So herrlich unerträglich

von Anna Landefeld

München, 19. Oktober 2018. Etwas Lustiges also zum Schluss. Man könnte es auch anspruchsvoller sehen und behaupten: Martin Kušejs letzte Inszenierung am Münchner Residenztheater verhandelt das Theater an sich. Zugegeben, vielleicht in seiner unbekümmertsten Ausprägung. So hat sich der scheidende Intendant ausgerechnet Michael Frayns "Der nackte Wahnsinn" ausgesucht, die rauf und runter gespielte Theater-Meta-Boulevardeske. Kušej verzichtet auf raffinierte Regiekonzepte. Was sollten die auch bringen, ohnehin lädt "Der nackte Wahnsinn" nicht zum gepflegten Assoziieren und Philosophieren ein, erst recht nicht zur Dekonstruktion, denn das macht Frayns Tür-auf-Tür-zu-Maschinerie schon schön von alleine – und Kušej lässt Text und Ensemble gewähren.

Es wird gepfuscht, im Leben und auf der Bühne

So ist die Handlung schnell erzählt. Der Zuschauer bekommt dreimal aus unterschiedlicher Perspektive mehr oder weniger denselben Akt des schmierig-schlüpfrigen Schwanks "Nackte Tatsachen", dem Stück-im-Stück, vorgeführt. Erster Akt: Generalprobe bei einer verbrauchten Provinz-Tingel-Truppe. Nichts funktioniert, natürlich. Zweiter Akt: Nachmittagsvorstellung nach einer Woche Tournee durch die Mehrzweckhallen. Inzwischen sind die Fragen nach dem Wer-mit-wem innerhalb des Ensembles spannender geworden. Alles von Belang hat sich als pantomimischer Slapstick auf die zum Publikum gedrehte Hinterbühne verlagert. Dritter Akt: Zu guter Letzt ist dann eigentlich alles egal. Es wird gepfuscht, im Leben und auf der Bühne. Alles ist so herrlich unerträglich. Da weiß man gar nicht, wer zuerst will, dass es endlich aufhört: Schauspieler*innen oder Publikum. Klingt billig. Ist es auch, durch und durch. Aber damit billig nicht gleich billig, sondern großartig ist, muss es erst einmal sehr gut gemacht sein.

 NackterWahnsinn 560 MatthiasHorn URauf und runter, allzeit munter – es ist der nackte Wahnsinn © Matthias Horn

Das beginnt schon mit Annette Murschetz' Kulissennaturalismus. Ein spätkapitalistisch-pornöser Interieur-Albtraum mit verchromten Türklinken, roter Sofalandschaft und abstrakter "Kunst" vor Natursteinwand. Nicht minder geschmacklos die Kostüme von Heide Kastler. Feinster Yuppie-Zwirn, in den sie einen Till Firit als Immobilienmakler mit offenem Riesen-Sakko und gelbem Schlips steckt, einen kaum wiederzuerkennenden Thomas Loibl als steuerflüchtigen Hausbesitzer mit einem Baby-Schimmerlos-Gedächtnis-Schnäuzer bestückt oder Katharina Pichler als steuerflüchtige Ehefrau mit eichhörnchenfarbener Föhn-Frisur in einen gelben Schlangenoptik-Jumpsuit und goldene Stilettos reinschießt. Nur Norman Hacker, den hat Kastler verschont. Der darf dafür als zeitloses Regisseurs-Klischee cholerisch umherschreien mit seiner Kreativenbrille und seinem Existenzialisten-Rollkragenpullover.

Spötteln gegen die baldige Ex-Wirkungsstätte

Und so springen, rekeln, fallen, torkeln, heulen, stolpern sich immerzu die Schauspieler*innen mit ihren schlecht getönten Dauerwellen durch die sechs Türen hindurch und die zwei Treppen hinauf. Tür auf, Tür zu. Hoch, runter, hoch. Treppe, Hose, Kleid, Duschvorhang. Und so weiter. Kleinteilig, präzise auf Rhythmus und Tempo durchchoreografiert, gibt es keine Sekunde zum Luftholen, dafür jede Menge Text. Was für eine Leistung, wenn verdammt gute Schauspieler*innen verdammt miese Schauspieler*innen spielen.

NackterWahnsinn 560a MatthiasHorn UKüss den Kaktus, klipp und klapp: v.l. Sophie von Kessel, Norman Hacker, Genija Rykova
© Matthias Horn

Aber was wäre das Theater ohne selbstreferentielle Sperenzchen. So kann es sich auch Kušej, der 2019 als Intendant ans Wiener Burgtheater wechselt, nicht verkneifen, zumindest ein bisschen an Frayns Text herumzuschreiben und damit auch ein bisschen, aber um so gemeiner, gegen sein Bald-Ex-München zu spötteln. Und weil es gerade so blödelig ist, darf der alte Gag mit der S-Bahn ins Münchner Umland nicht fehlen, die das Publikum noch vor Ende des Applauses kriegen muss. Zufällig heißt der Regisseur im Stück "Martin K." und steckt während der Tournee schon mitten in den Proben zu "Richard III" in Wien. Es fällt der Name eines Münchner Kulturredakteurs, leicht verfremdet, "Egbert Voll", und der Name des vor dem Finanzamt nach Spanien geflüchteten Hausbesitzers "Franz Xaver Hötz" erinnert an den eines Münchner Schauspielers, Regisseurs und Autors, der tatsächlich – aus welchen Gründen auch immer – auf Teneriffa lebt.

