Ironischer Realismus

von Nina Peters

Berlin, 8. Mai 2007. Heiligt der politische Zweck immer auch die Mittel, mit denen sie umgesetzt werden?  In seinem Stück "Die schmutzigen Hände" von 1948 hat Jean Paul Sartre Figuren entworfen, an denen er dieses Dilemma allen politischen Handelns in Extremform durchgespielt hat.

Hoederer, ein hoher Parteifunktionär, steht bei den Genossen unter Verdacht, mit feindlichen Parteien zu paktieren. Hugo, ein idealistischer junger Mann, soll ihn nun ermorden. Und: Hugo will es auch tun. Denn damit hofft er, sich von seiner bürgerlichen Herkunft lösen und gleichzeitig bei den Genossen punkten zu können. Doch im Gegensatz zu Hoederer ist Hugo naiv. Eines Tages dann – er kommt aus dem Gefängnis, in dem er für den Mord an Hoederer eingesessen hat – wacht er auf aus seinem idealistischen Traum und sieht: alles war nur eine Farce. Dann setzt er seinem Leben ein Ende.

Ich will morden! 

Was ist von diesem Mann zu halten? Von Hugo, gespielt von Hans Löw, der einen biografischen Knick braucht, einen harten Bruch mit der Sozialisation seiner bürgerlichen Kindheit und Jugend. Hans Löw spielt Hugo als einen Spätpubertären, als Zappelphilipp. Als einen Träumer, der Löw auch in einer weiteren Produktion des diesjährigen Berliner Theatertreffens ist: Werther, der sich in eine Liebesgeschichte versteigt und sich am Ende umbringt. Wie Werther hängt auch Hugo einer hohen Idee an. Die Partei soll seinem Leben einen Sinn geben. Zu Beginn sitzt er als Journalist an einer mächtigen, stählernen Schreibmaschine und bedrängt seinen Vorgesetzten, den Dogmatiker Louis (Helmut Mooshammer), ihn für höhere Zwecke einzusetzen.

Löw sitzt da, in weißem Hemd und schwarzem Anzug, und rudert mit seinen langen Armen in grotesken Zügen um die Maschine herum. Mit hoher Stimme fordert er trotzig eine Lebensaufgabe ein: er will morden! Als sich am Ende des Stückes der Sinn seines politischen Handelns auflöst, will er dann nicht mehr leben. Nihilistische Züge tragen sie beide, Werther und Hugo. In dieser Sartre-Inszenierung spiegelt sich in der Figur des Hugo, den Hans Löw beeindruckend nuancenreich, und ebenso einsam wie komisch spielt, das ganze Drama.

Andreas Kriegenburg inszeniert mit "Die schmutzigen Hände" das Spiel im Spiel. Schon Sartre hat es dem Text eingeschrieben. Und Kriegenburg, der ironische Regisseur, der klassischen Dramaturgien misstraut, der seine Schauspieler aus Situationen ein- und aussteigen lässt und dabei stets den Grenzen von Spiel und Wirklichkeit folgt, unterstreicht es doppelt: Die Figuren spielen an der Rampe, gehen das Publikum mit Popsongs an.

Die Rahmenhandlung wird mehr gesprochen als gespielt, Regieanweisungen werden via Mikrofon zum geflüsterten Hörspiel. Am Ende der Rahmenhandlung deutet Kriegenburg die Möglichkeit an, dass die folgende Geschichte auch ein Gedankengespinst von Hugo sein könnte: Die Geschichte von Jessica und Hugo, einem Paar, das sich nicht liebt und die Leere mit Spielen zu füllen versucht. Sie nehmen einander nicht ernst, das ist der traurige Boden ihrer Beziehung. Jedes Spiel ist ein Scheingefecht. Wie in einem Raubtierkäfig bewegen sie sich in dem Gartenhaus von Hoederer – das bei Kriegenburg und seiner Bühnenbildnerin Ricarda Beilharz, explizit benannt, "ein Haus mit Garten ist", ein altes Stahlbett, antiquierte Koffer, umstellt von irrwitzig vielen Gummibäumen – und spielen ihr spezielles Beziehungsspiel hinter durchsichtiger Scheibe.

Aufreizend zwischen wuchernden Gummibäumen 

Jessica (überzeugend launenhaft bei Judith Hofmann) stakst in Negligé aufreizend im Gummibaumgarten umher und wechselt Tonfall und Launen sekundenschnell. Und es gibt noch ein Paar, das aus dem Nihilismus Luftnummern schlägt: Georges (Jörg Koslowsky) und Slick (Daniel Hoevels), die Bodyguards von Hoederer, ein Beckettsches Duo, naiv und strohblond. Mit Anzug und Strohhut reißen sie an der Rampe Kalauer. Und rutschen auf Bananenschalen aus. Erzählt wird kein vordergründiger Konflikt politischer Parteien. Sehr eindringlich inszeniert Kriegenburg die Leere hinter dem politischen Getue. Der Raum, den Ricarda Beilharz entworfen hat, steigt gegen Ende schräg nach hinten an. Hier hat keiner festen Halt. Umfasst ist er mit sozialistisch anmutender Holzvertäfelung mit Schießscharten.

