Sehnsucht nach großem Kino

von Sascha Westphal

Düsseldof, 19. November 2018. Lucy, Benno und Jonas haben es geschafft. Das Abitur ist bestanden, teils mit Bravour, teils auch nur mit Ach und Krach. Aber das spielt an diesem Abend zumindest für die drei anders als für deren Eltern keine Rolle. Sie wollen einfach das Ende ihrer Schulzeit und damit den Beginn einer neuen Freiheit feiern. Fast wäre man nun versucht, einfach zu sagen, alles Weitere kennen Sie aus dem Kino.

Übergroße Schatten

Und ganz falsch wäre das sicherlich nicht. Schließlich haben in den vergangenen 40 Jahren zahllose US-amerikanische Filme von den Ritualen und den Schrecken, den Peinlichkeiten und den Freuden der "Prom Night", dem amerikanischen Gegenstück des Abiballs, erzählt. Selbst Marco Petrys Teenager-Komödie "Schule", die deutsche Antwort auf all die High School-Filme aus der Traumfabrik, ist mittlerweile 18 Jahre alt, genau wie Lutz Hübners und Sarah Nemitz' jugendliche Protagonisten.

Das Erbe oder auch die Last des Kinos ist in Hübners und Nemitz' Stück ebenso wie in Robert Lehnigers Uraufführungsinszenierung allgegenwärtig. Das lässt sich schon gleich zu Beginn erahnen. Schlaglichtartig tauchen im Hintergrund der Bühne unterhalb der metallenen Brücke, auf der später einige der Szenen jenseits des Festsaals stattfinden werden, die Figuren des Stücks auf.

Abiball 1 560 ThomasRabsch uUnd zum Abschied noch ein Selfie: Serkan Kaya, Cathleen Baumann, Genet Zegay, Jan Maak
© Thomas Rabsch

Die Vorbereitungen für den großen Abend laufen bei Lucy, Benno und Jonas auf Hochtouren, und schon werden die Konflikte etabliert. Benno und seine ziemlich verpeilte Mutter Svetlana, die sich nie aus dem übergroßen Schatten ihrer eigenen Mutter lösen konnte, leben offensichtlich aneinander vorbei. Frank, seines Zeichen Personalchef, kommandiert alle ständig herum und treibt seinen Sohn Jonas so regelrecht zur Verzweiflung. Und Lucys Mutter Claudia ist allem Anschein nach nur mit ihren Beziehungen beschäftigt: zu ihrem Ex-Mann Michi und ihrem aktuellen Freund Deniz. Ihre hochintelligente Tochter hat sie mehr oder weniger sich selbst überlassen.

Vertraute Konstellationen

Angesichts dieser Verhältnisse, die Lehniger in kurzen, durch harte Blacks getrennten Momentaufnahmen etabliert, bieten die späteren Konflikte kaum noch Überraschungen. Hübner und Nemitz lassen kaum ein aus Teenager-Filmen bekanntes Versatzstück aus. Natürlich muss sich Rektorin Bantzer, die auch noch Musiklehrerin ist, bei einer Tanz- und Gesangseinlage (Irene Caras What a Feeling) heillos blamieren. Natürlich geraten Lucys biologischer und ihr sozialer Vater ständig aneinander, um sich dann bei einem Joint auf der Toilette gegen Jonas' selbstherrlichen Vater zu verbrüdern.

Natürlich benimmt sich Bennos Oma, die immer sagt, was sie denkt, ziemlich daneben. Und natürlich taucht noch eine ehemalige Mitschülerin der drei auf, die zwei Jahre zuvor von der Schule verwiesen wurde. Diese Liste mit vertrauten Konstellationen und den aus ihnen resultierenden Konsequenzen ließe sich noch weiter fortsetzen. Aber das Bild ist auch schon deutlich zu erkennen. Hübner und Nemitz arbeiten sich fleißig an dem erfolgreichen Filmgenre ab und streuen gelegentlich noch Anspielungen auf ihr Erfolgsstück Frau Müller muss weg ein.

Intime Raumsituation

So offensichtlich die Filmeinflüsse sind, einen Vorteil hat das Theater auf jeden Fall gegenüber dem Kino: die Nähe zwischen den Spielenden und dem Publikum. Eben diese Nähe verstärkt die Inszenierung noch einmal, in dem das Publikum auf der Bühne des Düsseldorfer Schauspielhauses platziert wird. Zum Teil sitzt es sogar an Tischen, die die Tanzfläche säumen. Aber Lehniger nutzt die Intimität der Raumsituation nur sporadisch, wenn einzelne Spielerinnen und Spieler tatsächlich mit den Zuschauerinnen und Zuschauern für kurze Momente interagieren oder wenn er ihnen den Raum lässt, ihre Figuren psychologisch zu unterfüttern. So kann Naima Laube in der Rolle der von der Schule verwiesenen Malina ein extrem präzises und intensives Porträt einer manisch-depressiven Teenagerin zeichnen.

