für sein Geld. Rois und Moss kreuzen zunächst nur verbal die Klingen und liefern sich schließlich auch einen Fecht-Kampf live auf der Bühne.

Weitere Ruhestörer sind Christine Groß (Pollesch-Stammspielerin) und Judith Hofmann (wie Moss aus dem DT-Ensemble) mit ihren Pollesch-typischen Diskursschnipsel-Schleifen. Schließlich stampft noch ein weiblicher Guerrila-Chor über die Bühne: diesen Einfall hat Pollesch nun wahrhaft schon ein paar Mal zu oft recycelt. Diesmal performen Studentinnen des 2. Jahrgangs der HfS Ernst Busch den Chor und treten betont martialisch als Erschießungskommando.

„Cry Baby“ ist ein Mix aus zu vielen bekannten Pollesch-Versatzstücken, ein Nachklapp zu seinen besten Stücken und leider noch nicht der erhoffte Aufbruch an seinem neuen Berliner Stammhaus. Eine Sophie Rois ist zwar immer eine sichere Bank dafür, dass ein Abend nicht absäuft, die nur knapp einstündige Fingerübung hebt aber auch nicht ab, sondern kommt meist so schläfrig daher wie die Figuren, die darüber räsonieren, dass sie jetzt am liebsten gleich wieder ins Bett gehen möchten.

Den größten Szenen-Applaus erhält bezeichnenderweise der Chor für einen kurzen Diss gegen Udo Lindenberg und seine zu aufgesetzte Rebellen-Attitüde.

Komplette Kritik: daskulturblog.com/2018/09/09/cry-baby-rene-pollesch-sophie-rois-deutsches-theater-berlin-kritik/
#3 Cry Baby, Berlin: alles gleich, alles andersSascha Krieger 2018-09-10 08:58
(...) Theater als Ort der Nützlichkeit ist schnell verworfen, als Ausdruck eines geniales Selbst aber auch. Nur was ist es dann?

Liebhaberkunst vielleicht. Doch was ist das eigentlich? Minutenlang wird der Begriff gewälzt, sich in der Frage verstiegen, ob, wer das Theater liebe, nicht dafür bezahlen müsse, es zu machen. Ein konsumistischer Kunstbegriff auf den Kopf gestellt. Und immer wieder der Schlaf als Gegenpol, ein Raum des Verschwindens aller Konventionen, aller Zwänge, aller Erfolgsfantasien. reiner Selbstzweck, lebensnotwendig wie – an der Oberflüche – unnütze (Lebens)Zeitverschwendung. Und nein, ums Träumen ginge es nicht, nur ums Schlafen. Doch was dann? Ein „Theater ohne Proben“ schwebe ihr vor, sagt Rois einmal. Eines das sagt: „Wir können es auch nicht, aber wir haben wenigstens nicht zwölf Wochen lang geprobt.“ Und immer wieder beißt sich die diskursive Katze in den Schwanz, landen die Spieler*innen auf Los, kommen sie da an, von wo sie losgelaufen sind. Egal, weiter, immer, weiter, wie ein ehemaliger Torwart-Titan gesagt hätte. Also geht es immer weiter, wird der Chor zum Erschießungskommando, wechselt der Fokus von heldischen Selbstauslschungsfantasien zur Effizienzreligion der Teamfähigkeit, die er sofort ins Absurde führt, und die am Ende in der aggressiven Überzeugungskraft des kollektiven Chor-Ichs triumphiert.

So sehr sich die individuellen Künstler*innen in Selbstvergessenheit verlieren und sich in sie befreien wollen, so wenig lassen sie die Zwänge los. „Ich fange dann mal an zu reden“, sagt Hofmann und geht diskutierend ab. Was sie sagt, geht im musikalischen Vordergrund unter. Roy Orbison singt „Crying“ und der Chor vergießt an der Rampe sitzend bittere und ungemein authentische Tränen. Da hat der längst verschwundene Zuschauer seine Unterhaltung. abgrundtief falsch und vollständig plausibel. Der Zuschauer will was für sein Geld. Und bekommt so manches an diesem Abend: klassische Tragödie, bürgerliches Trauerspiel, Choreografien und ein 1A-Fechtduell zwischen Rois und Moss. Und so ist dieser Abend alles andere als ein ermüdendes Diskursmonster, er ist Spiel, dessen Reflexion, sein Ausprobieren und Vorführen und entlarven. Alles ist falsch, alles echt, denn die Liebhaberei ist doch eine Tochter der liebe. Und die, so sagte es doch gerade Helene Fischer so schön, gewänne immer. Ein Aufbruch, ein Neuanfang, ein weitermachen ist der „neue Pollesch“. Alles gleich, alles anders. Und vielleicht gar eine Liebeserklärung? An wen oder was? Egal. Hauptsache Theater.

Komplette Rezension: stagescreen.wordpress.com/2018/09/10/wir-konnen-es-auch-nicht/

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