Im Knochenwerk der Ideologie

von Christian Rakow

Potsdam, 22. September 2018. Der Intendanzstart in Potsdam beginnt mit einem Spalier. Zwischen den Mitarbeiter*innen des Hauses hindurch geht’s die Treppe rauf ins Hans Otto Theater zum Sektempfang. Handshake hier, Umarmung dort. Mittenmang empfängt die neue Chefin ihr Publikum: Bettina Jahnke, gebürtige Wismaranerin, zuletzt Intendantin in Neuss. Sie hat sich in Potsdam bereits Kredit erarbeitet. Die schreibenden Kollegen vor Ort schätzen ihre kommunikative Art. Vorgänger Tobias Wellemeyer galt als introvertiert, ein schwerblütiger Künstlertyp.

Bohrungen in der Geschichte

So recht wie ein Bruch fühlt sich der Auftakt dennoch nicht an. Im wie üblich stark umgekrempelten Ensemble entdeckt man Protagonisten wie René Schwittay wieder. Und auch die Stoffwahl zeichnet Linien weiter: Uwe Tellkamps DDR-Epos Der Turm war einer der großen Marksteine der Wellemeyer-Ägide in Potsdam; mit kraftvoll expressiver Bildsprache. Jahnke eröffnet mit Eugen Ruges DDR-und-Nachwende-Saga "In Zeiten des abnehmenden Lichts". Ein adäquates Schwergewicht, Träger des Deutschen Buchpreises 2011. Wobei – und damit hören die Gemeinsamkeiten denn auch auf – Jahnke ihre Adaption betont ruhig, musikalisch, lyrisch angeht.

Licht1 560 ThomasM.Jauk uIm Gestänge einer Palast-der-Republik-haften Fassade: Henning Strübbe als Alexander
@ Thomas M. Jauk

Eine Soundcollage steht am Beginn, markante O-Töne aus vierzig Jahren DDR: Ulbricht kurz vorm Mauerbau, Schabowski vorm Mauerfall, Wolf Biermanns So soll es sein erklingt, Reagans "Mr. Gorbatschow, tear down this wall“. Die Schlaglichter korrespondieren mit den Zeitenbohrungen, die Ruge in seinem Familienroman unternimmt: An der Spitze seiner Generationenpyramide stehen die linientreuen SED-Kader Wilhelm und Charlotte, die aus der mexikanischen Emigration nach Berlin zurückkehren, um den Sozialismus aufzubauen.

Charlottes Sohn Kurt und seiner russischen Frau Irina fällt es schon schwerer, sich mit den Verhältnissen zu arrangieren. Kurt saß im sowjetischen Arbeitslager, legt aber nach der Freilassung eine beachtliche Karriere als Historiker hin. Ein Fall von schreiendem Opportunismus, wie sein Sohn Alexander ihm lebenslang vorhalten wird. Alexander selbst schert aus, geht noch vor der Wende in die BRD, wird Theaterregisseur an mittleren Häusern und landet am Ende seines Lebensweges in Mexiko, krebskrank, auf der Suche nach den Ursprüngen dieses Verfalls einer Familie.

Mühsame Monologarbeit

Die Zeitgeschichte läuft bei Ruge eher als Hintergrundrauschen mit. Ereignisse wie die Ausweisung Wolf Biermanns 1976 werden gestreift, geraten aber nicht zum Anlass längerer Szenen oder Dispute. Wie das Buch ohnehin mit Dialogen kargt. Eine latente Kommunikationshemmung prägt die Verhältnisse der Figuren nach außen. Der erzählerische Aufwand gilt der inneren Reflexion, dem Gedankenbericht, dem Eintauchen in die jeweiligen Figurenperspektiven.

Das macht den Roman nicht gerade einfach für die Bühnenumsetzung. Blickwinkel, die sich im Buch elegant narrativ einstellen, müssen auf der Bühne in mühsamer Monologarbeit an allen vorbei zur Rampe gestellt werden. Jahnke und ihr Ensemble bewältigen die Aufgabe mit blässlicher Solidität. Viel grau in grau vor grauen Gerüstwänden. Ins Zentrum rückt Henning Strübbe als Alexander, der mit weich abfallenden Schultern und elegischer Grundnote seine mexikanischen Berichte einflicht. Die Bruchstellen im Verhältnis mit seinem Vater Kurt (René Schwittay) werden eher angetippt als aufgeraut.

