Brokat-Vorhänge und Feinripp-Unterhosen

Von Claude Bühler

Basel, 13. September 2018. Siehe, der nackte Mensch. Steffen Höld tritt in Unterhose und mit Bauchkissen an den Bühnenrand, als ein Mensch, "keinen Namen hat er noch". Er wolle nun erzählen "das, was nicht gewesen ist", erinnern, "was nicht ist". Hinter ihm der bis auf die Mauern leere, halbdunkle Bühnenraum, in den schwere Brokatvorhänge halb herunterhängen, in dessen Seiten Rauchmaschinen bereitstehen. Schon oft wurde das Theater als Illusionsmaschine offengelegt. Hier ist es Programm.

Männermythen, umgedeutet

Der Basler Hausdramaturg Ewald Palmetshofer hat nicht nur John Drydens "König Arthur" (Uraufführung 1691) umgeschrieben, ein Libretto, in dem die Briten die einstmals verbündeten Sachsen besiegen, grobe Ritterarme zartfühlende Jungfrauen schützen oder einfach nehmen, Heldentum und Vätererbe an höchster Wertestelle stehen. Drydens Story erscheint hier in einer radikalen Umwertung, die Sage als zufällig und frei erfunden, als Ansammlung von Mythen über Männer, die dazu geprägt wurden und gefeiert werden, sich weiter in die Zeiten fort zu zeugen. Am Ende, nachdem gesellschaftliche Hierarchien, Nationalismus, Sexismus bereits verhandelt wurden, beschwört Merlin in einem Monolog den Wert der Gleichheit, geißelt die trennenden Illusionen des "Außenkrams" wie Götternamen, Lebensweise, Speiseordnung etcetera. Palmetshofers hat ein Lehrstück geschrieben.

 Koenig Arthur2 560 Sandra Then uKampf der Könige: Steffen Höld, Carina Braunschmidt, Elias Eilinghoff, Michael Wächter, Riccardi Fassi, Raquel Ray Ramos im Basler "König Arthur" © Sandra Then

Den König der Sachsen, Oswald, lässt er düster darüber sinnieren, dass die Götter der Väter ihm nie sichtbar erschienen seien, ob man sich da wohl über Generationen hinweg einfach belogen habe. Sein Gegner, König Arthur, schimpft über die "vorgespiegelte Ewigkeit", deren "Hergestelltheit" man bloß vergessen habe, dekliniert die Identität des "Volks" auf das "Feindbild" herunter, zu dem man wenigstens sagen könne "bist nicht wie ich". Ihr letzter Kampf – sie speien sich schreiend mit Blut voll – endet in Ermattung, nicht mit einem Sieg.

Danach muss Arthur es hinnehmen, dass seine geliebte Emmeline ihn vielleicht gar nicht als Partner wünscht. Es sei ja vieles passiert. Von einem Sieger will sie nicht gewonnen sein. Sein Gesicht sei vom Zorn der Kriegstrompete verzerrt. Als Heldin des Stücks reißt sie sich selber die Blindheitsbinden von den Augen, erledigt den Zauberer der Sachsen Guillamar, der sie vergewaltigen will, indem sie ihn an seiner schwächsten Körperstelle packt.

Bocksteife Diktion mit ironischer Brechung

Palmetshofer gelingt es, das Elend des Kriegs herauszukehren, das Elend des Männlichkeitswahns auszuloten, das üblicherweise vom höfischen Glanz, von einer bezweifelbaren Ritterlichkeit, von Purcells Barock-Schönklang überdeckt wird. Würde aber nicht gelegentlich zum großen Spaß des Publikums der leicht verwirrte und ängstliche Luftgeist Philidel über die Szene trippeln, um etwa mit dem Erdgeist Grimbald zu kämpfen, geriete die Diktion bocksteif. Trotz ironischer Brechungen oder flapsiger Ausfälle ("Fuck!"), die dem Gelächter dienen. Die kunstvoll gebaute Lyrik, die im durchgehaltenen Stil wenig dynamische Ausschläge kennt, wirkt zuweilen gestelzt und unbeweglich.

