Doppelte Mörderköniginnen

von Alexander Jürgs

Marburg, 21. September 2018. Das Gefängnis ist ein goldlackierter Käfig mit schrägem Boden. Senkrechte und waagerechte Schlitze als Fenster und Ausgänge hat dieser Bühnenkasten, in ihm eingeschlossen ist Maria Stuart, die Königin von Schottland. Sie singt, sie durchwühlt die Papiere, sie hofft, sie hadert. "Nicht das Schafott ist's, das ich fürchte, Sir."

Eigentlich sind es ja zwei Gefängnisse, weil es auch zwei Stücke sind, die hier auf die Bühne kommen. Der Kerker im Schloss von Königin Elisabeth und der tote Trakt der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim. "Maria Stuart", Schillers übergroßes Drama um die rivalisierenden Königinnen, und "Ulrike Maria Stuart", Elfriede Jelineks Beschäftigung mit dem Königinnenkrieg der RAF-Terroristinnen Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof, uraufgeführt 2016 als irrlichternde Revue von Jelineks Stammregisseur Nicolas Stemann am Thalia Theater.

Willkommen, Bienvenue, Welcome

Mit einem Doppel aus beiden zusammengespannten Werken startet am Hessischen Landestheater in Marburg eine neue Intendanz: Die weibliche Doppelspitze aus Carola Unser und Eva Lange hat das Haus übernommen. "Willkommen, Bienvenue, Welcome" aus "Cabaret" singend zieht ihr Ensemble in den Theatersaal des Marburger Erwin-Piscator-Hauses, der Oberbürgermeister wünscht sich in seiner Eröffnungsrede "Subversion und Provokation" vom neuen Leiterinnen-Duo, auf den Plakaten im Foyer steht Neustart, mit großem Ausrufezeichen dahinter. Neu-Intendantin Eva Lange, zuletzt Oberspielleiterin an der Landesbühne Niedersachsen Nord, hat selbst inszeniert.

MariaStuart 2 560 Katrin Schander HLTM uZenzi Huber als Maria Stuart, Königin von Schottland, im Kerker ganz allein  © Katrin Schander HLTM

Für welche der beiden Königinnen aus Schillers Stück ihr Herz schlägt, daraus macht sie mit ihrer Figurenzeichnung kein Geheimnis. Ihre Maria Stuart ist ein wildes Naturkind mit langer Mähne, impulsiv, gefühlvoll, Zenzi Huber spielt sie mit großem Körpereinsatz. Ihr Gegenüber, die Machthaberin am längeren Ruder, gibt sich dagegen kühl, kontrolliert, streng. Androgyn, im Businessdress, die Haare kurz und blondiert tritt Mechthild Grabner als diese Elisabeth auf, wie eine Figur aus einem Gemälde von Kate Diehn-Bitt.

Fließender Übergang

Besonders in der Schlüsselszene des Stücks, dem Zusammentreffen der Rivalinnen im Park, erscheint sie als herzloser Racheengel. Am höchsten Punkt der schrägen Bühne steht sie da, zeigt ihrer Konkurrentin und dem Publikum den Rücken, spricht kalt. Taff und forsch tritt sie aber auch gegenüber der Heerschar an männlichen Einflüstern auf, die ihr aus machttaktischen Gründen mal zu diesem, mal zum anderen, mal zum Tod der Maria, mal zur Gnade raten. Diese Spin Doctors, sinistre Grafen und Barone aus Schillers Feder sind es, die dafür sorgen, dass sein Stoff – man denke bloß an den Fall Maaßen – noch immer so aktuell erscheint.

MariaStuart 3 560 Katrin Schander HLTM uMechthild Grabner als Elisabeth I. von England, umgeben von ihren Verfassungsschutzpräsidenten und Innenstaatssekretären  © Katrin Schander HLTM

Am Ende des Stücks stirbt Maria. Ihren Tod abzuwenden, dazu ringt sich Elisabeth nicht durch. "Muss es denn wirklich so ausgehen? Soll es so enden?", fragt auf der Marburger Bühne Zenzi Huber. Statt einer sterbenden Königin ist da plötzlich eine tanzende Meute, in Tigerfellschlaghosen, mit Hippie-Mähnen oder Che-Guevara-Kampfmontur, in Achtundsechziger-Maskerade. Stayin' alive, stayin' alive, singen die Bee Gees dazu, ein Stück, das gar nicht im großen Umbruchjahr, sondern erst im Dezember 1977 auf den Markt kam, kurz nachdem sich Baader, Ensslin und Raspe in  ihren Stammheimer Zellen selbst getötet hatten.

Schnelldurchlauf

Für den Jelinek-Stoff, den die Darsteller nun einzeln oder im Chor sprechen, nimmt sich Lange kaum mehr als eine halbe Stunde Zeit, er bleibt eine Art Anhängsel. Und die Inszenierung wird zum parodistischen Schnelldurchlauf durch die Hippie-Ära. Papiertüten mit dem Konterfei des persischen Machthabers Mohammad Reza Pahlavi, wie sie die Kommune I auf den Anti-Schah-Demos verteilte, werden über Köpfe gestülpt, Reclam-Lektüre und Flugblätter weitergegeben, erste Bühnenteile abgebaut. Die Phrasen, die Slogans, der kaltherzig-unversöhnliche Bekennerschreibenton erklingen, der barbarische Meinhof-Satz, dass natürlich geschossen werden darf, genauso wie die aktionistische Forderung: "Sprechen reicht nicht aus". Vom schalkhaften Spot über den Linksradikalismus, der in Jelineks Stücks steckt, ist kaum etwas übrig geblieben. Im großen Durcheinander verlieren sich die Vielschichtigkeit und die Vielstimmigkeit des Textes. Mit Der Traum ist aus von Ton Steine Scherben und gereckten Fäusten geht der Abend kitschig zu Ende.

