Europa verknäult und verrutscht

von Gerhard Preußer

Essen, 5. Oktober 2018. Nicht Essen, nicht Brüssel, nicht Berlin – Auschwitz ist die Hauptstadt, um die es in Robert Menasses Roman "Die Hauptstadt" geht. In Essen wagt man nun zum ersten Mal in Deutschland diesen Roman auf die Bühne zu bringen, nachdem das bisher nur am Zürcher Neumarkt und im Schauspielhaus Wien versucht wurde. Warum Auschwitz die Hauptstadt der Europäischen Union sein sollte, ist ein abwegiger, aber eigentlich einfacher Gedanke. Weil es Auschwitz gab, sollte es nie wieder Krieg in Europa geben. Auschwitz ist das Symbol für Nationalismus, die EU die supranationale Antwort darauf. So sieht es Robert Menasse, und das ist keine Satire. So hat er es auch in seiner Rede vor dem Europäischen Parlament am 21. März dieses Jahres in Strasbourg dargelegt.

In seinem vergnüglich zu lesenden Roman sind es aber nur zwei verrückte Außenseiter, die Auschwitz ins Zentrum der EU stellen wollen: der melancholische, untergeordnete EU-Beamte Martin Susman und der emeritierte österreichische Professor Erhard. Der eine verlässt zum entscheidenden Zeitpunkt Brüssel, um seinen verunglückten Bruder zu pflegen, der andere hält sein provokatives Referat vor einem EU-Think-Tank im Bewusstsein, dass er sich damit selbst disqualifiziert.

Suche nach Übersicht

Das Verhältnis von Satire und politischer Botschaft ist das Grundproblem des Romans. Aber auf der Bühne gibt es noch weitere Probleme: Wie schafft man in kurzer Zeit Übersicht über derart viele in Kurzszenen ineinander verknäulte Handlungsstränge und Motivsträhnen: ein Hotelmord, ein entlaufenes Schwein in Brüssel, Intrigen in der EU-Verwaltung um eine Jubiläumsfeier, die Krankengeschichte eines Kriminalkommissars, eine Liebesgeschichte zwischen EU-Beamten, die Erlebnisse eines überlebenden KZ-Häftlings im Altenheim, der Unfall eines österreichischen Schweinzüchters an der ungarischen Grenze usw.?

die hauptstadt 4 560 martin kaufhold uMit Satire und politischer Botschaft: Daniel Christensen, Sven Seeburg © Martin Kaufhold

Regisseur und Bearbeiter Hermann Schmidt-Rahmer versucht es in einem einheitlichen Bühnenbild (Bühne: Thilo Reuther) mit zwei Schauspielerinnen (Ines Krug, Floriane Kleinpaß) und vier Schauspielern (Thomas Büchel, Daniel Christensen, Jan Pröhl, Sven Seeburg), die alle Rollen übernehmen. Spielfläche ist eine steile weiße Rampe, alles kommt auf ihr ins Rutschen. Anfangs klettert oben die EU-Referentin für Kultur über den Rand, wird von der EU-Kommunikationschefin am Fuß festgehalten, und zieht alle anderen hinter sich her: eine Kette von Büromenschen, die sich aneinanderklammert, aber dennoch abrutscht wie eine kraftlose Raupe.

Viele Fragen und ein Schweigen

So versucht die Inszenierung immer sinnige Bilder zu finden für die Textmassen, die sie abzuliefern hat. Nur auf die Frage "Wie schaffen wir Europa eine gemeinsame Identität?" leistet die Inszenierung sich langes Schweigen. Sie kann auch lustig sein, wenn z.B. die EU-Kulturchefin mit dem Büroleiter des EU-Präsidenten über das Jubiläumsprojekt verhandelt und die Szene slapstickartig als pantomimischer Fechtkampf mehrfach durchgespielt wird, bis die Dame endlich begreift, dass sie nicht erfolgreich war, sondern ihr Gegner sie mit seinem Schlusssatz, dass er die Mitgliedsstaaten hinzuziehen wird, erledigt hat. Der auch im Roman schon ziemlich überflüssige Mord-Plot, in dem ein polnischer, katholischer (!) Geheimdienstkiller den falschen Mann erschießt, wird dabei völlig unverständlich. Da helfen auch keine projizierten Kapitelüberschriften oder eingespielte Videos von Chemnitzer Hetzjagden.

