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Die Logik der Schuld

von Harald Raab

Heidelberg, 15. September 2018. "Ich bin ein Medium. Ich höre und wiederhole, was ich höre." Jakob Mohr erzählt seine Geschichte mal mechanisch wie ein Roboter, mal als gequälter Mensch. Über der langen Unterhose trägt er ein kurzes Hemdchen. Eines der Sorte, die man im Krankenhaus verpasst bekommt, lächerlich, entwürdigend, entpersonalisierend. Vor die Brust hat er sich ein rundes Serviertablett geschnallt – sein Strahlenschutz.

Aus der Skizze wird ein Raum

Hinter dem "Justizmord des Jakob Mohr" steckt ein historischer Fall. Der 1884 in Mannheim geborene und 1941 in Paris gestorbene Jakob Mohr hatte sich selbst angeklagt vor einem fiktionalen Tribunal, in einer von ihm gezeichneten Parallelwelt. Er, der aus der Norm Ver-rückte, glaubte sich ferngesteuert von einem Hypnotiseur. Zum Beweis zeigte er ein leeres Übertragungskästchen vor, von dem elektromagnetische Wellen ausgehen sollten. Die hätten Macht über ihn erlangt.

So weit Psychiatriealltag in der damals noch in der Umgangssprache als Irrenhaus bezeichneten Anstalt Wiesloch der Universitätsklinik Heidelberg. Die tschechische, international agierende Performance- und Installationskünstlerin Eva Kotátková hat die Zeichnung dieses Patienten – Texte und Skizzen Mohrs sind in der Heidelberger Sammlung Prinzhorn aufbewahrt – zum Sprechen gebracht, aus dessen Schicksal eine szenische Befragung der Zwangsmechanismen gemacht, denen wir letztendlich alle unterliegen, in Familie, Gesellschaft, Beruf.

Jakob Mohr 43 560 SusanneReichardt uIm historischen Saal: Thomas Röske (Prinzhorn-Kurator) und Ensemble © Susanne Reichardt

Im Zeitalter der Robotik und der Diktatur der Algorithmen ein aktuelles Thema. Jeder ein Manipulateur, jeder ein Manipulierter: Marionetten. Die Uraufführung von Kotátkovás Projekt war in Prag. Der Film davon hat die Dramaturgie des Theaters Heidelberg inspiriert, das Stück, das mehr eine Installation, eine Performance der bildenden Kunst ist, am Ort des geschichtlichen Ereignisses nachspielen zu lassen, im historischen Saal der Johannesgemeinde.

Dem Surrealen verpflichtet

Kotátková, die auch für Regie, Bühne und Kostüme verantwortlich zeichnet (künstlerische Organisation und Umsetzung: Katharina Andes) hat die Zeichnung Mohrs, die eine Gerichtsverhandlung mit ihm als Angeklagten zeigt, getreu in Bühnenbild und Szenen umgesetzt. In ihrer Grundhaltung ist die Künstlerin der Prager Spielart des Surrealen verpflichtet, der fantastischen Collagierung, dem Schwarzen Theater, der böhmischen Weltsicht, mal Jaroslav Hašek, mal Jindřich Štyrský.

Die multimedial arbeitende Künstlerin setzt im Aktionsraum Bühne bei einer Tradition an, die in Deutschland fast vergessen ist: das "Totale Theater" des Bauhauses mit seinen spektakulären Experimenten, Bildern und Skulpturen. Die Zuschauer sollen nicht mehr zwischen konstruierter und realer Welt unterscheiden. Sie sind in Kotátkovás Arbeit in den ersten beiden Reihen als Geschworene und Zuschauer instrumentalisiert, kostümiert wie die eigentlichen Akteure in Jacken aus hellbraunem Packpapier. Sie sind Teil der gesamten kinetischen Installation. In der Konzeption der Künstlerin geht es um die Verunsicherung der Wahrnehmung von Realität und ästhetischer Fiktion. Der menschliche Körper wird zur steuerbaren Figur, zum bloßen Sprech- und Handlungsapparat.

Wessen ist er angeklagt?

Auch Kafkas "Prozess" lässt grüßen. Nichts ist greifbar, alles bleibt Skizze, Karikatur, zerfließt in simplen Handlungs- und Redekanälen. Die Sprache ist banal, doppelbödig. Die Gefahr lauert in der alltäglichen Routine. Jede Sicherheit ist verlorengegangen, der Absturz kann in jedem Moment erfolgen. Wie Josef K. wird auch bei Jakob Mohr nicht deutlich, wessen er angeklagt ist. Das Gericht hat ihn vorgeladen und seiner Logik von Schuld unterworfen. Das genügt. Der Angeklagte hat seine Rolle zu spielen, die ihm das System zuweist. Der Clou bei Kotátkovás Arbeit: Das ganze Gerichtspersonal besteht aus Mitpatienten, Menschen mit realen Psychiatrieerfahrungen.

