Menschen sind kein Material

17. September 2018. "Was auch immer dabei künstlerisch herauskommen mag – die Zeit der allmächtigen Inszenatoren scheint gestundet. Menschen sind kein Material. Auch nicht auf der Bühne", schreibt Petra Kohse in der Berliner Zeitung mit Blick auf die Vorwürfe gegen den belgischen Künstler und Choreografen Jan Fabre, gegenüber Tänzer*innen seines Ensembles sexuell übergriffig geworden zu sein. 

Die Vorwürfe sind aus Kohses Sicht ebenso Einzelfall wie Symtom: Das eine seien mögliche persönliche Verfehlungen eines Mannes, dessen künstlerische Strategie in Körperforschung und Grenzüberschreitung besteht. Das andere sei ein Umfeld, in dem sich Darstellerinnen zuweilen fühlen "wie Sexarbeiterinnen", mit dem einzigen Unterschied, dass sie sich "im Namen der Kunst" zur Schau stellen. Kohse bezieht sich auf eine Recherche zu sexuellen Übergriffen in der belgischen Tanzszene der Tänzerin und Journalistin Ilse Ghekiere im November 2017. Ghekiere habe darin "den geradezu flächendeckenden Missbrauch von Tänzerinnen" resümiert, deren Körper allzeit bewertet und als Verfügungsmasse behandelt werden". Auch sei Ghekiere aufgefallen, "dass trotz der MeToo-Debatte die Websites vieler belgischer Gruppen 'Bilder von jungen Frauen in unterschiedlichen Stadien des Unbekleidetseins' enthalten" hätten.

"Die Performer als künstlerische Beute. Die Verteidigung des Unzumutbaren als künstlerische Freiheit", fragt Kohse also. Tatsächlich sei es den Verfassern des offenen Briefes gegen Fabre auch um diese Ebene des Diskurses zu tun. "Freiheit für wen? Um was zu tun? Was ist es, das wir im Namen der Kunst so verzweifelt beschützen und rechtfertigen? Wen schützen wir und warum sollten wir uns wünschen, so weiterzumachen wie bisher?"

Das sei, so Kohse weiter, kein Einzelproblem. "Die hierarchische Organisation kollektiver Kunstprozesse (bei Dreharbeiten, in Orchestern, in Tanzcompagnien, auf Theaterproben) im Verbund mit der Verletzlichkeit und Weisungs- wie Bestätigungsbedürftigkeit sozial selten abgesicherter Künstler und Künstlerinnen produziert Abhängigkeitsverhältnisse, die in der Blase, in der gerade Hochleistungskünstler leben, allzuleicht vom Beruflichen ins Private übergreifen kann. Hinzu kommt die Genie- und Eventversessenheit unserer Gesellschaft. Es wird immer nur der eine große Name gekauft und verehrt, während die Co-Autorenschaft und das Können der Ausführenden oft unter den Tisch fallen." Aber wie die Emanzipationsbewegung darstellender Künstler zeige, das deutsche Ensemble-Netzwerk etwa, sei die Zeit für einen groß angelegten Wandel künstlerischer Arbeitsprozesse gekommen.

(sle)

 

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