Der Mensch zwischen den Schweinen

von Katrin Ullmann

Hamburg, 2. November 2018. "Es war spät abends als K. ankam. Das Dorf lag in tiefem Schnee." So beginnt Franz Kafkas Romanfragment "Das Schloß". 1922 hatte Kafka das Werk angefangen, 1926 wurde es posthum veröffentlicht. K. ist darin ein Landvermesser, ein Fremder und einer, der dafür kämpft, bleiben zu können. Eine Landvermesserin macht Thomas Köck in seinem jüngsten Stück ebenfalls zur Hauptfigur. Auch sie handelt im Auftrag der Regierung, und auch in der Erzählung des vielfach ausgezeichneten Dramatikers liegt jede Menge Schnee – "Drecksschnee" – in der verhassten Provinz. Tatsächlich verortet er die Handlung im zerfallenen Europa im Winter 1918/19, nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und doch schafft er natürlich und andauernd Bezüge zur Gegenwart.

Statt einer Grenze entdeckt die Landvermesserin ein Bauernhaus, zwischen den Schweinen einen Menschen, den Kutscher. Bald sind die beiden ein ungleiches Gespann. Sie irren, suchen, reisen. Irgendwohin. Bald ohne Orientierung, "wir laufen genau seitenverkehrt". Während ihrer Odyssee begegnen die beiden Hauptfiguren einer blinden Fallschirmspringerin, später einem Patienten mit Normgewicht, einem suizidalen Reeder und einem schrecklich dynamischen Chor der Gehilfinnen. Alles und alle recht fahrig, recht dubios. Wenn diese Figuren reden, dann meist aneinander vorbei. Wenn sie von ihrer Weltsicht erzählen, dann eher ausufernd monologisch.

Das Display vor Augen

Das neue Stück von Thomas Köck ist ein dichtes Textflächenkonvolut, ist ein kluges Assoziationspapier. Einige Zitat- und Motivgeber hat Köck für den Leser vorab genannt: Die Liste reicht von Franz Kafka über Jim Jarmusch bis hin zu Sergei Rachmaninov. Es sind derer viele Verweise. Und nicht zu vergessen, der Stücktitel selbst: Thomas Köck ist schließlich Österreicher, die "Dritte Republik" war in seinem Heimatland ein Staatskonzept, das einst Jörg Haider, FPÖ-Vorsitzender und Erfinder des moderne Rechtspopulismus, anstrebte: ein autoritäres Verfassungskonzept.

DritteRepublik 2 560 Krafft Angerer hDrolliges Nebeneinander vor der Windmaschine: Barbara Nüsse und Björn Meyer © Krafft Angerer

Nun kommt "dritte republik – eine vermessung" also zur Uraufführung. Am Thalia in der Gaußstraße haben Elsa-Sophie Jach und der Autor selbst den Text auf die Bühne gebracht. Doch das, was den Schauspielern an Worten und vor allem an Assoziationen aus dem Mund purzelt, verpufft in dieser Inszenierung direkt in der Luft. Die Wortkaskaden mögen noch so geistreich sein, noch so liebevoll formuliert, noch so zeitlos vielsagend: "wenn die grenzen wandern ändert sich doch der boden nicht" heißt es einmal, und: "wer eine grenze zieht ist morgen schon mit der nächsten beschäftigt" und später "was soll man denn zu dieser zeit noch groß erzählen es liegt doch alles auf der hand das display vor augen schlafwandeln wir halt weiter."

Untergang im Atmospären-Gebastel

Doch aus vielen klugen Aphorismen einen bühnenreifen Abend zu gestalten, ist verdammt schwierig. Zu Anfang gibt sich das Regie-Team Jach / Köck einer dramaturgisch nachvollziehbaren Versuchung kurz hin. Da ziehen die mädchenhaft schmale Barbara Nüsse und der wuchtig massive Björn Meyer abwechselnd eine gigantische Windmaschine über die eingenebelte Bühne. Gerade so, als wärs ein zu groß geratenes Kinderspielzeug. Oder sie stehen wie Dick und Doof drollig nebeneinander, gucken orientierungslos ins Publikum. Hölzern und wortreich wird da eine chronologische Erzählung versucht, wird vom Tod gesprochen und übers verlorene Europa debattiert.

Doch die Textinhalte gehen bald im Atmosphäre-Gebastel (Wind, Nebel, Musik!) unter, die Sache mit der Kartografie wird zunehmend irrelevant, die Geschichte zerfasert. Der Gehilfinnen-Chor tritt dynamisch auf und sphärisch singend wieder ab, rote Gymnastikbälle kullern durch den Raum, ein Stewart (Victoria Trautmansdorff in genialer, verblüffender Maske!) singt mit Anne-Clarke-Echo, Björn Meyer brüllt sich ein herzzerreißendes "Sag mir, wo die Blumen sind" aus dem Leib und schließlich wird vergeblich Tee in löchrigen Tassen gereicht.

