Tschechow Stroganoff

von Sascha Westphal

Düsseldorf, 10. November 2018. Vielleicht ist das alles nur ein großes Missverständnis. Vielleicht waren die Erwartungen angesichts des Ruhmes von Barbara Bürks und Clemens Sienknechts Trilogie zu berühmten Seitensprüngen der Weltliteratur schlicht zu groß. Vielleicht hängt es auch nur an Kleinigkeiten, die sich so oder so interpretieren lassen. Der erste Satz im Programmheft befeuert zumindest Hoffnungen: "'Wonkel Anja – Die Show!' ist eine Liebeserklärung." Liebeserklärungen sind in einem Theater, das sich gerne politisch und postdramatisch gibt, zu einer Seltenheit geworden. Sie erfordern eine hemmungslose Sentimentalität, die sich eher schlecht verträgt mit einem kunstvoll gebrochenen Blick auf Stücke wie auf die Wirklichkeit.

Sehnsucht nach gestern

Dass Dekonstruktion und Einfühlung, Ironie und Liebe, dennoch Hand in Hand gehen können, hat das Regie-Duo Bürk und Sienknecht mit seinen Abenden nach bürgerlichen Klassikern von Fontane bis Flaubert und Tolstoi "allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie" bewiesen. Außerdem scheint die tragikomische Welt der Tschechow'schen Stücke, in denen haltlose Träumer das Leben an sich vorbeiziehen lassen, wie geschaffen für Bürks und Sienknechts aus der Zeit gefallenen Theaterkosmos, in dem musikalische und modische Verirrungen der 1970er und 1980er Jahre einen unwiderstehlichen Charme entfalten.

So ist es zunächst auch in Düsseldorf. Das Fernsehstudio, das Anke Grot auf die große Bühne im Central gestellt hat, weckt mit seiner gelben Couch und seiner eher unauffälligen Showtreppe, seiner höher gelegenen Minibühne im Fernseherformat und all seinen abgerundeten Designelementen sehnsüchtige Erinnerungen an die großen Fernsehshows der alten Bundesrepublik.

WonkelAnja2 560 MatthiasHorn uEinmal durchgedreht. Das Düsseldorfer Ensemble spielt bundesdeutsches Showfernsehen der 1970er Jahre nach © Matthias Horn

Eine wohlige Nostalgie überkommt einen beim Gedanken an Sendungen wie "Einer wird gewinnen" und "Dalli Dalli", "Der große Preis" und "Wetten dass...?", in ihrem Mix aus absurden Spielen und der Huldigung des bürgerlichen Bildungskanons. Natürlich waren all diese Shows reiner Eskapismus. Aber im Rückblick haftet ihnen etwas Unschuldiges an, selbst wenn man weiß, dass einige ihrer Moderatoren damals nicht nur die Grenzen des sogenannten guten Geschmacks überschritten haben.

Die Marotten der Moderatoren

Mit dem Hang zur Verklärung des Vergangenen spielen Bürk und Sienknecht, wenn sie in der "Wonkel Anja"-Show fünf ziemlich weltfremd wirkende Kandidaten zentrale Momente und Szenen aus "Onkel Wanja" nachspielen lassen. Insofern könnte ihre Tschechow-Überschreibung gleich eine doppelte Liebeserklärung sein, an die Vergeblichkeitsclowns des russischen Dramatikers und an die öffentlich-rechtliche Abendunterhaltung von anno dazumal.

Aber von Liebe ist so recht keine Spur, wenn Clemens Sienknecht den Moderator Schietmar Dönherr gibt. Dieser selbstgefällige Entertainer, der keiner Kandidatin und keinem Kandidaten auch nur für einen kurzen Moment zuhört, der sich nicht einmal den Namen seines Hausmusikers merken kann und der mit Vorliebe sexistische Witze auf Kosten seiner Assistentin Bibi Vach macht, vereint zwar die Eigenschaften und Marotten verschiedener früherer Show-Moderatoren in sich. Aber als Hommage an sie geht er trotzdem nicht durch. Dafür ist Sienknechts Spiel viel zu denunziatorisch.

