Die Tragödie ist schon geschrieben

von Reinhard Kriechbaum

Graz, 21. September 2018. Im Nachtklub "Tram 83" treffen sie aufeinander, die Bewohner eines immer noch nicht wirklich postkolonialen, neoliberalen Absurdistans namens "Stadtland": Underdogs und Glücksritter auf Zeit, und alles was dazwischen liegt. Fiston Mwanza Mujila stammt aus dem Kongo. Er war 2009 Stadtschreiber in Graz und lebt seitdem hier. An der Universität unterrichtet er afrikanische Literatur, und mit seinem Debütroman "Tram 83" eroberte er 2015 die Herzen des Feuilletons. "Tram 83" landete auf der Longlist des Man Booker International Prize, erhielt Auszeichnungen und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Am Beispiel seines Heimatlandes schreibt Mujila über die globalisierte Welt, über die Unüberblickbarkeit des Ganzen, über die ausgehebelten Werte. In französischer Sprache schildert er kongolesische Verhältnisse – aber solche Wirtschaftsgeographie bestimmt die Landkarten ja überall.

Damit die Sache überhaupt erträglich bleibt, greift Fiston Mwanza Mujila zu einer umwerfenden Mischung aus beinharter Unverblümtheit und musikalisierter Poesie. Beides kommt wunderbar heraus in der Dramatisierung, die nun im Rahmen des Steirischen Herbsts am Grazer Schauspielhaus uraufgeführt wurde. Herausforderung der Übersetzung (Katharina Meyer und Lena Müller): die Musikalität, das "Jazzige" des Textes herüber zu retten. Anspruch an eine Bühnenfassung: aus dem Figurengewimmel zu extrahieren, und doch das Oszillieren dieser Gesellschaft zu vermitteln.

Zirkus-Ambiente

Regisseur Dominic Friedel macht das mit Raffinement. Die drei männlichen Hauptfiguren – den raffinierten Geschäftemacher Requiem, den Historiker und Schriftsteller Lucien und dessen Verleger – hat er Schauspielerinnen anvertraut. Alle Frauenrollen – besonders einprägsam die Diseuse, die unter dem Spitznamen "Diva der Eisenbahntrassen" läuft – spielt der einzige Mann in der Runde. Immer wieder steigen die Figuren aus ihrer Rolle aus, schildern sich in der dritten Person oder beschreiben die Lage, das Geschehen. Gegenseitig ist man "Begleitorchester", wiederholt zentrale Wörter wie in der rhythmischen Drum-Leiste des Jazz: Wort-Variationen des eigentlich Unsagbaren.

tram83 4 560 Lupi Spuma uSarah Sophia Meyer, Tamara Semzov, Maximiliane Haß © Lupi Spuma

Das "Tram 83" habe den "Anstrich eines echten Theaters, wenn nicht eines großen Zirkus", heißt es im Text, und das wird eingelöst. Ein Bühnenbild (Frank Holldack) mit Varieté-Flair, mit senkrechten zarten Licht-Stäben, die genau so gut Überbleibsel von Käfigelementen sein könnten. Darin werden Situationen durchgespielt, in denen "Bestien" und "Zuschauer" aufeinander losgelassen werden und nicht mehr so leicht auseinanderzuhalten sind.

Literatur als Ort

Mit welcher Figur soll man eigentlich sympathisieren? Tamara Semzov spielt mit dauer-pessimistischem Blick den Intellektuellen Lycien. Er versucht sich als Schriftsteller, sein Sinnen und sein Wollen wirken meilenweit von der Realität entfernt. Einmal klopft ihm Requiem, Jugendfreund und Gegenspieler, wohlwollend auf die Schulter: "Die Tragödie ist schon geschrieben, wir schreiben nur das Vorwort." Dieser Requiem, den Sarah Sophia Meyer mit einer Mischung aus gewinnendem und spöttischem Lächeln ausstattet, gibt sich als Robin-Hood-Typ, geeicht im Nahkampf mit den "gewinnorientierten Touristen". Aber zu Robin Hood fehlt die Uneigennützigkeit. Requiem ist vor allem ein schlitzohriger Vorwärtsbringer seiner Selbst.

Es fehlt nicht an Bonmots, mit denen Fiston Mwanza Mujila die Rolle des (entschieden zu besserwisserisch sich gerierenden) Literaten hinterfragt. "Genügt die Realität deinem Gewissen nicht?", muss Lucien sich von Requiem sagen lassen. Requiem huldigt lieber dem "Tram 83": "Es gibt Orte, die brauchen keine Literatur, die sind Literatur, sie stehen mit beiden Beinen im Leben." Dominic Friedel ist es gelungen, aus einem Roman voller solcher eigener Bilder nicht bloß ein Stück für Lesefaule zu machen. Seine Dramatisierung hat eigene Anmutung, eigenen Stil.

Tram 83
nach dem gleichnamigen Roman von Fiston Mwanza Mujila
Aus dem Französischen von Katharina Meyer und Lena Müller
Uraufführung
Regie: Dominic Friedel, Bühne: Frank Holldack, Kostüme: Karoline Bierner, Musikalische Leitung: Patrick Dunst, Dramaturgie: Jennifer Weiss.
Mit: Pascal Goffin, Maximiliane Haß, Sarah Sophia Meyer, Tamara Semzov.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.steirischerherbst.at
www.schauspielhaus-graz.com

 

Kritikenrundschau

Friedel habe die kluge Entscheidung getroffen, Handlung nur anzudeutenschreibt, schreibt Ute Baumhackl in der Kleinen Zeitung (online 21.9.2018).
"Das Textdauerfeuer dieser streckenweise zur außerordentlichen Sprechperformance verdichteten Inszenierung ist, zugegeben, anstrengend, aber als Versuch, einen Roman zu illustrieren, ist es auch weit aufregender und fantasievoller als konventionellere Formen szenischer Bebilderung."

