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Botschaft ohne Knalleffekt

von Mirja Gabathuler

Zürich, 13. September 2018. Etwas nervös darf man sein. Denn die US-amerikanische Performerin Ann Liv Young taucht selten ohne das Präfix "Provokation" auf. In den letzten Jahren gehörte es unter anderem zu ihrem Programm, Zuschauerinnen und Zuschauer mit intimen Fragen zu löchern, sie zu beschimpfen, zu erschrecken, zu bekleckern, oder ihnen, wortwörtlich, Scheiße anzudrehen. Ihren Performances eilt entsprechend der Ruf voraus, Grenzen zu überschreiten, Geschmack und Gewohnheiten zu strapazieren. Mit "Antigone" hat sich Ann Liv Young erneut eine Frauenfigur aus dem kollektiven Mythen- und Märchen-Repertoire vorgeknöpft. Die Reihen füllen sich – die hinteren zuerst.

Ein Hund namens Gandhi

Zuvorderst, am Bühnenrand, sind als Zuschauer bereits ein paar Dutzend Barbies und Kens aufgereiht. Auf der Bühne vier Frauen und zwei Männer mit maskenhaft geschminkten Gesichtern: Antigone mit Landfrauenschürze und verfilzten Mermaidhaaren, Ismene im kurzen Glitzerkleid und Haimon mit Lederjacke und Sporthose im Look eines abgehalfterten Teenieidols. Im Zentrum der Aufmerksamkeit, vorerst: Ein über die Bühne streunender Hund namens Gandhi. Ihn wiederum interessieren nur die Leckerli, die ihm eine Frau zuwirft. Leicht zu übersehen: Ein Mann, nackt in der Ecke abgestellt, der die nächsten neunzig Minuten damit zubringt, sich mit goldener Farbe zu betupfen.

AntigoneAnnLiv1 560 Nicholas Strini u"Speak as yourself, not in your role!" © Nicholas Strini

Den Rest der Truppe lässt Ann Liv Young sinnlose Szenenfolgen herunterspulen ("Love Scene!", "Village People!", "Ghandi!", "Go!") und haucht dazu Regieanweisungen ins Mikrophon ("Stay focused!", "Speak as yourself, not in your role!"). Wobei auch das häufige Aus-der-Rolle-Fallen nicht verbirgt, dass alles hochgradig durchinszeniert ist. Jeder, Menschen und Tier, spielt das Spiel mit.

Sprungbrett für Popsongs

Antigone lässt sich – sei es nun in der Version von Sophokles oder von Brecht, die hier laut Programmheft beide Pate gestanden haben sollen – auf viele Arten aktualisieren. Bei Ann Liv Young steht das zeitlose Thema des Aufbegehrens gegen kollektiven Irrtum, das sich auch aktuell aufzudrängen scheint, über lange Zeit gar nicht im Vordergrund. Abgesehen vom Hundenamen Gandhi erinnert nicht viel an zivilen Ungehorsam, den Antigone mobilisiert, als sie gegen die Staatsräson ihren getöteten Bruder begraben will. Die gesetzeswidrige Beerdigung des Bruders wird nur kurz, mit Barbiepuppen, heruntergerattert.

Der Antigone-Stoff wird vielmehr in einzelne Sujets zerpflückt, die als Sprungbrett zu eingängigen Popsongs oder körperbetonten und symbolüberfrachteten Bühneneinlagen dienen. Jede Bewegung ist artifiziell überspitzt, jede Emotionalität wird von einem DJ-Pult aus mit Musik überhöht und von Kunstnebel umwabert. Dabei verdichtet sich "Antigone" vor allem um zwei Themen: Die popkulturelle Verkitschung des Suizids. Und Antigones Beziehung zu Haimon – die übertragen wird auf eine moderne Frau-Mann-Konstellation, in denen die Geschlechterrollen nicht mehr einer eindeutigen Hierarchie folgen.

