Ein seltener Ort

von Sophie Diesselhorst

31. Oktober 2018. Geflüchtete sind nicht mehr das Thema. Das Thema sind jetzt die Gaulands, Seehofers, die Trumps und Bolsonaros, die gegen Geflüchtete hetzen und politischen Profit daraus schlagen, Migrationsbewegungen zu dämonisieren. Darum soll es aber hier nicht gehen. Sondern um einen Ort für Geflüchtete und Ungeflüchtete, den Augsburger Künstler*innen und Aktivist*innen gegründet haben, ein paar Jahre vor dem Sommer 2015. Das Grandhotel Cosmopolis, es ist jetzt in seiner Existenz bedroht, was erbärmlich gut in den Zeitgeist passt.

Begegnung und Gemeinschaft

Ein ehemaliges Altersheim im Herzen Augsburgs, ein Gebäude mit zwei Flügeln: Im einen befindet sich eine Gemeinschaftsunterkunft für Geflüchtete, im anderen ein Hotel und Hostel. Zusammen sind sie das Grandhotel, in dem Begegnungen zwischen Menschen mit und ohne Asyl so angenehm alltäglich vonstatten gehen, dass man schnell vergisst, wie rar solche Orte sind, die das möglich machen. Es werden in diesem Rahmen Kaffee, Küche, Konzerte angeboten. Und übrigens auch Theater, zuletzt im März 2018 bei Patrick Wengenroths Brechtfestival.

Kolumne 2p diesselhorstAls es 2011 ins Leben gerufen wurde, war das Grandhotel ein Pionier der Willkommenskultur. Dieser Begriff ist mittlerweile ausgelutscht. Nicht aber die Wichtigkeit von Orten wie dem Grandhotel. Es will ja nur einladen, und zwar jede*n – und ist paradoxerweise genau durch diese einfache Geste zu einer Bastion geworden, die jetzt zu fallen droht. Die Hotelers bitten jetzt um Spenden, um sich einen Handlungsspielraum zu schaffen – und überhaupt darüber nachdenken zu können, ob sie neue, eigentlich längst fällige Forderungen aufstellen wollen wie zum Beispiel: als Kunstinstitution anerkannt und gefördert zu werden.

Arbeit an der Sozialen Plastik

Das Grandhotel ist seit 2011 in ehrenamtlicher Arbeit aufgebaut worden, hunderte freiwillige Helfer*innen aus aller Welt gehören zur Sozialen Plastik. Sie meinen es ernst mit ihrem Vorhaben, das kunsttheoretische Konzept von Joseph Beuys zu praktizieren, das ja auch sonst wieder in Mode gekommen ist, aber meistens nur Begriff bleibt. Im Grandhotel gehört zur Arbeit an der Sozialen Plastik das Putzen von Hotelzimmern und das Kochen von Mittagsmahlzeiten. Die Hoteliers laden Künstler*innen ein und organisieren Veranstaltungen, um ihr Publikum über die Hotelgäste mit und ohne Asyl hinaus zu erweitern. Sie verstehen aber auch die aktivistische Hilfsarbeit für die geflüchteten Bewohner*innen des Grandhotel als künstlerische Arbeit, die Vermittlung von Rechtsberatung, die Verhinderung von Abschiebungen durch die Organisation von Kirchenasylen.

Die mitmenschlichen Aktivitäten werfen eine Menge immateriellen Profit ab: für alle Beteiligten das Gefühl, in einer gelebten Utopie beheimatet (gewesen) zu sein – aber auch öffentliche Lobpreisungen. Mit einer langen Liste von Ehrungen kann das Grandhotel sich schmücken, es wurde ausgezeichnet als Kunstprojekt, als Hotel, als politisches Projekt, als überregional wirksames Gemeinschaftsprojekt. Aber nun steht vor dem Aus, was sich ohne einen komplett unökonomisch denkenden und handelnden Idealismus nie hätte entwickeln können.

"Dass man von Menschlichkeit nicht leben kann, ist uns schon länger klar, wir haben trotzdem weitergemacht – jetzt geht's ums Überleben", heißt es im aktuellen Hilferuf der Grandhoteliers. "Wir müssen schnell handeln. Wer diesen Ort der Vielfalt und des Lebens mit uns zusammen erhalten will, den bitten wir, wenn nötig auf Knien: pay as much as you can!"

 

Sophie Diesselhorst ist Redakteurin bei nachtkritik.de. Außerdem ist sie dem Grandhotel Cosmopolis seit langem freundschaftlich verbunden und hat dort u.a. zusammen mit Iman Kadyeva, die als Geflüchtete dort lebt, ein Magazin gegründet.

 

In ihrer letzten Kolumne erklärte Sophie Diesselhorst, warum sie nicht bei #WirSindMehr mitmachen möchte.

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