Abiball 2 560 ThomasRabsch uEltern und Abiturien*innen am Rande des Nervenzusammenbruchs: Manuela Alphons, Niklas Mitteregger, Naima Laube, Genet Zegay, Minna Wündrich, Cathleen Baumann, Serkan Kaya, Jan Maak, Vincent Sauer. © Thomas Rabsch

Ansonsten nutzt Lehniger zur Herstellung von Nähe vor allem die Möglichkeiten der Videotechnik und mit ihnen die Mittel des Films. Immer wieder werden Szenen in Großaufnahme auf den eisernen Vorhang oberhalb der schon erwähnten Brücke projiziert. Das hat natürlich seinen eigenen Reiz. Die Videobilder verstärken noch einmal die Komik in Mina Wündrichs Spiel, wenn Svetlana mal wieder nicht weiß, wie sie auf ihren Sohn reagieren soll oder sich über die Rektorin aufregt. Aber der Einsatz filmischer Mittel verweist eben auch ständig darauf, dass die Short-Cuts-Dramaturgie des Stücks nicht wirklich aufgeht.

Der Morgen danach

Die Handlung springt zwar fortwährend zwischen den einzelnen Handlungssträngen hin und her. Aber die einzelnen Szenen sind nicht pointiert genug. Aus Short Cuts werden Long Takes, die eine Sehnsucht nach deutlich dynamischeren Parallelmontagen und schnelleren Schnitten wecken. Zum Schluss erzählt Lehniger in kurzen, komödiantisch pointieren Filmsequenzen vom Morgen nach dem Abiball. Dazu singt Jürgen Sarkiss den Beatles-Song The Long and Winding Road. Damit übernimmt dann endgültig das Kino. Und was sich vorher schon erahnen ließ, wird zur Gewissheit. Dieses Stück würde wahrscheinlich als Drehbuch weitaus besser funktionieren. Warten wir also auf die "Abiball"-Verfilmung.

 

Abiball
von Lutz Hübner und Sarah Nemitz
Uraufführung
Regie: Robert Lehniger, Bühne: Michael Graessner, Kostüm: Irene Ip, Musik: Lars Wittershagen, Choreographie: Emmanuel Obeya, Dramaturgie: Beret Evensen.
Mit: Genet Zegay, Cathleen Baumann, Serkan Kaya, Jan Maak, Niklas Mitteregger, Minna Wündrich, Manuela Alphons, Vincent Sauer, Sebastian Tessenow, Naima Laube, Andrei Viorel Tacu, Rudi Grieser, Ron Iyamu, Jürgen Sarkiss, Meike Fuhrmeister.
Dauer: 2 Stunde 30 Minuten, eine Pause

www.dhaus.d

 

Kritikenrundschau

"Abiball", mit dem Titel ist eigentlich schon alles gesagt, "drin ist, was drauf steht", heißt es in der Kritik in der WAZ (22.10.2018). "Hübner und Nemitz lassen kleine Dramen auf dem Boden eines Tanzsaals kreisen." Mit welcher Chuzpe die Autoren die Aneinanderreihung von Klischees zur Meisterschaft erhoben haben, "ist allerdings erstaunlich. Keine Plattitüde wird ausgespart." Regisseur Robert Lehniger verwende viel Mühe darauf, die vielen kleinen Episoden so auseinanderzuhalten, dass keine Figur im großen Gewimmel untergeht und jede für einen Moment leuchten darf. "Das läuft zweieinhalb Stunden so amüsant wie absehbar."

"Nemitz und Hübner spielen mit Klischees, sie überzeichnen und parodieren, aber sie denunzieren ihre Figuren nie. Im Kern sind ihre Stücke versöhnlich: Seht her, so sind wir und können nicht anders. Das ist Gesellschaftskritik light – ohne Überheblichkeit. Aber auch ohne den Zorn, der auf Veränderung dringt", schreibt Dorothee Krings in der Rheinischen Post (22.10.2018). In der Inszenierung müsse das reale Spiel ständig mit dem Video konkurrieren. "Und weil das Stück mit schnellen Schnitten arbeitet wie im Film, wirkt das anfangs alles hektisch." Im Gesamtbild sei dann "alles gut gespielt, aber wenig überraschend. Man kennt das Personal und ahnt, wie es sich entwickelt", so Krings. Am Ende übernimmt das Video "das Erzählen ganz und soll den Blick weiten für die Wirklichkeit da draußen. Früher, als Abiturienten noch Parkas trugen und steife Partys mit den Eltern sich verbaten, hätte man das noch pixelfrei hinbekommen."

"Hübners und Nemitz' Resümee ist bitter: Die Alten und die Jungen haben sich schlichtweg nichts zu sagen", fasst Martin Krumbholz das Stück in der Süddeutschen Zeitung (23.10.2018) zusammen. "Leider geht das Menetekel, wie so manches andere, im hochgezüchteten Instrumentarium der Aufführung, mit Live-Kamera und Video-Einspielungen, beinahe unter." Hübner und Nemitz schrieben Stücke, wie es im 19. Jahrhundert ein Feydeau oder Labiche getan haben – sozusagen am Fließband. "Die Dramaturgie schnurrt, die Dialoge laufen perfekt auf ihre Pointen hinaus. Das Problem der Düsseldorfer Inszenierung liegt darin, dass die Screwball-Ästhetik der Vorlage mit der diffundierenden, raumgreifenden Spielweise kaum kompatibel ist."

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