Macht das Wiener Burgtheater den Rassismus salonfähig?

22. September 2018. Am Akademietheater wird das Stück "Kampf des N**** und der Hunde" [Schreibweise mit *** vom Redakteur] von Bernard-Marie Koltès aufgeführt. Auch in Wien gibt es dagegen Proteste. Eine sich "malaika & friends" nennende Gruppe wirft dem Burgtheater vor, durch den Gebrauch des N-Wortes Rassismus salonfähig zu machen, schreibt Ronald Pohl in der Wiener Tageszeitung Der Standard (online 21.9.2018, 11:00).

Koltès' Absichten, wie Der Standard sie versteht

In seiner Auseinandersetzung mit dem Vorwurf weist Pohl darauf hin, dass es sich bei Koltès (1948–1989) um einen "homosexuellen Außenseiter des Kulturbetriebes" gehandelt habe.

Das N-Wort im Titel seines Stückes über "das Fortwirken des Kolonialismus in unseren Hirnen" habe Koltès "präzise und unmissverständlich gesetzt". Er drücke damit keinerlei Zustimmung zu den "beschämenden Umständen" aus, "unter denen man aus Menschen of colour 'N****' macht".

Ausgedrückt werde von Koltès "der Mechanismus, der 'N****' immer neu herstellt. Als Produkt des transatlantischen Sklavenhandels würden Menschen als "N." bezeichnet, "um sie umso wirkungsvoller entrechten, in Körper und Rassensubjekte verwandeln zu können".

"Irgendwo auf der Schnittfläche von Rechtsdiskursen und Praktiken der Gewalt" siedele auch Koltès' 'N****'.

Die Figur Alboury dagegen werde vom Autor in der Synopsis des Stückes ausdrücklich als "Schwarzer" bezeichnet. Die Verächtlichkeit des N-Wortes sei somit "polemischer Natur" und werde "durch die Setzung im Titel vom Fließtext abgesetzt".

Die "Hunde" seien die "whiskeysaufenden Weißen".

Die aufklärerischen Absichten des Burgtheaters

Doch die "aufklärerischen Absichten des Wiener Burgtheaters", das Theater habe das N-Wort im Spielplan-Leporello weiß unterlegt und mit Kommentar versehen, träfen auf Kritik. "Burgtheater macht Rassismus salonfähig", laute der Titel eines "Brandschreibens", das eine sich "malaika & friends" nennende Gruppe aufgesetzt habe. Schwarze Menschen würden "in einem Atemzug mit Hunden" genannt. Kein Mensch, der den Stücktitel im Vorübergehen lese, könne "auf die fortschrittlichen Intentionen des Autors irgendwelche Rückschlüsse ziehen".

Menschen of color sind immer ein Zeichen für Abweichung, nie Mutter oder Nachbar

Der Vorwurf des Rassismus sei nicht neu, schreibt Pohl weiter. Immer öfter stürze die "theatrale Repräsentation" des "vermeintlich Anderen" die "Vertreter des landläufig Guten, Wahren und Schönen" in Verlegenheit.

Menschen mit "migrantischem Hintergrund" beklagten die "Selbstgefälligkeit eines Theatersystems", das Personen of colour ausschließlich dann heranziehe, wenn es Flüchtlinge und Versprengte darstellen will. Oder, wie Joy Kristin Kalu sage: Menschen of colour "repräsentierten zuallererst das schwarze Andere", sie seien auf der Bühne nicht vorstellbar als Heldin, Bösewicht, Liebhaber, Nachbar, Kind oder Mutter. "Immer würden sie als Zeichen für eine Abweichung gelesen und besetzt." Niemals gelte "ihr Wirken und Wähnen als normativ und zeichensetzend".

Pohl schreibt, es falle allerdings schwer zu glauben, ein "Weltdramatiker wie Koltès" hätte vor 30, 40 Jahren von diesen Zusammenhängen – zumal als "minoritär Sprechender" – nicht wenigstens einen "kursorischen Begriff" gehabt.

Das Burgtheater jedenfalls bestehe auf seinen Absichten. "Es gehe gerade darum, anhand von 'Kampf des N***** und der Hunde' die weiße Vorherrschaft in der Form kolonialer Gewaltausübung zu dekonstruieren."

(DerStandard.at / jnm)

 

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