 

Maria Stuart / Ulrike Maria Stuart
von Friedrich Schiller / Elfriede Jelinek
Regie: Eva Lange, Bühne und Kostüme: Carolin Mittler, Dramaturgie: Christin Ihle, Theaterpädagogik: Michael Pietsch, Regieassistenz: Philip Lütgenau.
Mit: Zenzi Huber, Mechthild Grabner, Saskia Boden-Dilling, Sven Brormann, Simon Olubowale, Christian Simon, Metin Turan, Jürgen Helmut Keuchel, Camil Morariu.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.hltm.de

 

Kritikenrundschau

Sauber und exakt führe Eva Lange das größtenteils neu engagierte Ensemble durch den Schulstoff-Klassiker. "Dabei gelingt es ihr – auch dank des klugen Bühnenbilds von Carolin Mittler, den schwierigen Raum der spröden Stadthallenbühne ästhetisch zu füllen", schreibt Marion Schwarzmann von der Gießener Allgemeinen (24.9.2018). "Alles fließt, wenn auch bei Schiller manchmal etwas mäandernd. Und plötzlich (...) ist man bei Elfriede Jelinek angekommen. Welch ein Unterschied in der Sprache!" Die Regisseurin hake die Jelinek’sche Version in einer Dreiviertelstunde ab. "Vergnüglich anzuschauen, doch dramaturgisch verzichtbar."

"Eine etwas waghalsige und auch halbgare Unternehmung, aber mit Schau- und auch anderen Werten", befindet Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (25.9.2018). "Eigentlich noch nie eine so unangenehme, um sich selbst kreiselnde, lauernde, vor lauter Frustration uneitle Maria gesehen, aber dadurch auch noch kaum eine so moderne, von allen idealistischen Geistern verlassene." Während man sich darüber wundern könne, dass Lange sich so wenig für Elisabeths Konflikt interessiere, gebe die Inszenierung in der Figur der Maria wirklich eine Stellungnahme ab. "Angst und Gefangenschaft machen einen Menschen nicht klüger, nicht besser, nicht einmal interessanter, sondern lediglich kleiner und enger."

 

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Kommentare

Kommentare  
#1 (Ulrike) Maria Stuart, Marburg: was soll erzählt werden?Lieneweg 2018-09-22 16:18
Herr Jürgs hat den Abend beschrieben in seiner Fülle.Ich aber weiss nicht so recht,was Eva Lange erzählen wollte! Sie und auch Carola Unser, die beiden Intendantinnen,sind so voller Glück und wollen soviel zeigen/tun/vermitteln,dass sich das in der Inscenierung wiederspiegelt(Ihre Reden vor der Vorstellung waren wunderbar!) Es gab in der Inscenierung schöne Momente,das "Urgeschöpf"Maria,ihre Kraft,ihr Aufbäumen,ihre Gefühlsmacht und dagegen die verkrampfte,coole schöne Elisabeth....aber was dann noch alles dazukam an Charakteren/Schicksalszeichnungen und das Publikum sollte mit "eingebunden" werden und dann noch das ganze "Jelinek-Wirrwar"...WAS sollte wirklich erzählt werden durch das Zusammenlegen beider Stücke??? Es wurde mir nicht klar?!?
#2 (Ulrike) Maria Stuart, Marburg: Traum bleibtM.E. 2018-09-22 18:45
Erzählen sollte. Wir müssen Wiederstand leisten. Gegend das was unsere schöne Demokratie gefährdet.
Der Schiller sollte zeigen, was passiert, wenn man nicht handelt und sich den gegebenen Umständen anpasst.
Der Inzenatorische Ansatz war, Menschen zu zeigen, die sich in Zwei Systemen befinden.
Im Schiller, bleiben sie unbeweglich, lebenn in einem Alten System und lassen die Tragödie auf sich zu kommen.Verhindern und ändern nichts.
Im Jelinek, ist eine neue Zeit angebrochen. Die Zeit des Wiederstands, des Aufbruchs und und der Veränderung.
Am Ende ist das Ziel nicht erreicht, aber der Wunsch, der Traum bleibt bestehen.
#3 (Ulrike) Maria Stuart, Marburg: kommt nie durchK. Atze 2018-09-23 19:33
... M. E.

Produktionsnah? Das Alles kommt an diesem Abend doch leider nie durch. Der Jelinek Teil ist dann auch teilweise so schlampig und oben drein Jelinek-generisch vorgetragen, dass die Brücke zwischen den beiden Deutungswelten nie geschlagen wird. Der simple Satz '(...) Muss es denn immer so sein/ enden?' Ist dabei auch ein unfaassbar plumper Versuch das alles zu verbinden.

Der Schiller wird durch die Pop-Revolte nebenbei erstickt und am Ende bleibt dann nicht mehr viel übrig.

Der 'krasse' Regieeingriff verblasst leider auch schon davor, weil der Schiller durchexerziert wird und nicht gerade stark in das Regie Konzept verbaut wird. Der Bruch lässt auch so lange auf sich warten, dass man ihn bestimmt eine Stunde vorrausahnt und man noch mehr versucht ist dem Schiller nicht allzu konzentriert zu lauschen.

Dabei ist ihre Beschreibung des Ansatzes so spannend und aktuell... Leider erzählt sich unsere Welt, zumindest an diesem Abend, so furchtbar schlecht an beiden Texten.

Das einzige was mich wach hielt, waren die Leistungen der beiden Hauptdarstellerinnen und einiger anderer Akteure auf der Bühne.

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