Marthaler zum Aufwärmen

Betrachtet man den Abend als Kuriositätenkabinett, dann kommt dieses leider recht verstaubt daher. Da erinnert manche Szene an Schülertheater, an lahmen Slapstick, an Marthaler-Übungen zum Aufwärmen. Vielschichtige, viel wollende und assoziative Textflächen brauchen, um auf der Bühne zu zünden, enervierende Exaktheit, virtuose Großkotzigkeit oder sogar beides zugleich. Dieser Abend lehnt sich weder über das eine noch das andere Geländer. Vielleicht, weil ein derartiges Wagnis zu waghalsig erscheint, vielleicht aber auch, weil der Autor – und damit Anwalt seines Werks – selbst mit Regie führt.

 

dritte republik - eine vermessung
von Thomas Köck
Uraufführung
Regie: Thomas Köck, Elsa-Sophie Jach, Bühne: Stephan Weber, Kostüme: 
Sophie Klenk-Wulff, Dramaturgie: 
Emilia Linda Heinrich, Musik: 
Max Kühn.
Mit: Bekim Latifi, 
Björn Meyer, 
Barbara Nüsse
, Victoria Trauttmansdorff,
 Tilo Werner, sowie als Chor der Gehilfinnen: Kim Chariner, Malin Freytag, Sarah Hiltscher, Helene Lange, Sezen Sahin, Ina Twest, Kaja Voller, Nele Wulff.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.thalia-theater.de

 

Kritikenrundschau

"Dichter Nebel quillt über die Bühne und eine Windmaschine bläst ihn kraftvoll ins Publikum. Ab der ersten Sekunde sind Akteure und Betrachter also vereint in einer Umdüsterung", schreibt Heiko Kammerhoff in der Hamburger Morgenpost (5.11.2018). Inhaltlich ändere sich das in den nächsten knapp zwei Stunden kaum, selbst als sich die Schwaden wieder verzogen haben. "Die einzelnen Szenen sind zwar teilweise toll gespielt und verschiedene Monolog-Stücke über Grenzen und Nationalismus bleiben haften, aber das Stück verliert sich im rein Episodenhaften und Unfasslichen."

"Wenn Tilo Werner sich als Reedereidirektor Albert Ballin mehrfach die Kugel gibt und mit blutverschmierter Stirn konstatiert, wie satt er die ewige Wiederholung der Geschichte habe, sind wir endgültig angekommen in der kafkaesken Ausweglosigkeit, für die Regisseurin Elsa-Sophie Jach und Autor Köck in ihrer gelungenen Inszenierung eines europäischen Paralleluniversums einprägsame Bilder finden", so in der Welt (5.11.2018). Mut mache dieses Stück nicht, aber es liefere "eine auch sprachlich überzeugende Parabel auf den gegenwärtig aufkeimenden nationalstaatlichen Neoliberalismus".

"Viele kluge Gedanken und Worte, viel Nebel und Musikeffekte ergeben noch kein mitreißendes Theater," schreibt Annette Stiekele im Hamburger Abendblatt (5.11.2018). Trotz gelungener Bilder, "etwa wenn der weibliche Chor der Gehilfen toll bandagiert eine akkurat gezirkelte Choreografie hinlegt." Alle Darsteller liefern ihre Kunst aus Sicht der Kritikerin "aufs Feinste ab. Die Macher wollen viel, vielleicht zu viel."

Einen "Zeit- und Zitatensturm" erlebte Till Briegleb von der Süddeutschen Zeitung (9.11.2018) in Thomas Köcks "Assoziationsdrama, das Weltgeschichte beschreibt – und ihre Negation betreibt". Dabei lese sich Köcks Text "ausgesprochen fokussiert als eine literarische Winterreise durch zentrale politische Themen unserer Zeit". In Barbara Nüsse haben Köck und seine Co-Regisseurin Elsa-Sophie Jach "eine kampferprobte Komplizin gewonnen, die den Marsch durch die Aspekte mühelos auf Spur hält". Die Regie suche "den Humor schräger Fantasie, verstärkt Köcks Sinnverwehungen vom klaren Argument ins absurde Wirbeln mit Freude an Übertreibungen – und hätte sich vielleicht einen größeren Gefallen getan, ab und an zu kürzen, damit ein wenig mehr Handlung das Sprunghafte der Szenen bindet".

 

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Kommentare

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#1 dritte republik, Hamburg: zerfaserndKonrad Kögler 2018-11-03 09:59
Treffende Beschreibung eines zerfasernden Abends.

Die nur knapp zwei Stunden kurze Uraufführung, ist sehr wortlastig und spielt in ihrer eigenen, träumerisch-assoziativen Welt. Dem Abend fehlen dabei leider der Charme und Witz, der Jachs/Köcks Wiener Arbeit „Klagt! Kinder! Klagt!“ auszeichnet. Auch der Text ist diesmal nicht so konzentriert, sondern streckenweise ein Amalgam aus schon oft gehörten Versatzstücken von Patriarchats- und Kapitalismus-Kritik.