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Kommentare

Kommentare  
#1 Tram 83, Graz: ein ErlebnisSabine MIndel 2018-09-24 22:49
Mich beeindruckte vor allem die sprachliche Leistung der Darsteller. Ein Theaterabend,der aus sehr viel Text bestand und dank der tollen Leistung der Darsteller jede Sekunde fesselnd war. So etwas habe ich in Graz schon lange nicht mehr miterleben dürfen. Auch die vielen interessanten szenischen Einfälle regten mich sehr zum Denken und Mitfühlen an. Ein Theatererlebnis, das sich mir sehr einprägte.
#2 Tram 83, Graz: SprachrauschGünther Hufnagel 2018-09-25 11:43
TRAM 83: ein Roman,der mich mit seiner musikalischen Sprache und der überbordenden Kraft dieser Sprache und ihrer Bilder in den Bann schlug. Wie soll so etwas Einzigartiges bei einer Übertragung ins Theater Bestand haben?Wie werden die Theatermacher das zu übersetzen versuchen?Wie werden sie versuchen die Welt des Romans auf der Bühne darzustellen? Mit großer Skepsis betrat ich anlässlich der Premiere das Haus 2 des Grazer Schauspielhauses. Auf einem verspiegelten Bodenbelag sitzen schon während des Einlasses vier Schauspielerinnen oder Schauspieler, so genau lässt sich das im ersten Moment entscheiden: drei tragen männliche Kostüme und einer ein weibliches Kostüm, aber die Gesichter sind so geschickt mit Perücken oder Bärten in der Schwebe gehalten, dass ich mir nicht sicher bin. Ein Blick ins Programmheft verrät mir, es sind drei Schauspielerinnen und ein Schauspieler. Was so eine Geschlechter-Umkehrung mit diesem Roman zu tun haben soll,frage ich mich noch kurz bevor das Licht ausgeht. Das war die letzte Frage,die ich mir in den folgenden knapp zwei Stunden stellte. Eine Welle von Sprachenergie reißt mich fort und entlässt mich erst nach dem Applaus wieder taumelnd ins Treppenhaus des Schauspielhauses. Herausfordernd war es und nicht unanstrengend, aber in der Konzentration auf die Sprache entstand ein Rausch. Ich habe die Energie der Sprache von Fiston Mwanza Mujila gespürt, ihre Wut,ihre Poesie und Zartheit und ihre atemberaubenden Bilder. Der Inszenierung gelang es, eine sehr eigene Übersetzung für die Musikalität dieser Sprache zu erfinden. Und irgendwann verstand ich auch, warum die Geschlechter der Figuren getauscht wurden. Tamara Semzov, Sarah Sophia Meyer, Maximiliane Haß und Pascal Goffin gelang es neben ihrer unglaublichen sprachlichen Leistung, die Verletzlichkeit ihrer Figuren in dieser schonungslos harten Welt spürbar zu machen. Sehr klug auch,dass es bei einem Text, in dem es unter anderem auch um die Ausbeutung afrikanischer Bodenschätze geht, keine Erde oder sonstige natürliche Materialien auf der Bühne zu sehen waren, sondern Platinen und Smartphones (u.a. in einer fast unerträglichen Folterszene oder in einer sehr berührenden Szene,als sich eine Figur ihre bin ihr selbst gesprochene Lebensgeschichte über das Smartphone anhört), denn schließlich sind das die Formen in denen diese Bodenschätze hier jeden Tag von jedem von uns benutzt werden. Ich staune noch immer über diesen Versuch einen Roman auf die Bühne zu bringen, von dem mir das eigentlich nicht möglich schien. Mich hat dieser Theaterabend fortgerissen und überwältigt, gerade auch weil er die Herausforderung, die dieser Roman beim Lesen auch ist, eben nicht gefällig und glatt gebügelt hat.
#3 Tram 83, Graz: betörend eigenDisco-Stu 2018-09-25 13:53
zuerst dachte ich mir,dass ist doch nicht euer Ernst diesen lebensprallen Roman,der permanent Dreck aus den Minen und den Schweiß im Tram 83 und Ausschweifung und Entgrenzung atmet, in einem so cleanen Spiegelboden-Raum und mit einer so nur auf die Sprache reduzierten Form ins Theater holen zum wollen. Schön und gut,dass ich allem gut folgen konnte und der Einstieg in diese Welt mir etwas einfacher als im Roman fiel,aber wo war das Chaos und die Unordnung dieser Welt?Aber irgendwann war alles da: ein akustisch-visueller Ausflug in die düster-gierige Mine der Hoffnung, eine quälende Folter im "Wiener Konservatotium" eines korrupten Kommissars, die berührend ehrliche Lebensbeichte des nihilistischen Requiem, ein irrsinnig mitreißender Monolog der Diva der Eisenbahntrassen zwischen Hoffnung und Verzweiflung und am Schluss lief alles zu einer betörend eigenen sprach-musikalischen Performance zusammen, in der Aufstand und Rebellion in der Luft lag.Es hat gedauert,aber irgendwann hattet ihr mich und dann habt ihr mich umgehauen,aber sowas von.Danke dafür!
#4 Tram 83, Graz: großartigMartin K. 2018-09-28 07:40
Zwei Stunden Teil eines dieser unglaublichen Sprache gebannt lauschenden Publikums gewesen. Eine großartige Leistung der Schauspieler, bewunderungswürdig.
#5 Tram 83, Graz: "Hammer-Abend"Lou 2018-09-28 18:28
Ein Hammer-Abend. Krass.

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