Rücksitzgeschichten für Penelope

von Michael Bartsch

Dresden, 15. September 2018. Der Prolog wartet mit großem Pathos auf. "Krieg" schmettert es unter Anspielung auf die Ilias in den Saal, "der Schmerz, das Blut, alles bricht auf, zerreißt". Was sich zu lyrisch verdichteter Hochsprache aufschwingt wird im Folgenden jedoch schnell gebrochen und vom Allzumenschlichen eingeholt. Ein Absturz ins Banale, gar in billige Gags ist dabei nicht zu befürchten. Diese Dresdner "Odyssee" hält Niveau und hinterlässt einen runden Eindruck.

Roland Schimmelpfennig hat den Stoff bearbeitet und in den Vorab-Interviews aktuell-politische Bezüge zu seinem Dresdner Auftragswerk hergestellt, Pegida eingeschlossen. Im Grunde aber formt er in seiner Version nur aus, was wir umgangssprachlich mit einer Odyssee assoziieren und was einst Goethe mit dem Satz "Es irrt der Mensch so lang er strebt" beschrieben hat. Sein achtköpfiges Personarium ist unterwegs zu einem Sehnsuchtsort, auf dem Rückweg in die Heimat, wo das "Grundrecht auf Land unter den Füßen" verwirklicht ist.

Reise ins Nirgendwo

Die Unzahl verwendeter Koffer symbolisiert die Reise schlechthin. Dass diese ersehnte neue oder alte Heimat auch nach der Rückkehr des Städtezerstörers nach Ithaka nicht die finale Erfüllung garantiert, lehrt dieses Spiel des Autors mit dem antiken Stoff auch. "Es gibt keinen Ort für uns", klingt die ewige Suche an.

odyssee 007 560 fotosebastianhoppe uMit dem Rollkoffer unterwegs: Matthias Reichwald, vorne, und die anderen Irrfahrer in der
"Odyssee" in Dresden © Sebastian Hoppe

Schimmelpfennig spielt mit dem Stoff, und wie! Die ungesicherte Autorenschaft Homers liefert ihm die erste Vorlage, die Mischung aus historisch belegbaren Fakten und Märchenfantasien die zweite. Kein Wunder, dass sich mit dem Aufkommen der Monumentalfilme Regisseure wie Franco Rossi und spätere Serien auf dieses Feuerwerk von Horror und Fantasy gestürzt haben.

Mit Hintersinn untergräbt Schimmelpfennig die Legende von der zwanzig Jahre treuen daheim gebliebenen Ehefrau Penelope. Sie pflegt eine Daueraffäre mit einem Lehrer, in dessen Kleinwagen bei Ausfahrten in die Berge kopuliert wird. Dieses Musterexemplar der heute begehrtesten Berufsgruppe erzählt ihr überdies wie Scheherazade immer eine neue Geschichte – von Odysseus! So wird ein kreativer Pädagoge zum Urheber der Legenden von den Irrfahrten des Odysseus und seiner Gefährten.

Von Sehnsuchtsorten erzählen

Die treten mal im Chor, mal konkreten Personen zuweisbar auf, sind aber nie auf eine Dauerrolle festgelegt. Auch in dieser Uraufführung am Dresdner Staatsschauspiel bleibt Schimmelpfennig seinem narrativen Stil treu. Es wird viel berichtet, aber auch an passenden Stellen verkörpert.

odyssee 008 560 fotosebastianhoppe uChor der Frauen: Eva Hüster, Karina Plachetka, Luise Aschenbrenner in der "Odyssee"
© Sebastian Hoppe
Regisseur Tilmann Köhler vertraut auf die Imaginationskraft des Textes, erspart dem Publikum naturalistische Illustrationsversuche. Im Text geht es ohnehin weniger um Action als um Innenwelten der Irrfahrer, ihre Reflexionen und verallgemeinerbare menschliche Verhaltensmuster. Köhler fügt dem keine eigenen Mätzchen hinzu, arrangiert und choreografiert eher sparsame Bilder im Dienst am Text. Die aber sind dynamisch genug, um der entgegengesetzten Gefahr eines deklamierenden Stehtheaters zu entgehen.

