Erlösung? Niemals

von Cornelia Fiedler

Köln, 26. Oktober 2018. "Wir wollen doch lieber bei unserer guten deutschen Wahrheit bleiben. Und dieser Krieg ist doch nur ein Vogelschiss in unserer eintausendjährigen deutschen Geschichte". Das dummdreiste Gaulandisieren steht dem "Oberst, der sehr lustig ist" aus Wolfgang Borcherts Drama "Draußen vor der Tür" ganz hervorragend. Es stärkt sogar dessen Argumentation: Wie hätte man schließlich während eines kurzen Vogelschisses groß Schuld auf sich laden können, als Wehrmachtssoldat?

Kommentierung aus Sicht der Nachgeborenen

Mit diesem kleinen Verweis auf die neueste, kalkulierte Geschichtsrelativierung des AfD-Vorsitzenden bringt Regisseurin Charlotte Sprenger beiläufig eine historisch-politische Dimension in ihre Inszenierung am Schauspiel Köln, die dem Original weitgehend fehlt. Borcherts Hauptfigur, der zerrüttete, hinkende Kriegsheimkehrer Beckmann, spricht seinem ehemaligen Kommandeur gegenüber zwar viel von Schuld. Er meint aber immer nur die am Tod von elf Soldaten, die ihm unterstellt waren. Nicht die Beteiligung an einem Vernichtungskrieg, nicht die, nach heutigem Forschungsstand durchaus wahrscheinliche, Mitwisserschaft über den Mord an den europäischen Jüdinnen und Juden.

Draussen3 560 AnaLukenda uKrümmt sie das Mitwissen um Verbrechen? Sabine Orléans, Elias Reichert, Laura Friedmann, Margot Gödrös © Ana Lukenda

Sprenger, die am Schauspiel Köln als Regieassistentin angefangen hat und mit ihrer Romanadaption "Alles, was ich nicht erinnere" 2018 zum Münchner Regiefestival "radikal jung" eingeladen war, stellt Elias Reichert als Beckmann drei Frauen aus drei Generationen gegenüber: Laura Friedmann, Margot Gödrös und Sabine Orléans spielen nicht nur alle weiteren Rollen, sondern nach und nach auch Anteile von dessen Persönlichkeit. Gespielt wird in der kleinen Außenspielstätte am Offenbachplatz zwischen und in seidig schimmernden, halbtransparenten Iglu-Zelten; so kann sich das Ensemble bei Bedarf jederzeit in abgekapselte Monaden aufteilen (Bühne: Aleksandra Pavlović).

Ein Gelächter und (k)eine schmerzliche Scham

Anfangs sind es nur ein paar Worte von Beckmanns Text, die mal die eine, mal die andere Schauspielerin wie gedankenverloren mitspricht. Später nehmen sie der Hauptfigur ganze Passagen ab. So bekommt Sabine Orléans, die zuvor auch den jovial nationalstolzen Oberst gespielt hatte, im Finale die Gelegenheit für ein großartiges, berührendes Selbst-Streitgespräch. In die Trauer um zwei Verstorbene, Beckmanns Eltern, drängt sich bei ihr, wieder nur für einen kurzen Moment, wie eine Art unbewusstes kollektives Wissen, die unfassbare Zahl von sechs Millionen Toten. Es ist kein Vorwurf an Borchert und seine Figur, eher eine dezente – im Gesamt-Trubel der Inszenierung aber fast zu dezente – Kommentierung aus Sicht der Nachgeborenen. Ansonsten lässt die gründlich gestraffte Spielfassung von Sprenger und ihrer Dramaturgin Sarah Lorenz dem Ex-Soldaten, der nach drei Jahren Kriegsgefangenschaft in ein fremd gewordenes Hamburg zurückkehrt, viel von seinem abgrundtiefen, fast kindlichen Selbstmitleid.

Draussen1 560 AnaLukenda uBeobachterin von Beckmanns Selbstmitleid: Margot Gödrös, hinten: Elias Reichert © Ana Lukenda

Diese Selbstinszenierung als tragische Figur evoziert bei den drei Ladys allerdings vor allem eines: Gelächter. Allen voran bei der 79-jährigen Margot Gödrös als junge Frau, die Beckmann aus der Elbe fischt: Ihr helles, herzliches, ununterdrückbares Lachen über dessen hässliche Brille ist so ansteckend wie im Theater lange nicht erlebt. Wie die drei unberechenbaren Frauen Beckmann umgarnen, zurückstoßen, locken, verprügeln und von Station zu Station schubsen, hat etwas Fiebrig-Traumhaftes. Verstärkt wird der Eindruck durch das Mädchen im Harlekin-Anzug (Ida Fayl und Ruth Grubenbecker wechseln sich in der Rolle ab), das den konsternierten Beckmann mit freundlicher Strenge auf den mangelnden Esprit und zu großen Ernst seiner Performance hinweist. Gegen Ende mehren sich die Anzeichen, dass Beckmanns Suizid am Anfang des Stück doch gelungen sein könnte und der fiebrige Bilderreigen erst im Moment seines Sterbens eingesetzt hat. Üble Aussichten für die Geschichtsverdränger dieser Welt, wenn selbst der Tod keine Erlösung von den Dämonen der Vergangenheit bringt.

 

Draußen vor der Tür
Von Wolfgang Borchert
Regie: Charlotte Sprenger, Bühne und Licht: Matthias Singer, Bühne und Kostüme: Aleksandra Pavlović, Musik: Julian Stetter, Dramaturgie: Sarah Lorenz.
Mit: Laura Friedmann, Margot Gödrös, Sabine Orléans, Elias Reichert, Ida Fayl, im Wechsel mit Ruth Grubenbecher.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.schauspiel.koeln

 

Kritikenrundschau

Charlotte Sprenger tue ihr Möglichstes, das angejahrte Stück gegen den Strich zu bürsten, so Christian Bos vom Kölner Stadt-Anzeiger (29.10.2018). So lasse sie die Persönlichkeit des ewigen Außenseiters verflüssigen, indem die Frauen auf der Bühne immer mehr von Beckmanns Text übernähmen. "Das ist klug und konsequent umgesetzt, erlaubt gerade in den gegen den Typ besetzten Rollen starke Szenen." Und doch scheitere die Inszenierung an der grundlegenden Schwäche des Stücks: "Warum sollte man einem Nazi-Soldaten dabei zusehen wollen, wie er seine Schuld zur Schicksalsfrage und sich selbst zum Existentialisten umdeutet?"

"Eine großartige Leistung des jungen Schauspielers!", lobt Barbro Schuchardt von der Kölnischen Rundschau (29.10.2018) Hauptdarsteller Elias Reichert. Er wühle sich vehement in seine Rolle hinein, durchlebe alle Stadien vom traumatisierten Psychopathen bis zur Auseinandersetzung mit seinem Ich und der Entscheidung fürs Weiterleben. "Charlotte Sprenger und ihr Team sorgen (…) überzeugend dafür, dass ihre moderne Sichtweise auf existenzielle Probleme auch die junge Generation anspricht."

 

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