Eine Runde geht noch

von Matthias Schmidt

Halle, 16. September 2018. Die Bühnen Halle haben in ihrem Opernhaus eine neue Raumbühne installiert – BABYLON heißt sie, und wie auch schon die preisgekrönte Vorgängerin HETEROTOPIA hat Sebastian Hannak sie entworfen. Das Theater preist sie mit feinster Formulierungsleistung; "Spuren vergangenen Zusammenlebens und verlorener Solidarität" soll sie zu rekonstruieren helfen, "Möglichkeiten neuer Gesellschaftlichkeit" entdecken. Unter anderem.

Zur ersten Schauspielpremiere der Saison, der Uraufführung von Axel Ranischs Roman "Nackt über Berlin", gilt es zunächst, den Zuschauerraum selbst aufzuspüren. Durch einen Seitenbühneneingang, vorbei an den Schauspielergarderoben, landet man schließlich auf der Drehbühne. Umgeben von vier Spielflächen, anfangs mit Blick auf den Zuschauerraum, der teilweise überbaut ist mit Kulissen. Hinterbühne und beide Seitenbühnen sind ebenfalls aufwändig zu bis zu dreistöckigen Spielbühnen umgestaltet.

"Nackt über Berlin": Rachefeldzug statt Roadtrip

Dann beginnt die große Rundfahrt: Ranischs Roman ist ein Pointenfeuerwerk mit Tiefgang, eine Art böses "Tschick". Zwei Schüler, Jannik und Tai, die sich selbst gerne auch Fetti und Fidschi nennen, finden ihren Direktor sturzbetrunken auf der Straße und beschließen, ihn in seinem Hightech-Apartment einzusperren. Aus dem Schülerstreich wird schnell handfeste Folter: Sie drehen ihm Wasser und Strom ab, sein Essensvorrat geht zur Neige, und irgendwann beichtet der Direktor tatsächlich, für den Selbstmord einer Mitschülerin mitverantwortlich zu sein. Er hat einen Kollegen gedeckt, nachdem dieser eine Affäre mit der Schülerin hatte. Sie sprang daraufhin vom Schuldach.

Da der Direktor nicht weiß, wer ihn eingesperrt hat, sucht er zunächst nach möglichen Tätern und Motiven. Er zermartert sich den Kopf darüber, welche Leichen er im Keller hat. Allein diese Ebene des Romans könnte für ein Drama genügen, weil sich dabei außerdem herausstellt, dass auch die Jungen unterschiedliche Gründe für die Aktion haben. Jannik ist in Tai verliebt, und Tai war in die Schülerin verliebt, die sich umgebracht hat. Außerdem treibt ihn eine diffuse Wut auf alle "Deutschen", ausgelöst dadurch, dass vor Jahren Nazis seinem Vater die halbe Zunge herausgeschnitten haben. Das ist der Kern des Romans, der ein bisschen versteckt liegt hinter den bunten Elementen, der derben Jugendsprache, der grellen Komik.

Nackt in Berlin2 560 Theater Oper und Orchester GmbH Falk Wenzel hAli Aykar, Till Schmidt, Anne Lebinsky, Tristan Steeg, Martin Reik, Alexander Pensel, Cythia Cosima
Erhardt © Falk Wenzel

Wie der Roman auch feiert Henriette Hörnigks Inszenierung zunächst vor allem die Komik der Situation: den volltrunkenen Direktor, Jannik, den übergewichtigen Klassik-Freak kurz vor dem Coming out, der zu Rachmaninoff-Musik masturbiert und von Tai träumt, dem vietnamesisch-stämmigen Mitschüler, und dabei von seiner Mutter überrascht wird. Tais Verwandte, eine comicartig überzeichnete Großfamilie, singende und kochende Klischee-Asiaten mit schwarzen Perücken. Alles ist auf die Spitze getrieben, zum Schreien komisch. Petra Ehlert und Jörg Simonides als Janniks Eltern sorgen mit ihrem deftigen Herumberlinern für Lacher, und überhaupt merkt man irgendwann kaum noch, wie sich die Bühne dreht, von einem Ort zum nächsten, von einer Geschichte zur nächsten.