 Koenig Arthur3 560 Sandra Then uFeinripp-Elend und Trash-Heroik: Martin Hug, Chor, Elias Eilinghoff, Marco Campigotto, Raquel Rey Ramos, Leela Subramaniam, Sarah Brady, Nils Rovira-Muñoz,Chor, La Cetra Barockorchester Basel
© Sandra Then

In seiner ersten Basler Inszenierung verwirrt Stephan Kimmig jeden Begriff einer gefestigten Bühnenrealität, etwa in dem er in Schichten Vorhänge herunterfahren und aufziehen lässt und so stets neue Räume bildet. Eine Tänzergruppe imitiert zappelnd Kriegszitterer oder die Verwundungen auf einem Schlachtfeld, zeigt, kostümiert in Feinripp-Unterhose, das glanzlos-nackte Leid. Aber immer wieder weiden sich die Sinne auch an Brokat und Purcells Musik, akzentuiert live gespielt vom Basler La Cetra Barockorchester.

Nahrhafter Text in gefühlvoller Ausmalung

Kimmig inszeniert virtuos ein permanentes Ineinander von Sentiment und Diskurs, von Rittersage und deren Brechung, von Hässlichkeit und Schönheit, von damals und jetzt. Aber auch von Realität und Trug. Wenn König Arthur auf das Trugbild von Emmeline trifft: Man ahnt, da stimmt etwas nicht, aber man weiß nicht genau was. Den Chor der kalten Menschen versetzt er in ein Flugzeug: Das feine Lächeln der Sängerinnen und Sänger im weiß erhellten Licht wirkt schauerlich.

Mit wenigen Ausnahmen hält Kimmig sich genau an Palmetshofers Vorlage, und nimmt es, da dessen nahrhafter Text etwa doppelt so lange ist wie Drydens Stück, in Kauf, dass die Aufführung fast vier Stunden lang dauert. Über längere Strecken wird erörternd monologisiert. So geraten in der Bedeutung Purcells Opernstücke ins Hintertreffen, werden zur gefühlvollen Ausmalung des eh schon dargestellten. Zu den größten Genüssen des Abends gehört es aber, den Sängerinnen und Sängern nicht nur zuzuhören, sondern zuzusehen: Der feinen und nuancenreichen Noblesse beim Gefühlsausdruck, der ganz absichtslos ist.

 

König Arthur
Semi-Oper von Henry Purcell und John Dryden in einer Neudichtung von Ewald Palmetshofer
Regie: Stephan Kimmig, Musikalische Leitung: Christopher Moulds, Johannes Keller, Bühne: Katja Hass, Kostüme: Anja Rabes, Chor: Michael Clark, Dramaturgie: Juliane Luster, Ewald Palmetshofer
Mit: Sarah Brady, Carina Braunschmidt, Mirko Campigotto, Javier Rodriguez Cobos, Elias Eilinghoff, Riccardo Fassi, Vincent Glander, Emanuel Heitz, Steffen Höld, Martin Hug, Hyunjai Marco Lee, Domen Krizaj, Max Mayer, Frank Fannar Pedersen, Raquel Rey Ramos, Nils Rovira-Munoz, Kristina Stanek, Lisa Stiegler, Leela Subramaniam, Michael Wächter. Chor des Theater Basel, La Cetra Barockorchester Basel, Statisterie des Theater Basel
Dauer: 4 Stunden, eine Pause

www.theater-basel.ch

 

Kritikenrundschau

Aus Sicht von Tobias Gerosa von der Neuen Zürcher Zeitung (17.9.2018) kommen Text und Musik in dieser Inszenierung nur teilweise zusammen. Oft wirken die zahlreichen Instrumentalsätze auf den Kritiker wie "zu reinen Verwandlungsmusiken degradiert", die Arien und Chöre wie Einschübe. Das ist für ihn ein Grundproblem dieser Purcell-Überschreibung. "Vielleicht sind diese Musiken auch zu schön und zu elegant gespielt, dynamisch zu wenig differenziert, um dem handfesten Spiel und der saftig-ziselierten Sprache wirklich etwas entgegenzusetzen." Grundsätzlich aber verhandele der Abend "eine zeitgenössische Utopie nach barockem Vorbild", die hochaktuell sei und die Basler Dramaturgie überzeugend fortsetze, so der Kritiker. "Nur brauchte Palmetshofer dazu Purcell (und die ganze Zauberwelt) nicht."

