Ein Rätsel

von Gabi Hift

Wien, 31. Oktober 2018. Ein Milliardär im Ruhestand steigt in die Politik ein. Für welche Partei er kandidiert, ist ihm egal, und er ist völlig ahnungslos in sämtlichen Fragen. Am Anfang macht er lächerliche Fehler, aber ein Medienhai, der bei ihm Schulden hat, manipuliert die öffentliche Berichterstattung und der zunächst naive Quereinsteiger lernt, wie man Floskeln einsetzt, die Meinung anheizt, sich Verbündete durch Bestechung züchtet und den sexuellen Mehrwert von Frau und Tochter für sich nutzt.

Man glotzt mit offenem Mund

Was das Komödiendreamteam Georg Schmiedleitner / Gregor Bloéb an "Der Kandidat" von Carl Sternheim gereizt hat, ist offensichtlich: Es ist wirklich verblüffend, dass es 1914 schon genauso lief wie jetzt. Optisch ist die Aufführung im Akademietheater ein Coup. Die Spielfläche von Volker Hintermeier ist eine riesige, von innen beleuchtete Roulettescheibe aus opakem Plexiglas, die auch in die Schräge kippen kann. Darüber schwebt ein Spiegel, in dem man die Schauspieler von oben sieht, wie sie krabbeln, strampeln, sich abmühen, wie Würmer oder Insekten unter dem Mikroskop eines gleichgültigen Gottes. Auch die Kostüme (Su Bühler) sind schwarzweiß, wilhelminisch, Art déco, mit Hightech-Materialen aufgepeppt, sehr sehr schick. Dazu spielen links und rechts von der Scheibe die Musiker zum ewigen Dreh, mal minimal, mal jammert eine singende Säge, mal treibt ein Beat und lässt es wieder.

Kandidat1 560 ReinhardWerner uTierisches Gesellschaftskarussell © Reinhard Werner

Die Schauspieler müssen auf dieser sich fast ständig bewegenden Scheibe körperliche Bravourstückchen liefern und in einem Höllentempo die Sternheim’schen Telegrammsätze abschießen. Das gelingt unterschiedlich gut. Grandios ist Sebastian Wendelin als Bach, Redakteur der Zeitung "Wahrheit". Als sensibler Jüngling fällt er bei Belastung steif wie ein Brett auf den Rücken. Das ist offensichtlich menschenunmöglich, ohne sich den Schädel einzuschlagen – man glotzt mit offenem Mund. Er tänzelt in schwarzweißen Haifischschuhen, den Oberkörper nach hinten gebogen, untenrum immer lässig, und schießt auch noch den Text schnell und pointiert ab. Sabine Haupt als Evelyn, in Florian Hirschs Bearbeitung von einer Gouvernante zum Politikercoach gewendet, umschwoft den Kandidaten mit scharfen Tangokicks - leider ist sie rhetorisch nicht ganz so fit wie mit ihren ellenlangen Beinen, mit denen sie seinen Schädel in die Zange nimmt.

Macht, Geld, Sex

Petra Morzé als lüsterne Ehefrau Russek mit Tournüre aus schwarzem Luffaschwamm stürzt sich auf Bach und vögelt sein Bein wie lästige Hunde es tun, dazwischen ein charmantes Tänzchen. Und Bernd Birkhahn, der Senior, schlägt beim Hüpfen die Fersen in der Luft zusammen als wär er keine Zwanzig. Der Kandidat Russek ist der tumbe Tor, um den sich alles dreht, und Bloéb hat lange keine Gelegenheit zu glänzen. Er ist Menschendarsteller, und Menschen gibt es im Sternheim’schen Universum nicht. Es gibt weder Liebe, noch Güte oder Zuneigung, nur Gier – nach Macht, Geld, Sex. Und die individuelle Art, die Gier zu verschleiern.

Lustig ist das nicht unbedingt. Die Stücke aus dem bürgerlichen Heldenleben sind keine Satiren, da müsste es eine Vorstellung von einem der mangelhaften Wirklichkeit gegenüberstehenden Ideal geben (Schiller) – aber die lässt sich bei Sternheim nicht finden. Seine Stücke haben immer schon für Verwirrung gesorgt. Sie strotzen zwar vor Verachtung für die Heuchelei der bürgerlichen Gesellschaft. Aber wenn die Helden am Ende die Heuchelei ablegen, dann bekennen sie sich mit einem "Ich bin so" zu ihrer eigenen mitbürgerlichen Scheußlichkeit und provozieren durch eine Bejahung der eigenen Widerwärtigkeit, bei der ihnen der Autor völlig zustimmt. Die satirische Bürgerkritik endet in expressionistischem Erlösungsdrang.

Kandidat3 560 ReinhardWerner uVon der Scheußlichkeit des Bürgertums © Reinhard Werner
Russek, der Kandidat, wirft sich im originalen Ende im Machtrausch, in dem er ganz zu sich selbst findet, Gott zu Füßen und krepiert. Auch in Hirschs Bearbeitung gewinnt Russek die Wahl. Aber statt in einen Furor zu geraten, hält er ganz ruhig und professionell die Rede, die der Redakteur Bach für ihn geschrieben hat. Er wirkt völlig authentisch. Hier ist Bloéb ganz in seinem Element, echt und glaubwürdig und dadurch zutiefst erschreckend. Die Rede ist ein populistisches Pamphlet, zehn Punkte – Grenzen schließen für Wirtschaftsflüchtlinge, Militär aufrüsten, Trefferquote statt Frauenquote, 24 Stunden geöffnete Ganztagsschulen ohne Lehrpläne, 100 Prozent Erbschaftssteuer, Aussetzen der Demokratie für 100 Tage wegen Belanglosigkeit, danach Reevaluierung. "Dafür brauche ich Ihre Hilfe", ruft Russek ins Publikum. Punkt 10 übrigens: Keine Angst! Für niemand.