Schnitzelchen für alle

Bis zur Pause läuft das ziemlich flott durch: mit viel Klamauk, ein bisschen Musical, einer Prise Drama, Momenten von klassischem Jugendtheater und lautem Boulevard. Danach erlebt die neue Raumbühne bei dem Versuch der Stückfassung, nacheinander alle wichtigen Handlungsstränge des Romans zu Ende zu erzählen, ihre erste schwere Stunde. Obwohl bereits viel gestrichen wurde, entsteht eine quälende Aneinanderreihung immer kleiner werdender Szenen. Viertelkreisweise dreht sich die Bühne, von einem Ende zum nächsten, dann zum nächsten, und immer, wenn man glaubt, das war es nun, kommt noch eine Ebene hintendran.

Damit alle nochmal was zusammen machen, kommt ganz zum Schluß Janniks Vater fernsehschwankmäßig unvermittelt mit einer Pfanne auf die Bühne und verteilt Schnitzelchen an alle. Natürlich ist das noch einmal komisch, und das Publikum nimmt es dankbar lachend an. Aber es offenbart das große Manko der gesamten Uraufführung. Sie sucht sich keinen Fokus, will den Roman in ganzer Breite spielen, alle Pointen mitnehmen, möglichst alle kleinen Unterdramen in den Biografien der Personen miterzählen – und läuft so auf nichts hinaus als darauf möglichst vollständig zu sein. Am Ende zerbröselt sie genau dadurch in lauter Einzelteile. Auch die Raumbühne, die anfangs so prächtig funktioniert, kann das nicht mehr überdecken. Vielleicht ist sie sogar ein Teil des Problems. Weil sie rundum bespielt werden will.

Nackt über Berlin
nach Axel Ranisch
Uraufführung
Regie: Henriette Hörnigk, Bühne: Sebastian Hannak, Kostüme: Angela Baumgart, Sound: Bernd Bradler, Dramaturgie: Sophie Scherer.
Mit: Matthias Walter, Alexander Pensel, Ali Aykar (Studio), Martin Reik (a.G.), Petra Ehlert, Jörg Simonides, Anne Lebinsky (a.G.), Cynthia Cosima Erhardt, Nils Thorben Bartling, Till Schmidt, Tristan Steeg (Studio), Edda Maria Wiersch (Studio).
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

buehnen-halle.de


Kritikenrundschau

"Großes Musik- und Romantheater der besonderen Art. Deshalb gehört es zu Recht nicht ins Schauspiel, sondern in die Oper. Alle Figuren wollen für die unterschiedlichsten Momente die genau richtige Musik von Jannik (...)", berichtet Roland H. Dippel in der Neuen Musikzeitung (online 18.9.2018). "Die Hallenser Aufführung ist ein mit minimalen Abstrichen großartiger Abend. Sie kontert der situativen Überfülle mit Klangrausch und fixen Wechseln zwischen Gerüst, Seitenbühne und Zuschauerraum."

"Gegen Ende fasert die Fabel merklich aus; wie überhaupt der zweite, kürzere Teil auch von Hörnigks Inszenierung beträchtliche Schwächen aufweist. Ohne Pause und mit kräftigen Strichen in den zuweilen ziemlich verquatschten Szenen nähme die Bedrohlichkeit noch zu: in der Fabel um die Schuld, der niemand entkommt", so Michael Laages für Deutschlandfunk Kultur (19.9.2018). Dennoch: "Die Regisseurin der Uraufführung zeigt großes Gespür für die stetig wechselnden Temperaturen all der vielen Temperamente im Ranisch-Universum; denn so dramatisch sowohl Tod und Terror als auch die Entdeckungen im eigenen sexuellen Ich die Geschichte vorantreiben, so genüsslich lässt sich die Regisseurin auch ein auf liebenswert-vertrottelte Typen und schrille-schräge Chargen."

 

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