Purcells Semi-Opera ist ein Gesamtkunstwerk, und "auch Stephan Kimmig spart in Basel nicht an Windmaschinen, Brokatvorhängen und grotesken Kostümen", schreibt Martin Halter in der FAZ (15.9.2018). Die opulenten Schauwerte drängen die Handlung in den Hintergrund, "von Drydens Gründungsmythos der englischen Monarchie bleibt in Ewald Palmetshofers 'Überschreibung' aber eh nicht so viel übrig." Kimmig wolle ohne Besserwisserei und hierarchischen Frontalunterricht zeigen, wie Demokratie als öffnendes, verbindendes Etwas gelingen könne, "aber das ist vielleicht doch zu viel des Guten". Fazit: "Ihr 'King Arthur' ist das Prachtstück einer Barockoper und zugleich ein etwas bemühtes Statement gegen Herzenskälte, Indifferenz und womöglich auch Rechtspopulismus."

"Weil Palmetshofer ein Sprachgefühl zum Mit-der-Zunge-Schnalzen hat, besteht die Neufassung des Texts die Begegnungen mit Purcells Originalmusik glänzend", so Stephan Reuter in der Basler Zeitung (15.9.2018). Kimmigs Regie halte den Abend schön in der tragikomischen Balance. Mit allen Sparte und großer Geste gehe "König Arthur" in die Saison. Mit dem Nummernhaften kämpfe der Abend auch. Wenn man dem Abend eines vorwerfen will, dann dies. Aber "der Showdown im blutroten Sprühnebel entschädigt dann vollauf".

"Kimmig schafft es, den Witz, die Raffinesse und die grossen Themen aus Palmetshofers Text transparent zu machen, nichts ist überflüssig oder undurchdacht", schreibt Isabel Münzer in der Basellandschaftlichen Zeitung (15.9.2018). Kimmig schafft es aus ihrer Sicht auch, "mit dem Text auf ganz aktuelle Probleme zu verweisen". So erinnert "Sachsenland", "der von bedrohlich wirkenden Trommelschlägen begleitete Kampfesruf des Chores", die Kritikerin "an die erst kürzlich erfolgten Berichterstattungen aus Chemnitz: Menschen gehen protestieren, einzig um klar zu machen, wer sie selbst und wer die anderen sind." "Geradezu seltsam, wie sich das Stück nach vier Stunden verflüchtigt. Man will verharren in der Sprache, weiter an den Lippen der Schauspieler kleben." Deshalb: "Man braucht mehr davon: Mehr Vielfalt und mehr Spartenübergreifendes!"

"Die Inszenierung leidet unter einem Übermaß an Mummenschanz. Kimmigs Budenzauber lässt das, was Palmetshofer in seiner Neudichtung verhandelt, allzu oft verschwinden", so Christoph Leibold in der Sendung "Fazit" vom Deutschlandfunk (13.4.2018. Ewald Palmetshofers Stück-Überschreibung ist aus seiner Sicht kein vordergründig aktualisierendes Update, sondern "eher eine Umdeutung, die Themen unserer Zeit in das Zaubermärchenspiel hineinschreibt." Uraufführungsregisseur Stephan Kimmig nehme das Magische etwas zu genau.

"Das ist schon eine große Kunst dieses Autors: Er erspürt die Wesensart eines alten Textes und überführt ihn in einen heute zeitgemäßen Zusammenhang, ohne ihn zu verraten", so Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (19.9.2018) über Ewald Palmetshofers Text. Stephan Kimmigs Inszenierung sei mindestens eine Stunde zu lang. "Kimmig macht sehr analoges Theater, das, abgesehen von an die Barockzeit erinnernden Vorhängen, allein auf die Darsteller setzt." Manche Szene trete nutzlos auf der Stelle, manche sei bezaubernd. Tholl schließt: "Das alles ist durchaus naiv, hat Theaterzauber; dazu spielt das Barockorchester La Cetra unter Christopher Moulds wirklich erlesen schön. Aber einen nachhaltigen Ertrag liefert der ganze Aufwand nicht."

 

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