Frayns Stück liegt eine unaufdringliche Grausamkeit inne, bei der das Pointen-Klipp-Klapp Szene für Szene in eine verzweifelte Hysterie kippt. Alle machen immer weiter, obwohl es ihnen elend geht. Sie wurschteln und wurschteln. Das hat etwas Tieftrauriges. Doch Kušej geht so etwas ab, dafür haben alle Figuren allesamt zu wenig Profil, ähneln sich in ihrer Klamaukigkeit zu sehr. Indem Kušej den Wahnsinn, den nackten, gewähren lässt, parodiert er mit einem Ensemble in komödiantischer Höchstform handwerklich hervorragend Boulevard-Theater. Zugleich aber gibt er die Kontrolle über das Innenleben seiner Figuren ab. Alles war und ist erbärmlich platt, im Leben und auf der Bühne. Das ist fürchterlich und fies, das Publikum dafür um so glücklicher.

 

Der nackte Wahnsinn (Noises Off)
von Michael Frayn
Deutsch von Ursula Lyn
Regie: Martin Kušej, Bühne: Annette Murschetz, Kostüme: Heide Kastler, Licht: Gerrit Jurda, Dramaturgie: Angela Obst.
Mit: Nora Buzalka, Norman Hacker, Arthur Klemt, Thomas Loibl, Katharina Pichler, Genija Rykova, Sophie von Kessel, Paul Wolff-Plottegg.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.residenztheater.de

 

Kritikenrundschau

"Kusej widersteht jeder Versuchung des Postdramatischen oder der Dekonstruktion", schreibt Mathias Hejny in der Abendzeitung (21.10.2018). "Die Anarchie der Gruppendynamik verwüstet auf das Komischste die vom uhrwerkhaft präzisen Timing abhängigen Verabredungen der Tür-auf-Tür-zu-Dramaturgie. Kusej lässt nichts anbrennen." Da er schon früh ein sehr hohes Tempo einlege, treibe sich die Inszenierung selbst in den Wahnsinn. "Den, freilich, haben die Schauspieler, die erstklassig darin sind, drittklassige Darsteller in einem fünftklassigen Stück zu spielen, virtuos im Griff."

"Hinreißende Schauspieler, ein rundum tolles Ensemble, was da zweieinhalb Stunden auf der Bühne selbstreferentiell herumtobt", sagt Rosemarie Bölts im Deutschlandfunk (21.10.2018). "Keine Sekunde Langeweile." "Kleinteilig genau, präzise bis zum Wimpernschlag, durchchoreografiert auf Tempo und Rhythmus." Eigentlich alles so, wie Kusej auch den "Faust" oder "Don Carlos" inszeniere. "Martin Kusej ist immer noch ein Berserker, ein – kein Widerspruch – sensibler Frauenversteher, der seine Leidenschaft fürs sinnlich erfahrbare Theater mit einem absoluten Anspruch an sich und alle Mitwirkende verbindet."

"Handwerklich und sportiv klappt das alles tadellos, auch wenn die Inszenierung braucht, um in Schwung zu kommen. Nur leider verwechselt Kušej Komik zu oft mit Klamauk. Seine Krönung zum King of Comedy ist dieser Abschied nicht", schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (22.10.2018). "Wer dachte, der Berserker Kušej würde das Stück radikalisieren und dabei sich selbst und sein Theater(dasein) knallhart ironisieren: Fehlanzeige! Die paar Anspielungen, die er macht – auf sich und München –, sind harmlos." Es gehe nicht um Abrechnung, sondern "wirklich nur um den schnellen Spaß. Um Komödientechnik, Turbo-Abfolgen, Timing." Frayns Farce habe aber, "so perfekt gebaut sie ist", Patina angesetzt, so Dössel: "Die Seitensprung- und Verwechslungsscherze, die Geschlechterklischees, das Hosenruntergelasse, selbst der Running Gag mit den Sardinen – das ist inzwischen alles ein bisschen ranzig und kommt altbacken rüber, wenn man es witzgetreu so übernimmt."

"'Der nackte Wahnsinn' ist der köstlichste aller Gottesbeweise. Nur wird seinetwegen die Welt nicht in sechs Tagen erschaffen, sondern in drei Theaterakten niedergeschmettert", schreibt Ronald Pohl in Der Standard (22.10.2018). "Martin Kusej demonstriert eindrucksvoll, dass er nicht nur ein finsterer, strafender Gott sein kann."

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