In der Hexenküche

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 11. Oktober 2018. Es ist Spielzeiteröffnung im brut Wien: Unter dem Titel "Ghost Times. A Queer Journey Through Theatre" haben Gin Müller (Dramaturg, Performer und Queer-Aktivist) und Radostina Patulova (Dramaturgin) über 30 Künstler*innen und Aktivist*innen aus mehr als 15 Ländern eingeladen, die Theatergeschichte "aus einer aktuellen queeren, dekolonialen Perspektive divers zu interpretieren". DIE Theatergeschichte? Eher: eine durch Machtverhältnisse bedingte Theatergeschichte, die diese Machtverhältnisse zeigt und zementiert. DIEse Theatergeschichte wird im Rahmen des zweistündigen Abends in vier Episoden und viele Geschichten zerlegt. Dabei greift jede Episode auf Motive der vorangegangenen zurück. Edwarda Gurrola und Dariush Onghaie moderieren die Übergänge und initiieren die Zeitreisen mit rhetorischen Fragen und charmant-naiver Pädagogik. Dass sie dabei in grauen Duct-Tape-Panzern stecken, suggeriert Rüstung, Futurismus, Cyborg-Sehnsucht.

Gött*innen, Schaman*innen, Hexen, Monster

"-481" zeigt die Projektion an der Rückwand der vormaligen Probebühne in der Zieglergasse 25. Im Herbst 2019 soll die Generalsanierung des Künstlerhauses am Karlsplatz abgeschlossen sein und das brut dort wieder einziehen können. Jetzt aber: "-481". Und Bühnenbild mit Terrarium, Live-Video und trashigen Animationen von tanzender Venus von Willendorf von Jan Machacek. Gorji Marzban erzählt von mesopotamischen und hinduistischen Gottheiten. Eine Zarathustra-Darstellung an der Rückwand, Marzban ahmt die Handhaltung des iranischen Religionsgründers nach. Mit Zarathustra sei die Binarität in die Welt gekommen. Entweder – oder, gut – böse, Mann – Frau, Herr – Knecht, Abendland – Morgenland. Von dort weg praktiziert "Ghost Times" eine Absatzbewegung, die Explosivität intersektioneller Identitäten soll frei gesetzt werden.

Ghost Times1 560 Lisbeth Kovacic uFaust ist tot, Voguing lebt: Khusen Khaydarov, Nurkhon Saidasanov, Yaser Al Nazar, Rawan Saleh
© Lisbeth Kovacic

Die Moderator*innen Gurrola und Onghaie wühlen in Erde. Sie sagen: "Kompost". Und spielen mit Spielzeug die "Orestie" im Terrarium nach. Mit klarer Sympathiebekundung für die Erinnyen. Gegen Orest, die Zeus-Kopfgeburt Athene und das ganze patriarchale Rechtssystem. Farben fluoreszieren im Schwarzlicht. Der Kompost wird beschworen, Gött*innen, Schaman*innen, Hexen, Monster und Cyborgs gerufen: "Es, sie, er – diese Frage hat keine Relevanz mehr".

Trotzdem setzt Episode zwei, "1791", wieder mit Zarathustra ein. Oder Sarastro, wie die Figur in der 1791 in Wien uraufgeführten Mozart Oper "Die Zauberflöte" heißt. Studierende der Klasse für Kontextuelle Malerei an der Akademie der bildenden Künste (interimistisch geleitet von Gin Müller) unterziehen den Stoff einer queeren Re-Lektüre. Puppen und Prothesen werden ins Terrarium hinein versenkt. Karolina Preuschl lässt den Tamino alles "so nice" finden und arrangiert Mozart mit Feedback. Die Königin der Nacht avanciert zur trans-feministischen Göttin und singt in der Rachearie: "Die queere Macht kocht in meinem Herzen..."

Plötzlich wird der Abend utopisch

Eine Rede von Mariama Dallo über Monostatos, Blackfacing, rassistische Klischees im Theater und Angelo Soliman leitet zu Episode drei über, "1638". Dass die Episoden unabhängig voneinander und unter unterschiedlichen Voraussetzungen entstanden sind (und auch als bewegliche Module für eigenständige Weiterentwicklungen funktionieren), wird hier offenkundig. "1638 – Decolonizing white Theatrum Mundi" ist der längste der vier Teile, weist aufgrund der eigenständigen Dramaturgie und des sich weit von DIE Theatergeschichte entfernenden Inhalts über den bloßen Nummern-Charakter hinaus. Marissa Lôbo, Jota Mombaça und Daniela Sea lassen den "Kosmos in Flammen" aufgehen.

Ghost Times2 560 Lisbeth Kovacic uDekolonialisierte Theatergeschichte: Daniela Sea © Lisbeth Kovacic

Ein Lehrstück (auf Englisch) über den White Saviour Complex geht über ins Portugiesische. Mit "You don't understand? I don't care!" werden Selbstermächtigung und Rache als dekoloniale Strategien ausgewiesen. "I am sick of swallowing and everything created will now be destroyed", heißt es in der ersten von drei Videoarbeiten; "My head in your museum", in der zweiten. Die Ansprache einer zukünftigen Präsidentin Brasiliens stellt in einem dritten Video die Möglichkeit von Heilung in Aussicht: "how to unmake the imperative of being". Sklaverei, Rassismus und Exotismus – plötzlich aber wird der Abend utopisch.

Für "1808" erklären sechs Performer*innen, die einander über "Queer Base – Welcome and Support for LGBTIQ-Refugees" kennen gelernt haben, Faust für tot und veranstalten in der Hexenküche einen "Witchcraft Vogue Dance". Heilung geht über in Party. Die subversive Aneignung von Stereotypen beim Voguing kombiniert Choreografin Karin Cheng mit dem hypnotisierenden Bild von uneindeutig vielen, majestätisch schwebenden Shiva-Armen. Wieder trashige Videos von Machacek. Die inhaltlich opulente, immer noch stringente Zeitreise ist vorbei. Da wurde nichts ausgelassen. Alles ausgesprochen. Auf dass überall, wo entweder/oder ist, vieles Verschiedenes sei!

 

Ghost Times. A Queer Journey Through Theatre
the que_ring drama Project
Gesamtkonzept/Dramaturgie: Gin Müller, Dramaturgie: Radostina Patulova, Bühne & Video: Jan Machacek.
Mitwirkende: Edwarda Gurrola, Dariush Onghaie, Sabine Marte, Gorji Marzban, Annemarie Arzberger, Mariama Dallo, Erisa Mirkazemi, Hyeji Nam, Danielle Pamp, Karolina Preuschl, Ingrid Dorfinger, Selina Stritzel, Veronika Szücs, Annie Ganzala, Marissa Lôbo, Jota Mombaça, Juliana dos Santos, Daniela Sea, Karin Cheng, Yaser Al Nazar, Khalid Farah, Khusen Khaydarov, Komil Radzhabov, Nurkhon Saidasanov, Rawan Saleh, Oliver Stotz, Leopold Kessler, Lisbeth Kovacic, Yasemin Altepe, Masha Godovannaya, Sonia Bone Guajajara, Roberto Caro.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.brut-wien.at

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