Licht3 560 ThomasM.Jauk uAlexander mit dem linientreuen Großvater Wilhelm: Joachim Berger und Henning Stübbe – Großmutter Charlotte (Bettina Riebesel) im Hintergrund @ Thomas M. Jauk

Grellere Farbtupfer setzen Nadine Nollau als Irina und Rita Feldmeier als ihre Mutter Iwanowna, beide mit karikiertem russischem Akzent. "Eine Schande! Die Frau trinkt und der Mann ist nüchtern. Das glaubt mir keiner in Slawa", gluckst Feldmeiers Iwanowna mit Blick auf ihre trinkfreudige Tochter und holt sich Szenenapplaus vom Potsdamer Publikum.

Zeiten zunehmenden Protests

Der Verschleiß der Menschen im Knochenwerk der Ideologie wird von Alexander früh als Thema gesetzt, aber die Spuren von Opferbereitschaft und Selbstverleugnung sind bei den Figuren allenfalls zu erahnen. Noch der 90. Geburtstag des selbstbeschönigenden Parteirecken Wilhelm, der in der DT-Uraufführung von Stephan Kimmig 2013 zur großen Zerrissenheitserfahrung von Christian Grashof als Wilhelm wurde, geht hier vergleichsweise blessurenfrei über die Bühne.

Die größte Leidenschaft entwickeln Kurt und Alexander im Finale, wenn sie einen Streit über die Treuhandverfehlungen und überhaupt die Verhältnisse nach 1989 austragen. Ein rarer Moment von Konfrontation. "Ich verstehe nicht, wie man nach zehn Jahren Arbeitslager noch immer von Sozialismus erzählt!", braust Alexander auf. Und Kurt wütet: "Der Kapitalismus vergiftet! Der Kapitalismus frisst diese Erde auf ...".

Wer diese Dimension noch etwas weiter ausgebaut sehen wollte, konnte nach dem Premierenapplaus in die Reithalle gleich neben dem Haupthaus hinüberwechseln, zu "paradies spielen (abendland. ein abgesang)" von Thomas Köck in der Regie von Moritz Peters. Ein globalisierungskritischer Wutschrei, jüngst mit dem Mülheimer Dramatikerpreis bedacht, in Potsdam chorisch und in kleinen Solopartien auf quer im Raum liegenden Bodenschollen serviert. Für Zeiten des zunehmenden Protests.

 

In Zeiten des abnehmenden Lichts
nach Eugen Ruge
Bühnenfassung von Bettina Jahnke und Alexandra Engelmann
Regie: Bettina Jahnke, Bühne und Kostüme: Juan León, Sound und Video: Tatjana Živanović-Wegele, Musikalische Einstudierung: Rita Herzog, Dramaturgie Alexandra Engelmann.
Mit: Bettina Riebesel, Joachim Berger, Rita Feldmeier, René Schwittay, Nadine Nollau, Henning Strübbe, David Hörning, Ulrike Beerbaum.
Dauer: 2 Stunden 50 Minuten, eine Pause

www.hansottotheater.de

 

Kritikenrunschau

Von einem großartigen "Abend, der aufs Heute zielt", spricht Peter Claus in der Sendung "Fazit" vom Deutschlandfunk Kultur ( 22.9.2018). Der Abend sei eine Montage aus Stimmungen, Musik, Atmophären und Spielszenen, die auf Überhöhung ziele. Insbesondere hebt Claus das "raffinierte" Bühne von Juan León hervor. In den Spielszenen habe Bettina Jahnke "ganz fein gearbeitet". Denn es seien vor allem die Figuren, die das Stück tragen. Deren Innerstes werde nach außen gekehrt, so Claus, der hier gibt "Gänsehautmomemte" zu Protokoll gibt. Im Saal hätte man streckenweise die berühmte Stecknadel fallen hören können.

