Was hat das mit Iran zu tun?

von Katrin Ullmann

Hamburg, 21. Oktober 2018. "Zwei Kräfte kämpfen miteinander, Allah und Coca-Cola", witzelt sich Moderator Philipp Rasmussen in das Grundproblem des Abends, in den Konflikt zwischen der Welt des Ostens und der des Westens. Eitel und mit kindlicher Vorfreude kündigt er seinen Scherz an und lacht anschließend selbst am längsten darüber. Wie gut gefällt er sich in seiner Rolle, dieser "Inhaber des Lehrstuhls für internationale Beziehungen", der gerade zur "Iran-Konferenz" in Kopenhagen geladen hat.

Es ist nur eine kleine Eingangssequenz, und doch bringt sie in ihrer genau beobachteten Selbstverliebtheit den Grundtenor des Abends herrlich auf den Punkt: dass es bei dieser Konferenz um alles Mögliche, aber am wenigsten um den persischen Staat gehen wird. Dass hier ein Aufgebot an Eitelkeiten bevorsteht, dass dänische Rhetoriker, Nationalisten, Spiritualisten, Traditionalisten, Hülsendrescher, Identitäre, Deterministen, Erleuchtete, Demagogen und Gläubige vor allem von sich selbst reden werden. Sich in aller Ausführlichkeit und rhetorischen Brillanz, in aller Professionalität und Länge in ihren Formulierungen suhlen, in ihren Worten baden und eben über ihre eigenen Witze am lautesten lachen werden.

Reigen der Selbstdarsteller

Thomas Niehaus spielt jenen Rasmussen, der – aus aktuellem politischen Anlass – die "Iran-Konferenz" ins Leben gerufen hat. Kollegen aus Welt und Wissenschaft hat er eingeladen, dieses bedrohliche Land, seine Kultur und Religion besser zu verstehen. Sogar Dänemarks Ministerpräsident ist gekommen, eine Schleimspur zieht sich überdeutlich durch Niehaus' Eröffnungsrede. Eine rötlich-braune Hornbrille lässt diesen Rasmussen klug aussehen, ein wunderbar schlecht sitzende Anzughose (Ausstattung: Bettina Kirmair, Annika Stienecke) erzählt von betriebsbedingter Nachlässigkeit in Sachen Outfit: Wer viel am Schreibtisch sitzt und tief nach innen denkt, der verliert schon mal den Blick in Richtung Außenwelt und sei es auch nur auf die eigene Erscheinung. Weitere Unbesonnenheiten sollen folgen.

Iran Konferenz 2 560 KrafftAngerer uRedner*innen, die die Welt erklären © Krafft Angerer

So ist etwa der als erster Redner angekündigte Professorenkollege Daniel Christensen (Jens Harzer) entgegen aller Gerüchte gar kein bekennender Moslem. Dennoch schweift Christensen direkt in einen Monolog über die eigenen Empfindungen, über Strukturen, das Geben an sich und über "den einen Gott, der Atombomben baut". Widerreden sind zwecklos, Zwischenfragen ebenso, das stellt sich schnell heraus. Auch wenn anschließend, der Form halber, eine Fragerunde eröffnet wird. Kritische Anmerkungen werden von Harzers manischem Professor mit bedrohlichem Schweigen beantwortet, bis der nächste Redner zu seinem Wortbeitrag ansetzt.

Iran als Projektionsfläche

Die Reihe setzt sich fort: Insgesamt acht Überzeugungstäter und eine iranische Quoten-Dichterin (Marina Galic) bekommen Raum für ihre Gefühle, für ihren mit Fremdwörtern getarnten Rassismus, für die Verbreitung reaktionären Gedankenguts, für die Veröffentlichung ihrer ganz persönlichen Erfahrungswelten und Weltanschauungen. Mal flammt eine Debatte über die Todesstrafe auf, mal wird das universale Glück eines peruanischen Volkes gefeiert. Die eigene kulturelle Last wird beklagt und das Geheimnis gesucht, um die globalen Probleme zu lösen. Da stehen schlimme Formulierungen wie "Die Iraner haben das Wissen in ihrer Mentalität" nahezu widerspruchslos im Raum, wird ein aufkeimender Konflikt, angeregt von dem politischen Kolumnisten Magnus Thomsen (Merlin Sandmeyer), weggeatmet, bis die Konferenzteilnehmer beruhigt feststellen, dass auch dieser in seiner anschließenden Rede vor allem die eigene Nation feiert – für ihn ist Dänemark einfach "hygge".

