"No Sex, no solo"

13. September 2018. In einem offenen Brief erheben 20 Tänzer*innen – 18 Frauen und zwei Männer – Machtmissbrauchs-Vorwürfe gegen den Choreoraphen und Theatermacher Jan Fabre. Darüber berichten belgischen Medien, so auch deutschsprachig die "Vlaamse Radio- en Televisieomroeporganisatie" auf ihrer Websit vrt.be. Den englischsprachigen offenen Brief hat in der Nacht die Kulturzeitschrift rekto:verso veröffentlicht. Darin klagen die Performer*innen Fabre und seine Compagnie Troubleyn an, Grenzen überschritten zu haben, "bewusst und jahrzehntelang". Die Vorwürfe richten sich auch gegen Troubleyn als Arbeitgeber. Dort habe man das Verhalten nie kritisiert, stattdessen weggeschaut, so die Unterzeichner*innen des offenen Briefs.

Offener Brief nach Fabre-Interview im Juni

Laut den Vorwürfen soll Fabre jahrelang Tänzerinnen erniedrigt haben, öffentlich und während Proben. Mitarbeiter, die gegen diese Art des Umgangs mit Kolleginnen protestierten, seien später Opfer ähnlicher Angriffe geworden. Auch soll Fabre Tänzerinnen zu sexuell grenzwertigen Fotoshootings genötigt haben, bei denen er Drogen anbot, damit sich die Frauen "freier fühlen". Zudem berichten ehemalige Mitglieder der Tanzcompagnie von einer gängigen Praxis bei Fabre: "Kein Sex, kein Solo". Der erste der zitierten Fälle ist gut 15 Jahre alt, der aktuellste fand dieses Jahr statt.

Anlass für den fünfseitigen offenen Brief ist ein Interview mit Jan Fabre vom Juni diesen Jahres, in dem er behauptete, dass grenzüberschreitende Handlungen sexueller Art in seiner Compagnie in 30 Jahren Bestehen nie ein Problem gewesen seien. Nach Ansicht der Unterzeichner*innen ist dies eine Lüge.

(vrt.be / rektoverso.be / sik)

 

Respekt und Einvernehmen

14. September 2018. In einer – ebenfalls im Magazin rekto.verso veröffentlichten – Erklärung haben Jan Fabre und sein Theaterlabor Troubleyn die Vorwürfe zurückgewiesen. "Jeder künstlerische Prozess kann sensible Sphären berühren", heißt es darin unter anderem, "was für den einen volkommen akzeptabel ist, mag für einen anderen bereits eine Überschreitung bedeuten". Grundsätzlich gelte bei Troubleyn der klare Grundsatz: alles dürfe nur in gegenseitigem Einvernehmen und Respekt geschehen. "Wir zwingen niemanden dazu, Dinge zu tun, die für den Einen oder Anderen über ihre Grenzen hinausgehen."

(rektoverso.be / sle)

 

Mehr zum Thema: Menschen sind kein Material - Presseschau vom 17. September 2018

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Kommentare

Kommentare  
#1 Jan Fabre: nur eine GrenzeYoda 2018-09-16 01:26
Es sind 18 Frauen, Jan Fabre! Es geht um keine Grenzen, über die "der Eine oder Andere hinausgehen" kann. Es geht nur um die eine Grenze: Es sind 18 Frauen, Jan Fabre!
#2 Jan Fabre: Methoden und Inhalteundsoweiter 2018-09-16 09:08
Mittlerweile wurden neben dem Brief noch weitere, sehr detaillierte Berichte veröffentlicht. Das Arbeitsgericht hat Ermittlungen eingeleitet.
Erwähnenswert ist erstens, daß die Unterzeichner*innen eine klare Unterscheidung machen zwischen Arbeitsmethoden und dem Inhalt der Stücke. Angeklagt werden die Methoden, Fabre und seine Verteidiger versuchen sich auf den Inhalt herauszureden.

Zweitens brüstet sich Fabre wiederholt damit niemanden "zu zwingen". Eine Wahl -wie er behauptet- lässt er den Darstellern nicht. Es ist eben nicht möglich eine ungewünschte Bühnenandlung zu besprechen und sie eventuell auf einen Darsteller zu transferieren der damit kein Problem hat. Entweder kann die betreffende Person "den Arbeitskontext" komplett verlassen, oder sich bei Widerspruch schikanieren lassen. Von den tatsächlichen sexuellen Übergriffen ganz zu schweigen.

Drittens findet ein Eiertanz (no pun intended) von kreativen Wegbegleitern statt, die bei anderen Enthüllungen ihren inneren Feministen spazieren führten und nun "zur Besonnenheit" aufrufen.
#3 Jan Fabre: auch zwei MännerMann 2018-09-16 11:32
@1 - es sind 18 Frauen und 2 Männer. Warum erwähnen sie nur die 18 Frauen?
#4 Jan Fabre. wie kann man so naiv gucken?dabeigewesen 2018-09-16 14:49
Wenn die Meldung am Ende vielleicht wenig überraschend ist, bin ich doch überrascht: einfach weil ich, nachdem ich den "Mount Olympus" - der vor drei Jahren im Rahmen von foreign affairs bei den Berliner Festspielen lief - als eines der großartigsten Theatererlebnisse überhaupt abgespeichert habe, mir nie ernsthaft über die Produktionsbedingungen Gedanken gemacht habe. Die 24 h-Inszenierung war natürlich in mehrfacher Hinsicht eine absolute Grenzüberschreitung, und es war auch ungefähr klar, daß es die Künstler Blut, Schweiß und Tränen gekostet haben mochte. Irgendwo war davon die Rede, daß man als eine Art Proben-WG ein Jahr zusammengelebt habe, schon unter normalen Bedingungen eine Zumutung. Und natürlich wurden an dem Abend auch nackte Körper inszeniert und ausgestellt, war es auch sexualisiert und krass. Ich bin da aber sehr glücklich rausgegangen. Jetzt schäme ich mich für meine jahrelange Begeisterung, vielleicht auch über meine Naivität. Ich weigere mich zu glauben, daß ein solches Kunstwerk nur unter den beschriebenen, schlimmen Bedingungen entstehen kann. Widerlich.

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