Etwa in der Mitte des Abends teilt die Regie ihre Verzweiflung über den Roman (und die Selbstironie des Autors) mit dem Publikum. Der Darsteller des EU-Beamten Susman, der nun Brüssel verlassen muss, hält Menasses Buch in die Höhe und beschimpft den Autor, dass er seine Figur aus "vollkommen hirnverbrannten und dramaturgisch unerfindlichen Gründen" aus dem Roman verschwinden lasse.

die hauptstadt 1 560 martin kaufhold uDaniel Christensen und das Symbol des Schweinesystems © Martin Kaufhold

Gegen Ende teilt sich die weiße Rampe und ein riesiger Schweinekopf wird sichtbar. Das Schwein als Zentralmetapher für alles, für den Menschen, die EU, den Tod. Denn am Ende des Romans und auch der Bühnenfassung steht der Tod. Auf die Bühnenflächen werden live gefilmte Bilder der Darsteller im Gestänge hinter der Bühne projiziert. Die U-Bahn-Station Maelbeek in Brüssel ist nun der Schauplatz, der Ort des Terroranschlags vom 22. März 2016. Der KZ-Überlebende de Vriend stirbt dort bei dem Anschlag. Dass auch alle anderen Brüsseler Romanfiguren dort sterben, muss man sich auch im Roman erst zusammenreimen, in der Bühnenversion bleibt es völlig unklar.

Demnächst, am 10. November um 16.00 Uhr, wird Robert Menasse mit Ulrike Guérot die Europäische Republik ausrufen. Das European Balcony Project ist eine Aktion, die von vielen Theatern, vielen europäischen Institutionen unterstützt wird (auch von Milo Rau, auch vom Essener Schauspiel). Dann wird man hoffentlich verstehen, worum es geht: Um das Ende des Nationalismus, um die Zukunft Europas.

 

Die Hauptstadt
nach Robert Menasse
Bühnenfassung von Hermann Schmidt-Rahmer
Inszenierung: Hermann Schmidt-Rahmer, Bühne: Thilo Reuther, Kostüme: Michael Sieberock-Serafimowitsch, Videografie: Adrian Ganea; Dramaturgie: Carola Hannusch.
Mit: Thomas Büchel, Daniel Christensen, Floriane Kleinpaß, Ines Krug, Jan Pröhl, Sven Seeburg.
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause

www.theater-essen.de

 

Kritikenrundschau

Es gelängen ein paar treffend überzeichnete Typen, doch begegnete dem Zuschauer auch manches Klischee, so Dorothee Krings von der Rheinischen Post (7.10.2018). Schmidt-Rahmers Inszenierung schwanke zwischen Bürokratenfarce, Typenstudie, Polittheater und verliere sich zwischen all den Figuren, Handlungssträngen, Ambitionen. "Am Ende sind viele Figuren abgerutscht auf ihren Wegen durch Brüssel und haben doch irgendwie Schwein gehabt."

Schmidt-Rahmer versuche das Satirische an dem Roman herauszuarbeiten, was ihm aber höchstens am Anfang gelinge, so Martin Burkert auf WDR 3 (6.10.2018). Die Collagen der Szenen und Figuren fänden nicht gut zusammen. Die Regie schaffe es nicht, die Doppelbödigkeit des Romans auf die Bühne zu bringen.

"Dass es Schmidt-Rahmer gelungen ist, die Zuschauer einigermaßen durch das Handlungsgetümmel von Menasse zu führen, ist allein schon eine Meisterleistung", bemerkt Nicole Strecker auf WDR 5 (8.10.2018). Schmidt-Rahmer sorge für schmerzhafte Wunden im Witz. "Ein galliger, turbulenter Theaterabend, der nicht viel Europa-Optimismus lässt."

Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer, sei in die "klassische Falle" der Romanadaption getappt, schreibt Cornelia Fiedler in der Süddeutschen Zeitung (8.9.2018): "Er will zu viel erzählen." Unübersichtlich mache das die Inszenierung, welche den Roman in seiner Komplexität nicht zu fassen bekomme, und letztlich reproduziere es gängige EU-Klischees. Spätestens wenn vor dem Schlussbild mit Schweinekopf Ines Krug als der Auschwitz-Überlebende David de Vriend über die Bühne irre und schließlich beim Anschlag in der U-Bahn- Station Maalbeek sterbe, habe "die Inszenierung ihre Metapher nicht mehr im Griff", so Fiedler.

 

 

 
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