Iran Konferenz 1 560 KrafftAngerer uNeokolonialistisches Einverständnis © Krafft Angerer

Iwan Wyrypajew hat nach seinen viel gespielten Stücken wie "Illusionen", "Sauerstoff" und "Betrunkene" (2014 von Alexander Simon am Thalia in der Gaußstraße inszeniert) diese Konferenz erdacht, die er in Warschau selbst uraufführte – und damit ein selbstredend monolog-lastiges, aber zugleich feinsinniges Stück geschrieben. Auf der Folie einer seriösen Hochschulveranstaltung eröffnet der russische Dramatiker einen Diskursraum, in dem sich die Teilnehmer bald selbst entlarven. Denn letztlich ist es nicht das Interesse an der anderen Kultur, das sie antreibt, oder gar der Versuch, eine fremde Welt zu verstehen, sondern allein der Wunsch, ihrer persönlichen, gruselig engen Weltanschauung, Raum zu geben, ihren eigenen und einzig wahren Blick auf die Welt durch ihr persönliches Schlüsselloch zu erzählen. Verklausuliert, gefährlich und leider tagesaktuell.

Rednerpult meets Zuschauertribüne

"Was hat das mit dem Iran zu tun?" hakt Niehaus' knieweicher Moderator noch genau einmal zaghaft nach, doch bald steht auch er nur noch da wie ein Fragezeichen. Zum Glück hat er ein Mikro und ein paar Karteikarten zur Hand, an denen er sich festhalten kann. Matthias Günther, eigentlich Dramaturg am Thalia Theater, hat die Iran-Konferenz auf die Bühne der Gaußstraße gebracht und bleibt dabei dem vorgegebenen Konferenzprinzip ein bisschen zu treu: Ein einzelnes Rednerpult steht mitten im Raum, den ein verspiegeltes Schrägdach begrenzt. Alle Teilnehmer sitzen abwartend in der ersten Reihe der Zuschauertribüne, meist regungs- und emotionslos. Aber wehe, wenn sie das Wort ergreifen!

Günthers Glück bei dieser recht statischen und ein wenig lang geratenen deutschsprachigen Erstaufführung ist das großartige Ensemble, das sich das Mikro weiterreicht, das die jeweiligen Ego-Shooter in feinen Zügen zeichnet, mal mit bebender Stimme, mal mit dräuendem Ernst, mal mit klug gesetzten Kunstpausen. Ein bisschen offensiver, spielerischer, performativer und provokativer hätte die Inszenierung ruhig sein dürfen: mit ein bisschen mehr Witz, Wut und Mut zur Doppelbödigkeit, zum Plakativen und zur theatralen Überzeichnung – mit mehr Futter für das passiv an der Konferenz teilnehmende Publikum.

Iran-Konferenz
von Iwan Wyrypajew
Regie: Matthias Günther, Dramaturgie:  
Hannah Stollmayer, Ausstattung: Bettina Kirmair
, Annika Stienecke.
Mit: 
Alicia Aumüller, Marina Galic, 
Julian Greis, 
Jens Harzer, Peter Maertens, 
Thomas Niehaus, Tim Porath, 
Merlin Sandmeyer, 
Birte Schnöink, Rafael Stachowiak.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.thalia-theater.de


Kritikenrundschau

Die Versuchsanordnung sei so einfach wie wirkungsvoll, schreibt Annette Stiekele im Hamburger Abendblatt (23.10.2018). "Die Rhetorik-Hülle aus Rede und Gegenrede wird im Laufe von Iwan Wyrypajews klug und fein gesponnener 'Iran-Konferenz' immer wieder durchbrochen." Hinter all den schönen, süffigen, leicht konsumierbaren Formulierungen liefere das Stück freie Sicht auf Vorurteile, Selbstgerechtigkeit und Realitätsverzerrung. Szenisch geschehe wenig, die Vortragenden aus der ersten Reihe treten ans Rednerpult und wieder ab. Doch Matthias Günthers' Entscheidung "für die klare, schnörkellose Form zahlt sich aus und fokussiert auf den Inhalt des Gesagten. Wer sich darauf einlässt, wird beschenkt mit einem Text voller feiner Widerhaken. Und nicht zuletzt mit brillanten Auftritten sämtlicher Schauspielerinnen und Schauspieler."

 

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