Für immer auf der Bühne oder "Draußen ist der Tohohood"

von Sabine Leucht

München, 16. November 2018. Ein leerer Sessel steht in einem leeren Raum. Über ihm senkt sich ein breiter Trichter herab, aus dem Kunstschnee rieselt. Weiße Flocken vor schwarzem Hintergrund tanzen im kalten Licht, bevor Hamm und Clov die Bühne des Münchner Residenztheaters betreten und ihr ewiges "Endspiel" beginnen, das keinen Sieger und keinen Verlierer kennt, seit es Samuel Beckett 1956 fertiggestellt hat. Der hat dem immobilen und blinden Herrn einen Rollstuhl und dem hinkenden, aber zur Dauerbewegung verdammten Diener eine Leiter vorgeschrieben, auf die Clov immer wieder aufs Neue klettert, um Hamm zu berichten, wie es außerhalb der Zufluchtsstätte aussieht, die sie nach dem Ende von allem bewohnen. Keine Menschen gibt es mehr, keine Sonne, keine Pralinen, kein Beruhigungsmittel und keine Särge. Nichts. So weit O-Ton Beckett.

Regisseurin Anne Lenk und ihre Bühnenbildnerin Judith Oswald haben in München sogar noch auf Rollen unter Hamms Sessel, Leiter und Fenster verzichtet. Selbst den Stoffhund spielt Franz Pätzolds Clov selbst. Und wenn er vorgibt, Oliver Nägele als Hamm über die Bühne zu fahren, macht er mächtig Radau und zuppelt an Nägeles Haar herum, um den Fahrtwind zu simulieren. Die nicht vorhandenen Leitern schleppt er zu nicht vorhandenen Fenstern, klettert pantomimisch hinauf und legt seine Hände als Fernglas um die Augen.

Das End-spiel spielen

Passend zum Motto "Spielen", mit dem Intendant Martin Kusej seiner Abschlusssaison in München überschrieben hat, setzt Lenk ganz auf das Spiel-Motiv in "End-Spiel". Selbst die Konturen des Raumes werden durch Clovs Aktionen bestimmt, der die Tür zur Küche auf immer gleiche Art öffnet: Klinke drücken, über die Schwelle treten, dem eigenen Hintern einen Klaps verpassen und mild erschrecken: Hoppla! Dann bleibt er auf der anderen Seite mit verschränkten Armen stehen. Zu sehen ist er allerdings weiterhin, weil es weder die Tür noch die Schwelle noch Wände auf der Bühne gibt, sondern nichts als den über der Szene hängengebliebenen schneespendenden Trichter: Ein schwebendes Dach oder ein fast bühnenbreiter Kaminschlot, durch den die ganze Chose darunter verdampfen würde, entschlösse sich einer dazu, ihr den Garaus zu machen. Aber das passiert ja nicht.

Endspiel2 560 Thomas Aurin u© Thomas AurinDass man permanent sieht, wie Clov dem blinden Hamm etwas vorspielt, scheint das Machtgleichgewicht zugunsten Clovs zu verschieben. Und in der Tat ist er es, der am Anfang das Licht an- und am Ende auszaubert, aber er "klettert" auch brav jedesmal die Leiter bis ganz nach oben, obwohl er mit Hamm alleine ist. Die beiden brauchen einander, weil sie wechselseitig ihr einziges Publikum sind und voneinander Resonanz erwarten. "Wozu diene ich denn?" fragt Clov einmal. "Um mir die Replik zu geben", antwortet Hamm.

Besessen, nicht verloren

Unter der Bodenluke, dort, wo das Theater gerne seine Überraschungen versteckt, haust das Publikum zweiter Klasse: Hamms alte beinlose Eltern Nagg und Nell, die als Reminiszenz an die hier ebenfalls gestrichenen Mülltonnen in schwarzen Abfalltüten stecken, die sie bis zur Brust hochziehen. Darüber aber sind Manfred Zapatka und Ulrike Willenbacher Kreaturen aus weiß-rosa Zuckerwatte, deren Hälse von steifen Reifen gehalten werden. Hat Beckett in seiner eigenen Inszenierung des "Endspiels" offenbar besonderen Wert darauf gelegt, dass alle Requisiten und Kleider abgerockt und fleckig aussehen, wirken die Kostüme hier nagelneu und regelrecht geschichtslos. Wie übergezogen fürs Spiel. Pätzold trägt sauber gekrempelte Hochwasserhosen über seinen Badelatschen und eine zugleich fettig wie gebügelt aussehende Perücke über einem Gesicht, das sich den linkischen Verschiebungen von Clovs Körper mit schiefem Grinsen und seltsam geschürzten Lippen anverwandelt.