WonkelAnja1 560 MatthiasHorn uTeekanne für Teekenner. Die Düsseldorfer machen auf Russisch © Matthias Horn

In Stücken von Tschechow wäre so eine Figur nahezu unvorstellbar. Selbst der weinerliche und egozentrische Professor Serebrjakow beweist noch eine gewisse Größe. Tschechows Blick für die Schwächen der Menschen ist unbestechlich, aber keineswegs unbarmherzig. Bürk und Sienknecht blicken dagegen von oben herab auf die alten Fernsehshows und geben sie schon durch Schietmar Dönherrs absolut willkürliche Entscheidungen, wer von den Kandidaten wie viele Punkte bekommt, der Lächerlichkeit preis.

Extreme Überzeichnung

Schon die Grundidee dieser Inszenierung, die auf dem Papier noch schlüssig wirkt, erweist sich bald als Fehlkalkulation. Die Show-Kandidaten mögen sich wie Tschechows Figuren an brüchige Illusionen klammern, aber diese Gemeinsamkeit reicht letzten Endes nicht aus, um die eine Welt mit der anderen kurzzuschließen. Wenn die von Thiemo Schwarz, Claudia Hübbecker, Torben Kessler, Thomas Wittmann und Hanna Werth gespielten Showteilnehmer in ihre "Onkel Wanja"-Rollen schlüpfen, werden sie immer wieder zu extremen Überzeichnungen genötigt. Sie spielen Tschechow und zerstören ihn zugleich.

Dabei haben sie durchaus das komödiantisch-melancholische Potential für einen "Onkel Wanja". Vor allem der von Thomas Wittmann gespielte Günther, ein ständig zaudernder, so ziemlich alles falsch machender Versicherungsangestellter, erweist sich als Idealbesetzung für die Rolle des gescheiterten Professors. Wittmann gelingt, woran Bürk und Sienknecht scheitern. Seine Figur wächst einem gerade aufgrund ihrer Fehler und Schwächen ans Herz. Zudem versöhnt er die beiden Welten dieser Inszenierung, die sonst eben nicht zusammenkommen. Jenseits seiner wahrhaft Tschechow'schen Komik bleiben von "Wonkel Anja – Die Show!" nur die typischen Bürk/Sienknecht-Zutaten übrig, also die vertrauten Medleys mit Songs der 70er und 80er und die absurden Werbespots für abstruse Produkte wie ein Fertiggericht namens "Nudeln Stroganoff".

 

Wonkel Anja – Die Show
von Barbara Bürk und Clemens Sienknecht
nach Anton Tschechow
Regie: Barbara Bürk, Clemens Sienknecht, Bühne und Kostüm: Anke Grot, Musikalische Leitung: Clemens Sienknecht, Licht: Björn Salzer, Carsten Sander, Dramaturgie: Robert Koall.
Mit: Thiemo Schwarz, Claudia Hübbecker, Torben Kessler, Thomas Wittmann, Hanna Werth, Clemens Sienknecht, Lieke Hoppe, Friedrich Paravicini.
Premiere am 10. November 2018
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.dhaus.de

 

Kritikenrundschau

"Das ist ein intelligentes Vergnügen“, schreibt Dorothee Krings von der Rheinischen Post (online: 11.11.2018). "Hinter Rateshows und dem Tschechowschen Einerlei der Provinz lauere die Leere des Seins, die Möglichkeit, dass alles Streben des Menschen sinnlos sei. "Indem die Wonkel-Show Kandidaten zeigt, die sich in absurden Spielen abrackern, erzählt sie hinter all dem Gebuzzer, Gekicher und Geplauder von der Zumutung des Menschseins." Das mache diesen Abend so tragisch und so komisch. "Genau wie bei Tschechow."

Tschechows Geschichte sei klug gebündelt und gekürzt worden – und komme so stark, so emotionsreich, so gehaltvoll rüber, wie das in traditionellen Inszenierungen oft nicht gelinge, so Peter Claus auf Deutschlandfunk Kultur (10.11.2018). Er erkannte "hochintelligente Unterhaltung voller Gehalt". "Die gestischen und mimischen und die sprachlichen Mittel sind vom Feinsten, wie der ganze Abend, Inszenierung, Spiel, Ausstattung, Musik." Das Tragische werde nie von der Komik niedergetrampelt.

Von tschechowscher Stimmung bleibe nur wenig übrig, bemerkt hingegen Christian Oscar Gazsi Laki in der Westdeutschen Zeitung (12.11.2018). Tschechows Komödie finde den nötigen Platz um kenntlich zu werden, doch der Konnex zur Spielshow bleibe brüchig. "Alle singen, tanzen und das teilweise mit reichlich Pfiff. Das alles ist sehr unterhaltsam, hat aber auch an einigen Stellen Längen."

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