Machtanspruch der Frauen

Gegenüber der rohen Aggression des Vaters hat dieser Haimon mit seinen "heilenden Händen" keinen Stich. Gegenüber seiner überlegenen Frau fehlen ihm die Worte, also versucht er ihr mit Fäusten Herr zu werden (erfolglos). Haimon ist der Mann, auf den niemand hören will, selbst wenn er unter Gewaltandrohung und mit Pistole in der Hand in die Handlung einzugreifen versucht. Der Mann, der in einem weiblichen Wut-Monolog abgeschossen wird: "Suck my Clit!"

Die Frauengestalten hingegen wirken in ihrem Machtanspruch so unheimlich wie unerschütterlich. Eine grell ausgeleuchtete Vagina, etwas Judith Butler, viel Aggro-Bronx-Diven-Pose à la Cardi B, deren Rap-Lyrics– "I put Hotsauce on her Titties" oder "Diamonds all over my Body" – so plastisch übersetzt werden, dass selbst die Performer auf der Bühne kichern müssen.

AntigoneAnnLiv3 560 Nicholas Strini uAggro-Bronx-Diven beim Posen © Nicholas Strini

"So you're still thinking of me / Just like I know you should / I cannot give you everything, you know I wish I could / Yeah, we're just young, dumb and broke" – schmettern irgendwann Antigone und Ismene ins Mikrophon, während von der Decke Regen fällt, wie beim Videoclip-Dreh. Und dann: Licht an, Illusion aus. Das sei's gewesen, erklärt Ann Liv Young, Applaus bräuchte es keinen, sie wisse schon, wie großartig das alles sei. Es gebe nun noch einen "Artist Talk", man könne aber ruhig schon gehen.

Widersinn der Regeln

Dann zerlegt Ann Liv Young Ann Liv Young: Erklärt, wie abstrakt Rollen und Stück seien, im Grunde nicht zu verstehen und der goldene Mann sei halt auch nur eine dekorative Figur, aus der jeder machen könne, was er wolle. Dann haut sie dem Publikum noch ein paar Platitüden und politisch inkorrekte Sätze um die Ohren, und als sich jemand mit einer Frage meldet, bleibt sie die Antwort mit gekünsteltem Lächeln schuldig: "That's a very, very good question. Thank you!" Stattdessen werden zum Schluss Glittertattoos angepriesen und ein Marktstand mit allerlei Ramsch wird hereingefahren. Einige folgen der Aufforderung, sich ein Andenken zu kaufen – die meisten sind überfordert.

Den Zuschauer, die Zuschauerin mit dieser nachgeschobenen Persiflage auflaufen zu lassen, die Konditionierung auf Konsum so zynisch zu spiegeln und dem Einzelnen keine Chance zu geben, sich daraus zu befreien: Dieses Ende ist vielleicht eine ebenso gelungene Provokation, wie diejenige, die auf Ekelreflexe, Scham und Schutzlosigkeit abzielt. Und lässt auch ganz ohne Knalleffekte die Botschaft durchscheinen: Wer im Theater sitzt, gehorcht erstmal den Regeln, und führen sie auch in den Widersinn. 

 

Antigone
von Liv Ann Young, nach Sophokles und Bertolt Brecht
Regie, Kostüm + Choreografie: Ann Liv Young, Dramaturgie: Tormod Carlsen, Bühne: Alf Ollett
Mit: Ann Liv Young, Daniel Klingen Borg, Veronica Molin Bruce, Wanda Wylowa
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.gessnerallee.ch



Kritikenrundschau

Ann Liv Young sei "Hardcore-Theater" und bringe einen im besten Fall "über die Grenzen des Theaters hinaus", schreibt Stefan Busz im Tagesanzeiger (15.9.2018). "Das ganze Theater ist ein Desaster", in der Feedback-Session mache sich "Depro-Stimmung" breit, berichtet der Kritiker. "Und jetzt, wenn alles so ausplempert, tritt der Ann-Liv-Young-Effekt ein. Man will ihre Antigone gleich nochmals sehen."