Endspiel1 560 Thomas Aurin u © Thomas Aurin Nägele trägt über einem recht properen grauen Anzug eine Promenadenmischung aus Fake-Hermelin und Morgenmantel. Er ist ein erstaunlich vitaler König der Hoffnungs- und Zukunftslosigkeit, der mehrfach behaglich gähnt, als er erstmals das Zepter übernimmt - "Also, ich bin dran. Jetzt spiele ich" -, der in den höchsten Tönen kichert, haltlos wie ein Kind greint und dem tendenziell immer flüchtigen Clov mit Schauermärchenstimme einheizt: "Draußen ist der Tohohood!" All das ist glänzend gespielt, mit viel Gespür für Details inszeniert und weit mehr als eine Pflichtaufgabe in Hochkulturpflege, berührt aber seltsamerweise kaum. Vielleicht weil man das Stück schon zu oft gesehen hat? Oder eher, weil Clov und Hamm über weite Strecken weniger verloren als besessen wirken und hier ein existenzielles zum reinen Theaterthema verkleinert wird, bei dem der Mime im Zentrum steht, der lieber endlos auf der Bühne vor sich hinstirbt als rechtzeitig abzutreten.

 

Endspiel
Von Samuel Beckett
Deutsch von Elmar Tophoven
Regie: Anne Lenk, Bühne: Judith Oswald, Kostüme: Sibylle Wallum, Licht: Markus Schadel, Musik: Maximilian Loibl, Dramaturgie: Andrea Koschwitz.
Mit: Oliver Nägele, Franz Pätzold, Manfred Zapatka und Ulrike Willenbacher.
Premiere am 16. November 2018
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.residenztheater.de

 

Oft wird es nicht mehr gespielt das Endspiel von Samuel Beckett. Entsprechend selten taucht es in den jüngeren Jahrgängen des nachtkritik-Archivs auf. Die beiden letzten "Endspiele", die wir besprochen haben, inszenierten Dieter Dorn am Burgtheater in Wien im Juli 2016 und Robert Wilson im Dezember 2016 am Berliner Ensemble.

In der Mailänder Scala hatte fast zeitgleich die Oper Fin de Partie von Gyögy Kurtág in der Inszenierung von Pierre Audi ihre Uraufführung. Der Standard aus Wien berichtet. Ebenso der Zürcher Tages-Anzeiger.

 

Kritikenrundschau

"An­ne Lenks Inszenierung endet, wo sie be­gon­nen hat, doch das ist: im Thea­ter. Das stört die­ses 'End­spiel'", schreibt Te­re­sa Grenz­mann in der FAZ (19.11.2018). Die Le­bens­il­lu­si­on scheint die Regisseurin als Thea­ter­il­lu­si­on ent­lar­ven zu wol­len – und ent­ziehe dem ab­sur­den Dra­ma den Bo­den. "Die im nur ein­ein­halb­stün­di­gen Abend auf Tem­po, (da­mit) oft auch Lo­gik ge­brach­ten Re­pli­ken ge­ben dem Zu­schau­er kaum Zeit, die Hass-Lie­be von Hamm und Clov zu ver­ste­hen – we­der die zu­ein­an­der noch die zu ih­ren Zeit­ver­treib-Ri­tua­len." Statt­des­sen schla­gen an der Ober­flä­che der Spra­che die Poin­ten ein und an der Ober­flä­che der Hand­lun­gen die Ver­wei­ge­run­gen.

Dieses "Endspiel" erweise sich am Ende einfach als Spiel, schreibt auch Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (19.11.2018). Aus vergangenen Tagen habe man noch Aufführungen im Kopf, "die sich abrangen an Metaphern für etwas Großes, die existenzialistische Härte suchten". Inzwischen komme einem eher der Gedanke, dass der Mensch eh schon viel kaputt gemacht hat, auch ohne großen Knall. "Und so spielt man halt eine Parodie eines vergangenen Lebens." Das schnurre alles in froher Heiterkeit ab, "einzig Hamms und Clovs Monologe sind die rätselhaften Stillstände, die sie nun einmal sind". Fazit: "Zurück bleibt ein dankbares Publikum, das sich über Lenks und Becketts Feier des Theaters freut und langen Applaus spendet, in dem der junge Pätzold den alten Nägele umarmt wie einen alten Freund. Und wenn auch sonst nichts bliebe von diesem Abend, wegen dieser Geste hat sich das Theater schon gelohnt."

Selbstmitleid wie mitleidlose Herrscherattitüden sind großartige Schauspielnummern wie das gesamte Zusammenspiel von Oliver Nägele und Franz Pätzold, schreibt Aber das ist auch die entscheidende Schwäche dieses Endspiels. Auf den ersten Blick ist es eine zauberhaft altmodische Interpretation eines modernen Klassikers. Das Gegenwärtige an den gut eineinhalb Stunden ist aber vor allem die in jüngerer Zeit in den Theatern ausgebrochene Egozentrik." Denn das Theater sei sich hier selbst genug und verliere sich in intensivem Selbstgespräch.

 

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