In die Bühnenmitte ragt ein Kronleuchter, ein wuchtiges Ding. Doch dieses Licht bringt keine Klarheit, vielmehr ergießt sich der Leuchter wie ein diffuser Wasserfall in den riesigen Raum. Unter den Händen von Andreas Kriegenburg und in der Übersetzung von Eva Groepler erhält Sartres existenzialistisches Thesenstück über Fragen nach Entscheidungsfreiheit, politischem Engagement und Verantwortung einen deutlich nihilistischen Ton. Dass das alles von einem hervorragenden Ensemble sehr komisch und unterhaltsam mit viel Slapstick und Ironie gespielt wird, ist kein Widerspruch.

 

Die schmutzigen Hände
von Jean-Paul Sartre
Regie: Andreas Kriegenburg, Bühne und Kostüme: Ricarda Beilharz.
Mit: Hans Löw, Judith Hofmann, Helmut Mooshammer, Daniel Hoevels, Jörg Koslowsky, Paula Dombrowski, Jörg Pose.

www.thalia-theater.de

 

Kritikenrundschau

Angesichts des Jubels des Premierenpublikums fragt sich Michael Laages in Kultur Heute auf dem Deutschlandfunk (23.4.2006), "welches latente Gefühl, welchen potenziell präsenten Ton" diese Inszenierung des " ja wirklich uralten und überholten Textes" getroffen habe, die ungeachtet der Virtuosität des Ensembles, auf "jede demonstrative Deutlichkeit durch aktuelle Akzente" verzichte? "Im Zentrum des Textes" lasse Kriegenburg ein "Feuerwerk der Ironien abfackeln", die großen Redeschlachten um Sinn und Ziel und Wert und Zweck von Dogma oder Macht (und um die Erkenntnis, das beides zusammen nicht geht)" seien bei Kriegenburg "vor allem wirbelnd-flatterndes Papier", ein "Spiel mit klugen, vielleicht sogar wahren Worten - aber immer nur ein Spiel". Und erst in diesem Spiel lasse sich wieder "etwas von der existenziellen Ambition erahnen", die hinter allen Ismen lauere: "in der Frage, zu was eine Idee befähigt, wohin sie führt, zu was sie Mut macht, welche Grenzen mit und dank ihr überschritten werden können".

"Souverän setzt Kriegenburg das bald 60 Jahre alte Drama mit Anachronismen, Humor und Selbstironie so in Szene, daß es überraschend frisch erscheint", schreibt Lutz Wendler im Hamburger Abendblatt. "... hinreißend komisch, ohne das Stück an vordergründige Gags zu verraten." Kriegenburgs Interpretation funktioniere, "weil er das Stück auch im Spaß ernst nimmt und Menschen, keine Vertreter von Thesen, auf die Bühne bringt". Das wiederum gelinge, weil alle sieben Akteure "sensationell gut" spielten. "Die Partei hat nicht immer recht. Hier haben die Menschen die Ideen besiegt."

"Andreas Kriegenburg", schreibt Eberhard Rathgeb in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (24.4.2006) schüttelt "den Alten", gemeint ist Sartre, und heraus falle: "die Jugend zwischen Spiel und Ernst. Heraus fällt (aus dem Stück, weil es da drin war): das Theater als einzig wahre Existenzform." Wenn das Theater die einzig wahre Existenzform sei, so Rathgeb, dann dürfe "laut gelacht werden". "Das Lachen, die Komik der einzig wahren Existenzform, bringt Kriegenburg auch auf die Bühne." Mit ihm werde "der Alte munter: Das ist grandios".

"Reinheit der Lehre", schreibt Simone Kaempf in der taz (25.4.2006), "kämpft hier wortreich, aber handlungsarm gegen die machiavellistische Machtausübung", jedoch rette sich Kriegenburg inszenatorisch aus der Zweck-Mittel-Diskussion, durch "Verulkungen, Albernheiten und erotischen Annäherungen". Im "holzgetäfelten Bühnenraum mit sozialistischem Flair" spiele eine "slapstickhafte Agentenkomödie aus den Zeiten des Kalten Krieg". wenn Haltung gefragt sei, rette sich Hugo in die Refrains von Popsongs: "We are the world", "I will survive"." Ob sich damit allerdings "das Verhältnis zwischen persönlichen Belangen und dem gesellschaftlichen Kollektiv zukunftsfähig diskutieren" lasse, sei jedoch "fraglich".

 

 
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