Es schwirrt einem der Kopf

Dieser plötzliche menschliche Kontakt zu dem Mann, der da auf der Bühne steht, gefällt einem, eh man sich‘s versieht – das wilde Konglomerat an Sentenzen, die man alle in den letzten Monaten in irgendeinem Wahlprogramm gehört hat (aber in welchem?), schwirrt einem im Kopf. Diese Fassung gönnt zwar der Figur keine expressionistische (und möglicherweise präfaschistische) Erlösung, aber sie erreicht auf gefinkelte Weise eine ähnliche Irritation wie das originale Ende.

Ist das Ganze geglückt? Eine düster funkelnde Bühne, ein elegant abschnurrendes Zirkusprogramm. Die Erkenntnis, dass es 1914 in der Politik genauso zugegangen ist wie heute. Ein paar Lacher. Ein inneres Starren auf die Scheußlichkeit des Bürgertums – und ein Kopfschütteln, denn das offene, glückliche Bekennen dazu kann ja nur zum allgemeinen Mord und Totschlag führen. Alles genau wie heute, alles ein Rätsel.

 

Der Kandidat
von Carl Sternheim nach Flaubert
Fassung und Bearbeitung: Florian Hirsch
Regie: Georg Schmiedleitner, Bühne: Volker Hintermeier, Kostüme: Su Bühler, Musik: Matthias Jakisic, Sam Vahdat, Licht: Norbert Joachim, Volker Hintermeier, Dramaturgie: Florian Hirsch.
Mit: Gregor Bloéb, Petra Morzé, Christina Cervenka, Sabine Haupt, Florian Teichtmeister, Dietmar König, Sebastian Wendelin, Bernd Birkhahn, Valentin Postlmayr, Philipp Quell, Ivana Stojkovic, Matthias Jakisic , Sam Vahdat
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.burgtheater.at

 

Kritikenrundschau

"Man kann die derzeit in vielen sogenannten Industrienationen herrschende politische Klasse, oder zumindest deren hervorstechendste Repräsentanten, auch so betrachten: relativ neu in der (Berufs-)Politik, materiell gut abgesichert, ohne eigene konkrete Ideen oder Pläne, aber mit einem unerschütterlichen Glauben an sich selbst. (…) Sein Geschwätz von gestern, das muss ihn nicht mehr interessieren. Er hat ohnehin nichts Konkretes gesagt. (...) So sieht das, scheint es, auch der Regisseur Georg Schmiedleitner, der uns die Botschaft 'Wehret den Anfängen!' mit seiner Interpretation einer sehr schlichten, dabei unnötig verkomplizierten Komödie um die Ohren hauen will", befürchtet Martin Lhotzky in der FAZ (2.11.2018). Schmiedleitner und sein Dramaturgen Florian Hirsch seien bei der Bearbeitung der Fassung mit Holzhammer und Brechstange zu Werke gegangen. Ihre schwammige Hauptfigur Russek werde dabei leider zu keinem Zeitpunkt eine fassbare Person.

Das Stück passe in seiner Kritik an der Politscharlatanerie hervorragend in unsere Gegenwart der sich zurückbildenden politischen Praxis, in der Inhalte und Argumente weniger zählten als eine Performance und ihr Marketing. "Die Wiener Fassung von Dramaturg Florian Hirsch hat einige gut nachvollziehbare Updates erfahren, um das Stück direkt an die Gegenwart anzudocken", schreibt Margarete Affenzeller im Standard (2.11.2018). Georg Schmiedleitner lasse in guter Stadttheatertradition ein dystopisches Märchen abschnurren, das seine Dynamik aus der sportlichen Drehbühnenaction beziehe. "Das abstrakte Setting erinnert in seiner Mechanik an Kafka-Inszenierungen von Andreas Kriegenburg. Am allermeisten leidet die Inszenierung an der Betulichkeit, etwa wenn Witze auserklärt oder Anspielungen auf zeitgenössische Manipulationsformen wie Twitter didaktisch überstrapaziert werden. Da verliert sie an Komplexität."

"Eine unterhaltsame Lehrstunde in Populismuskunde, die erholsam unaufdringlich mit konkreten tagespolitischen Bezügen umgeht" sah Christina Böck von der Wiener Zeitung (1.11.2018). Gregor Bloéb gebe den 'Kandidaten' als erst planlos-tumben Simpel im Schlafanzug, der sich im Smartigkeitsfaktor gewaltig steigere, bis er am Ende eine verbindliche Bedrohlichkeit mit Gelfrisur ausstrahle. "Die von Dramaturg Florian Hirsch angefügte Wahlsiegrede trägt er mit dieser gewissen hypnotischen Wirkung vor, die den Inhalt – so läppische Dinge wie die Änderung der Staatsform –fast überhören lässt."

 
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