Von einer nur schwer in die Gänge kommenden, viel zu behäbigen Inszenierung spricht Fabian Wallmeier beim rbb24 Kultur (23.9.2018). "So weit, so unerfreulich", doch bleibe es nicht bei der Tristesse. "Mit der ersten Familienszene und noch einmal verstärkt nach der Pause kippt die Inszenierung unpassend ins derb Komödiantische. Boulevardesk werden olle Kamellen wie das Verhältnis von Schwiegertochter und Schwiegertochter ausgebreitet. Die meisten Figuren sind von da an vor allem überzeichnete Gag-Lieferanten."

Von einem "biederen Zugriff" spricht Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (24.9.2018). Bettina Jahnkes simplifizierende Figurenporträts meiden aus Sicht dieser Kritikerin "zeitliche oder perspektivische Ebenenverwischungen", die das Zusehen iriitieren und die Arbeit am kollektiv-individuellen Gedächtnis in Fahrt bringen könnten. Sie monierte auch ein Zuviel an statischen Rampensprechen.

"Endlich wagt das Stadttheater der ehemaligen Bezirkshauptstadt der DDR eine frontale, differenzierte und großformatige Auseinandersetzung mit der Epoche des Sozialismus", schreibt Karim Saab in der Märkischen Allgemeinen Zeitung (24.9.2018). "In der Potsdamer Dramatisierung kommt dem Alexander, dem Aussteiger, eine Schlüsselrolle zu, die sich aber nicht auszahlt." Auch die langen Monologe in der Mexiko-Ebene 2001 trügen zum Fokus des Abends wenig bei. "Regisseurin Bettina Jahnke verzichtet weitgehend auf sinnliche Ausschmückungen." Es herrsche zumeist Kargheit vor und die tue dem komplexen epischen Stoff vielleicht sogar gut.

Als Regisseurin kann Bettina Jahnke aus Sicht von Barbara Behrendt im Kulturradio des RBB (23.9.2018) mit ihrer Inszenierunge noch keine ästhetischen Maßstäbe für Potsdam setzen. "Doch als Intendantin macht sie bislang einen guten Eindruck: Sie setzt sich dezidiert für Frauenförderung ein, stellt Klassiker neben neue Stücke, sie will mit den Potsdamern an der Bürgerbühne Theater spielen, das Theater am See zum Theater in der Stadt machen. Also eine Publikumsnähe herstellen, die man ihrem Vorgänger immer abgesprochen hat. Erst die nächsten Jahre werden zeigen können, wie sich das Theater unter ihrer Leitung entwickelt."

Das Panorama, das dieser Auftakt aufmacht, ist vielversprechend," schreibt Lena Schneider in den Potsdamer Neuesten Nachrichten (24.9.2018) "Wie konnte man es in der DDR bleiben, ohne kritiklos zu sein? Wie es danach bleiben, ohne die Lektionen der DDR zu verleugnen? Darum könnte es gehen, und angeteasert werden diese Fragen auch. Worum es aber Bettina Jahnkes 'In Zeiten des abnehmenden Lichts' vor allem geht: ein Familienporträt zu zeichnen. Statt politischer Positionen werden einzelne Figuren ausgeleuchtet – oder besser: gestreift. Denn, und das ist ein Problem dieses Abends, die Menschen, die bei Ruge um richtig oder falsch ringen, alle für sich betrachtet auch recht haben, werden hier bestenfalls in Umrissen erkennbar. Schlimmstenfalls als Karikaturen."

"Der neuen Intendantin Bettina Jahnke ist eine beeindruckende Inszenierung gelungen", schreibt Hartmut Krug in der Märkischen Oder Zeitung (24.9.2018).

Die Figuren begegneten sich oft statisch, schreibt Mounia Meiborg in der Süddeutschen Zeitung (27.9.2018). "Die Monologdichte ist hoch, und nicht alle Schauspieler sind dem gewachsen. Ihr Spiel bleibt oft äußerlich, einen Tick zu groß und zu laut." Die Gruppenszenen seien gekonnt arrangiert, "die Pointen sitzen. Aber da, wo es ernst wird, wo Ideale auf Wirklichkeit prallen und Politik auf Familie, bleibt das Spiel und damit die Inszenierung oft allzu oberflächlich."

 

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