Die Reflexion über das drohende Ende der Demokratie, die auf dem Abendzettel mit interessanten Ausführungen über drei Szenarien des Harvard-Dozenten Yascha Mounk versprochen wurde, und über die Sehnsucht nach Jörg Haiders autoritärem Verfassungskonzept, auf das der Titel anspielt, kommt an diesem Abend in der Gaußstraße zu kurz.

Komplette Kritik: daskulturblog.com/2018/11/02/dritte-republik-thomas-koeck-thalia-gaussstrasse-theater-kritik/
#3 dritte republik, Hamburg: IrrgartenReiner Schmedemann 2018-11-24 14:52
Dritte Republik oder Totalirismus
Thomas Köcks neues Stück „Dritte Republik“ wurde am Thalia in der Gaußstr. uraufgeführt und von der Kritik unterschiedlich bewertet. Ich als Theaterbesucher habe zunächst den Theaterzettel gelesen und da wurde mir durch ein Zitat von Yascha Mounk („Wir werden es nicht schaffen, die Antriebskräfte des Populismus wirklich zu meistern und die Populisten werden es Generation um Generation versuchen unser System zu untergraben. Das System wird – über 20, 40, 60 Jahre langsam zu Grunde gehen. Das ist die Gefahr, die mich nachts wachhält.“) klar, dass es um Gefahr des Populismus und totalitäre Staatssysteme gehen wird. Der Abend beginnt mit Nebelschwaden, was bei mir sofort die Assoziation der Vernebelungstaktiken der Politik wachrief. Der Einsatz der Windmaschine machte Hoffnung auf frischen „politischen“ Wind doch die Vernebelung wurde noch drastischer und erfasste den gesamten Raum. Für mich war klar dieser Abend wird uns in den Abgrund führen. Das Spiel wurde beherrscht durch kafkaeske Sprachtriaden und surreale Bilder, die wie die Teile eines Puzzles durch den Zuschauer zusammengesetzt werden mussten. So blieb es dem Zuschauer überlassen zu definieren, was ist relevant und was ist irrelevant und geht es uns nicht ähnlich in der Überflutung mit News and Fake-News? Das Regieteam Jach/Köck platzierten uns für ca. 120 Minuten in diesem Irrgarten geschichtlicher, tagespolitischer und persönlicher Informationen. Von Szene zu Szene wird das Geschehen kafkaesker und surrealer in der Bildsprache und die Ausweglosigkeit wächst. Das Stück ist eine Parabel auf den weltweit aufkeimenden nationalstaatlichen Neoliberalismus, der letztendlich in einem totalitären System endet. Barbara Nüsse soll als Landvermesserin das Land neu vermessen und trifft auf den Kutscher (Björn Meyer). Beide bilden ein ungleiches Paar, feingliedrige Intellektualität versus massive körperliche Naturgewalt. Sie irren, suchen ziellos ohne Orientierung, wie der moderne Mensch im Blätterwald der Informationen. Während ihrer Odyssee begegnen sie einer blinden Fallschirmspringerin (Victoria Trauttmansdorff), einem Sanatoriums Patienten (Bekim Latifi) der für seinen perfekten BMI kämpft, einem suizidalen Reeder (Tilo Werner) und einem Chor der Gehilfinnen. Das Ensemble glänzte in seinen Rollen und verhalf der Inszenierung zu starken beeindruckenden Bildern, die die Situationen unserer Zeit messerscharf karikierten, aber als Teile eines Puzzles fungierten. Alles dubios bis clownesk, so dass der Betrachter leicht verführt wurde, hinter dem Spaß den bitteren Ernst zu vergessen. Die Dialoge der Handelnden waren fast ausschließlich monologischer Art, was verdeutlichte, dass es kein gemeinsames Verständnis gab. Ein zentrales Thema war Krieg und wenn dieser nicht auf dem Schlachtfeld stattfand, dann in der politischen und ökonomischen Vernichtung des Mitstreiters. Frieden war nur eine trügerische Hoffnung, die nur zu noch brutaleren Kriegen führte. Es war eine Parabel über die ungebrochene Macht des Populismus und seines Bestrebens nach diktatorischen Staatssystemen und der Vernichtung der Demokratie. Wie schleichend kam diese Gefahr im Laufe von 2 Stunden auf den Betrachter zu und ähnliches droht in der Realität, wenn wir Betroffenen nicht aufwachen. Die Geschichte hat es oft genug gezeigt. Für mich eine gelungene Inszenierung, die ihren Eindruck durch kafkaeske, surreale Bilder entfaltete und deutlich machte welche Gefahren in episodenhaften News und Fake-News liegen.

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