Kunstkosmos aus Fake-Mythen

8. Oktober 2018. Im Tagesspiegel erinnert der Dramaturg Felix Schnieder-Henninger sich kritisch an seine Zeit als Mitarbeiter des Choreografen Jan Fabre, dem 20 Tänzer*innen im September in einem Offenen Brief sexistischen Machtmissbrauch vorgeworfen haben.

"Fabres Leidenschaft und Direktheit, sein Perfektionismus, seine Kreativität, sein Sinn für Ästhetik und kühle Poesie sollten sich dauerhaft prägend auf mich auswirken. Dass er auf Proben herumbrüllte und gelegentlich Mitarbeiter beleidigend angriff, gehörte für mich seither leider immer zur Natur des Theaters", schreibt Schnieder-Henninger. "Was für mich früher nur Machtspiele waren, mit denen ich gelassen umgehen wollte, ist heute, im Zeitalter von Sozialmedien, Transparenz, Selbstermächtigung und Enthierarchisierung, zu Machtmissbrauch und zu einem großen und schmerzhaften Thema geworden." Der Kunstprozess werde zunehmend und "zu Recht" demokratisiert.

Für ihn nicht nachvollziehbar sei, "dass Jan Fabre die Missbrauchsvorwürfe wütend und vehement abstreitet. Das könnte ein Hinweis sein, dass sie ein Volltreffer sind", so Schnieder-Henninger. Fabre lebe "leider bis heute und dauerhaft in seinem Kunstkosmos aus herrlichen Fake-Mythen und strengen Feudalstrukturen." Das Ensemble sei für ihn "eine Art Kunstfamilie, in der es einen harten Psychovater und ängstlich-folgsame Kinder geben darf. Er scheint die Veränderungen und Verbesserungen der Theaterwelt nicht zu beobachten."

(sd)

 

 

 

Kommentar schreiben