Bis zur inneren Gefangenschaft

Weniger ist mehr, das gilt auch für das klare Bühnenbild von Karoly Risz. Zwei bühnenhohe holzgetäfelte Wände bilden die Rückwand eines nach vorn offenen Kubus. An seinen Wänden können die Akteure entlangstreichen und den Wind imitieren oder aber vergeblich gegen dieses Gefängnis anrennen. Denn die heimwärts Irrenden gehen nur scheinbar auf eine Abenteuerreise, bleiben nach Wunsch und Vermögen vielmehr im eigenen Ghetto gefangen. Die Hermetik des Bühnenraumes kollidiert mit der postulierten Mobilität.

Der Sehnsuchtsort Heimat ist mit Geräteschuppen, Fernsehen und Blasmusik nicht spießiger vorstellbar. Nicht anders geht es in der Höhle des einfältigen Zyklopen zu. Die Gespräche vor Abfahrt offenbaren überhaupt nichts Heldisches. Unüberhörbar klingen Fragen von Fremdheit und Asyl an. Die Seefahrer malen sich ihre Invasionen aus, besorgte Bürger zeigen hingegen Angst, von ungebetenen Gästen ausgeraubt zu werden. Köstlich, wie der Windgott Äolus Mühe hat, die ihm zugewehten Nachrichten von Fake News zu unterscheiden!

Schicksal oder Nicht-Schicksal

Anders als in der Interpretation von Horkheimer und Adorno sind diese Irrfahrer eben nicht in der Lage, ihr Schicksal wirklich selbst zu bestimmen. Plötzlich öffnen sich aber die unüberwindbar scheinenden Wände. Mit dem Sternenhimmel erscheint auch die rosenfingrige Eos nicht nur als Göttin der Morgenröte, sondern als Symbol der Hoffnung. Sie bringt Männer zum Schweben, und "sie flüstert vom Aufbruch" heißt es am Ende. Ein betont leise oder schreiend, aber immer eindringlich agierendes Ensemble hatte den langen Premierenapplaus redlich verdient.

 

Odyssee
von Roland Schimmelpfennig
Uraufführung
Regie: Tilmann Köhler, Bühne: Karoly Risz, Kostüme: Susanne Uhl, Dramaturgie: Jörg Bochow.  
Mit: Luise Aschenbrenner, Albrecht Goette, Eva Hüster, Moritz Kienemann, Hannelore Koch, Philipp Lux, Karina Plachetka, Matthias Reichwald.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.staatsschauspiel-dresden.de

 

Kritikenrundschau

"Der Autor spielt nicht nur mit dem antiken Stoff, er benutzt ihn auch für einen Blick in die Gegenwart. Ein Schachzug, der in knapp zwei Stunden Aufführungszeit vortrefflich gelingt", findet Gabriele Fleischer in der Freien Presse (17.9.2018). Köhler greife den Stoff in einem Erzählstil auf, der auf innere Reflexionen setzt und mache "eine gelungene Irrfahrt, die mitten in Dresden endet" draus.

Über eine "(v)ielumjubelte Premiere" mit einem "hochgradig energetischen Ensemble" berichtet Sebastian Thiele in der Sächsischen Zeitung (17.9.2018). Schimmelpfennig "entmythologisiert" den Stoff "herzerfrischend", so der Kritiker. "Sprachwitz und Tragik geben sich die Hand, Brüche und Widersprüche füttern fortwährend neue Assoziationen." In Anspielungen auf das Grundrecht auf Heimat bzw. einen Rettungsring blitze "(s)ubtil, aber deutlich" Gesellschaftskritik auf. "Für dieses kluge und fantasiereiche Erzähltheaterstück findet Tilmann Köhler auch die passenden Inszenierungsideen."

Eine "exzellente Ensembleleistung" bescheinigt Heiko Nemitz den Künstler*innen in der Dresdner Morgenpost (17.9.2018). Zu sehen sei eine "Odyssee" im "Lichte von Migration, Kriegsflucht und Fake-News“. Köhlers Inszenierung sei "spartanisch" angelegt und biete trotz "einer streckenweise schwierigen Akustik" ein "großes Schauspielerfest".

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