Jakob Mohr P 0829 560 SebastianBuehler uMarco Albrecht als Jakob Mohr © Sebastian Bühler

Einzig Marco Albrecht hat als Jakob Mohr die Chance, der Vielschichtigkeit und Sensibilität eines von Angstvisionen gequälten Menschen Konturen zu geben. Alle anderen Figuren sind auf mehr oder weniger papierene Zweidimensionalität reduziert. Der vorsitzende Richter, Olaf Weißenberg, und der Ankläger, Matthias Lamp, mit Papiertüten wie Bischofsmützen auf dem Kopf, sind schrille Abziehbilder ihrer Profession. Die Eltern, Nicole Aferkamp und Uwe Stöckler, bleiben blass. Der reale Kurator der Prinzhorn-Sammlung, Thomas Röske, spielt sich als Bilderklärer selbst. Die Schriftführer, Ritthaler und Severin Knapp, sind Schreibautomaten und die Assistentin, Melanie Schock, eine auf Krücken humpelnde Gerichtssaalmaus.

Was das Bauhaus-Theater schon vor gut 90 Jahren unter Beweis gestellt hat, ist auch von der Kotátková-Produktion zu bilanzieren: Als Experiment der bildenden Kunst ist so eine Arbeit nicht ohne Faszination. Die Wirkung als Theater ist allerdings weniger durchschlagend. Die Grenzen zwischen den beiden Kunstsphären lassen sich eben doch nicht ohne Verluste verwischen.

 

Justizmord des Jakob Mohr
von Eva Kotátková
Deutschsprachige Erstaufführung
Regie, Bühne und Kostüme: Eva Kotátková, künstlerische Organisation und Umsetzung: Katharina Andes, Dramaturgie: Jürgen Popig.
Mit: Marco Albrecht, Henner John/Julian Lampe, Olaf Weißenberg, Thomas Bauer, Stephen Gallagher, Jutta Schneider/Tanja Kramler, Christine Niebel, Justus Rogowski/Hardy Jürgens , Matthias Lamp, Inge Lang, Melanie Schock, Nicole Averkamp, Uwe Stöckler, Lena Ritthaler, Severin Knapp, Vivian Schöchlin, Helen Hosefelder, Eric Konrad Gleiß/Hardy Jürgens, Max Schaft/Vinzenz Schnepf, Hasine Baray, Meena Baray, Lily Cofrin, Nina Gamet, Johanna Murswieck, Anni Nohl, Ruth de Oliviera Sousa, Jonathan Rogowski, April Siemes, Emilia Wetz, Joel Bernd, Thomas Röske/Jürgen Popig , Statisterie des Theaters und Orchesters Heidelberg, Studierende der Theaterakademie Mannheim.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.theaterheidelberg.de

 

Mehr zur weltberühmten Sammlung Prinzhorn? Das Theater Heidelberg hat ihr 2012 bereits den gleichnamigen Abend von Johann Kresnik gewidmet.


Kritikenrundschau

Über weite Strecken dieser Inszenierung hat Jürgen Berger von der Schwäbischen Zeitung (18.9.2018) den "Eindruck, die Justizmord-Problematik des Abends werde durch Eva Kotátkovás opulente Bildfindungen eher verdeckt als offengelegt". Eva Kotátková habe "einen surrealen Bilderbogen" geschaffen, "der sich kaum mit den sozialen Mechanismen beschäftigt, die der Ausgrenzung von Menschen mit extraordinären Phantasien dienen".

"Das Stück pendelt unentschlossen zwischen Beklemmung und gelegentlicher Situationskomik, klarer Figurenzeichnung und weniger konziser Personenführung, so dass gelegentlich ein etwas indifferenter Eindruck entstehen mag", schreibt Eckhard Britsch im Mannheimer Morgen (17.9.2018).

Man habe den Eindruck, die Justizmord-Problematik des Abends würde durch Kot’átkovás opulente Bildfindungen eher verdeckt als bearbeitet, so Jürgen Berger in der taz (20.9.2018). "Kot’átková kreiert einen surreal-absurden Bilderbogen; mit den sozialen Mechanismen, die der Ausgrenzung von Menschen mit extraordinären Fantasien dienen, beschäftigt sie sich kaum." Und sie liebe eindeutige Rollenverteilungen, setze derart auf expressive Überwältigung, dass man dem Abend distanziert gegenüberstehe.