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Europa eingemottet

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 26. September 2018. Weiße Gesichter und weit aufgerissene, schwarz untermalte Augen. Diese Zombies tragen glänzende Anzüge, zucken vorwärts, ducken sich nieder und versacken in verkrampften Posen. Ein Barmann dirigiert die Lichtverhältnisse von neonröhrig zu schummrig-lila. Dumpfe Orgeltöne, sehr wie Watte, machen ein konstantes, hypnotisierendes Rauschen aus. Vor einer grün marmorierten Barkulisse, und der Barmann spricht: Dass die Motten auf die Dunkelheit warten um alsdann ins Licht zu fliegen und zu sterben, dass es keinen Gott geben kann, dass es also keine Schöpfung gibt. Willkommen im Brüssel-Kabinett!

Gebaut auf Leichen

Das Schauspielhaus Wien eröffnet die Spielzeit mit "Die Hauptstadt" von Robert Menasse in einer Bühnenfassung von Regisseurin Lucia Bihler und Dramaturg Tobias Schuster, Bühne und Kostüme von Josa Marx. Der 450 Seiten Roman, das Deutscher Buchpreis 2017 Buch, vergangene Spielzeit am Theater Neumarkt Zürich in der Regie von Tom Kühnel uraufgeführt, jetzt also in der Zuhause-Stadt von Menasse. Da gibt es eine Beziehung: 2015 startete Tomas Schweigen seine Intendanz am Schauspielhaus mit "Punk & Politik". Da trat Menasse in einem Video auf, da wurde ausgehend von dessen "Der Europäische Landbote" schon einmal über die Europäische Union als nachnationale Demokratie nachgedacht.

Das Wimmelbild "Die Hauptstadt" überspitzt diese Überlegungen: Nation führt zu Nationalismus führt zu Rassismus führt zu Auschwitz. Und umgekehrt: "Europa" sagen, heißt "Nie wieder Auschwitz!" sagen, heißt, die Europäische Union nimmt ihren Ausgang in Auschwitz. Martin Susman (Simon Bauer), Beamter der Generaldirektion Kultur, zufällig zuständig für die Ausarbeitung des "Big Jubilee Project", imaginiert für den 50. Geburtstag der Europäischen Kommission einen Auftritt von Auschwitz-Überlebenden, unterbricht sich selbst, "die Toten müssten auftreten", ob es nicht vielleicht Schauspielende gäbe, etwas mit Symbolkraft, schließlich ist die EU in der Krise.

Die EU als Geisterbahn

Die Inszenierung nimmt Susman beim Wort. Alles erzählt vom Tod. Und von der untoten Brüsseler-BeamtInnenschaft. Videos mit Vanitas-Stilleben. Schimmlige Zitronen und eine in Milch ertrunkene Motte. Jesse Inman als Elvis. Das Ensemble bewegt sich entweder in Zeitlupe oder in Zeitraffer durch die entschiedene Strichfassung. Auf einige Figuren und etliche Handlungsverläufe wurde verzichtet. Gastschauspieler Bardo Böhlefeld fungiert in der Rolle des Barmanns als Geisterbahn-Direktor. Er stellt die Figuren vor, übernimmt Erzählpassagen, knarzt durch sein Mikroport, ist Mensch, Maschine, in seinen Bewegungen so präzise wie so sehr kaputt. Erst wenn sich gegen Ende die einzelnen Erzählstränge kreuzen, tritt er als Erzähler in den Vordergrund und drängt das Geschehen dem Finale entgegen.

Die Hauptstadt3 560 Matthias Heschl uBrüsseler Untote © Matthias Heschl

Sophia Löffler stakst in der Rolle der Fenia Xenopoulou, Kultur-Direktionsleiterin mit Wunsch nach Aufstieg ins prestigeträchtigere Handelsressort, und steckt die Arme in die Hüften. Der Wille zur "Visibilité" steht ihr in die vor lauter Pragmatismus stets arbeitenden Gesichtszüge. Das zuckerlrosa Kostüm inklusive Haarschleife macht aus der einzigen Frauenfigur eine Mädchenfigur. Steffen Link ist Romolo Strozzi, Kabinettchef mit Lizenz zum Abwürgen des aus dem Ruder laufenden Big Jubilee Project: Er intrigiert kühl, auf hohen Schuhen, hinter einer Glasscheibe stehend. Als Kai-Uwe Frigge, Gspusi und Gönner von Xenopoulou, rutscht die übergroße Anzugshose und Link schleicht mit hochgezogenen Schultern. Professor Alois Erhart, österreichischer Wirtschaftstheoretiker und schon auch ein bissi Menasse-Alter-Ego, wird von Sebastian Schindegger als liebenswürdiger Schussel vorgestellt. Er versucht und scheitert, den anderen in der Bar von seiner Arbeit im Think Tank zu erzählen. Schließlich wendet er sich ans Publikum und propagiert das Ende der Nationalstaaten.

Als Romanadaption ist "Die Hauptstadt" bemerkenswert. Muss man nur Menasse mögen. Bihler inszeniert den vielgeschichtigen Text sehr körperlich, findet szenische Spielsituationen auch für monologische Erzählpassagen: Während Inman als Bohumil Smekal, ebenfalls Beamter der Generaldirektion Kultur, über die Heirat seiner Schwester mit einem tschechischen Nationalisten sinniert, zieht sich Simon Bauer bis auf die Unterwäsche aus. Dieser Susman, den er so schwitzend, so manisch, zuhören lässt, der hat für seine Dienstreise ins winterliche Auschwitz warme "deutsche Unterwäsche" gekauft. Sein Ärger über seine Unfähigkeit sich adäquat zu kleiden wird gleichzeitig als innerer Monolog eingespielt. Susmans Handy-Klingelton ist übrigens die Europahymne, klingt aber wie schwirrende Motte. Es ist alles aus einem Guss.

Die Hauptstadt
nach dem Roman von Robert Menasse
Regie: Lucia Bihler, Bühne & Kostüme: Josa Marx, Musik: Jacob Suske, Video: Florian Schaumberger, Dramaturgie: Tobias Schuster, Künstlerische Beratung: Sonja Laaser.
Mit: Simon Bauer, Bardo Böhlefeld, Jesse Inman, Steffen Link, Sophia Löffler, Sebastian Schindegger.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.schauspielhaus.at

 

Kritikenrundschau

Zumindest in den Anfangssequenzen hätten Regisseurin Lucia Bihler und Dramaturg Tobias Schuster eine überzeugende Erzählweise gefunden. Aber leider verzettele sich die Dramatisierung auf den diversen Schauplätzen, ohne dabei seine Metaebene in den Griff zu kriegen, so Stephan Hilpold im Standard (28.9.2018). "Das Ganze kulminiert in einem Plädoyer zur Überwindung von Nationalstaaten. Im Schauspielhaus wird das mit stierem Blick ins Publikum vorgetragen, im Roman ist diese Botschaft vielfach gebrochen. Das überzeugt wesentlich mehr."