Alles muss raus

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 17. November 2018. "Cancel your plans", warnt Yosi Wanunu. Er wisse nicht, wie lange das "dress rehearsal" dauern wird. Heute Abend noch ohne Kamera, aber mit Publikum, wir werden instruiert: Lachen bei rot-blinkendem "laughter", klatschen bei "applause". Das machen wir gut. Sitzen vor einer von Paul Horn ins WUK gebauten Sitcom-Bühne. Der Flachbildschirm im Zimmer am rechten Rand – ein Büro der Werbeagentur Critical Mass – fällt aus. Während die Techniker werkeln, gerät Wanunu in eine Diskussion mit dem Publikum: Dieses technische Gebrechen, ist's blöd passiert oder eine Bühnen-Reality-Show?

Alles geht, Hauptsache komisch

Jedenfalls steht Wanunu, in Israel geboren, in New York einst Mitglied von Richard Foremans Ontological-Hysteric Theatre, 1997 nach Wien gekommen, Begründer der Freien Gruppe toxic dreams und jetzt Regisseur der toxic dreams-Produktion "The Bruno Kreisky Lookalike", als Regisseur Wanunu auf der Bühne und dirigiert die Szenen.

Kreisky1 560 toxicdreams uVorne von links: Stephanie Cumming, Susanne Gschwendtner, Markus Zett, Anna Mendelssohn, hinten von links: Dominik Grünbühel, Anat Stainberg, Isabella-Nora Händler  © Tim Tom

Drei Episoden einer Sitcom werden "geprobt", Produktionsweisen ausgestellt. Wanunu kommentiert und regieanweisiert, zwischendurch freundschaftliches Genuschel unter den Schauspielenden. Charaktere verhalten sich und Dialoge verlaufen sitcom-stereotypisch, nach Unterbrechungen setzen die Spielenden das Spiel haarscharf dort fort, wo es aus war. Zum Beispiel mitten im exaltierten Gelächter. So eine Sitcom, das ist ja was Statisches, Figurenentwicklung eher unwahrscheinlich, Authentizität ausgeschlossen. "This is why you can introduce any topic to a sitcom as long as the characters are engaging and the dialogue is funny", sagt das Programmheft.

Verkaufen mit Kreisky

Um ein Reinigungsmittel zu bewerben, verfällt Sarah Kaufmann, Chefin von Critical Mass, der Idee, eine authentische, eine glaubwürdige Persönlichkeit als Testimonial aufzubauen. Ein Bruno Kreisky Lookalike muss her. "Look like what?", ist der Running Gag dazu. Anna Mendelssohns Auftritte als Kaufmann sind großes Tough-Love-TV. In immer anderen extravaganten Business-Outfits greift sie sich den Raum, hält Verkaufen für so geil, dass der Körper mit den Ideen davon galoppiert und bleibt streng, auch wenn sie tröstet. In Hermann Swoboda findet Kaufmann den gesuchten Kreisky. "Umverteilung, Solidarität, Chancengleichheit und Gemeinschaft", damals wollte die Sozialdemokratie halt noch was.

Kreisky2 560 toxicdreams uAnna Mendelssohn, Markus Zett, Isabella-Nora Händler © Tim TomDiesen Swoboda – erst phlegmatischer Versicherungsmakler, dann agile Kreisky-Persona – spielt Markus Zett. Mit Susanne Gschwendtner, die als seine Frau Eva Braun (!) in jeder Szene eine neue Politiker*innen Biografie liest, sitzt Zett im swobodaischen Wohnzimmer und guckt die gedrehten Werbefilme. Links ein Kamin, hinten eine Treppe, rechts eine Wohnungstür; das ganze Reality-Arrangement ist da. Noch weiter links auf der Bühne befindet sich die Praxis der Psychoanalytikerin Dora Hartmann. Da kauert Zett auf der Chaiselongue und findet sich selbst. Nicht. Anat Stainberg, immer mit Blick auf die Uhr, entwickelt diese pedantische Hartmann zur Vatermörderin: Das mit Freud war Bullshit. Bekennt sie. Penisneid ist eine Erfindung des Patriarchats und wir werden von "apes" zu "humans" zu "celebrities". Weil Swoboda sich mehr und mehr mit Kreisky identifiziert und in dieser Identifikation Erleichterung findet, nicht in der Suche nach dem "true self", habe sie ein Buch geschrieben, "The man with someone else's qualities".

Everything is for sale

Solange es beim Werben um Putzmittel und Parfum geht, kann Swoboda die Inhalte mit seiner Persona vereinbaren. Zum Beispiel: Bundeshymne, Österreich-Fahnen, Zett vor Holzvertäfelung, "the best of two worlds" – das ist ein Spot für einen Schnitzel-Burger bei McDonalds. "The worst of one world" – Sebastian Kurz und Donald Trump sind dafür Folie. Politik gibt’s nicht, nur Polit-Theater als umsatzsteigernde Maßnahme. Als nächstes soll Swoboda/Kreisky für Reisen nach Israel werben. Schwierig, findet Swoboda. Kreisky, 1911 in eine wohlhabende, assimilierte jüdische Familie in Wien geboren, war von 1970 bis 1983 österreichischer Bundeskanzler. Er war DER sozialdemokratische Bundeskanzler. Seine antisemitischen und israel-kritischen Äußerungen – "he was pro-palestinian before it became fashionable" – machen Kreisky für Kaufmann zum optimalen Werbeträger. Es geht nämlich um Abenteuerreisen: "follow the gun – come to Israel". Und das "I" von "Israel" ist eine Bombe.

Bilder von Panzern, Soldat*innen und Sperranlagen zum Westjordanland verwirren die Harmlosigkeit der Sitcom. In der Werbeagentur übertrumpfen sie sich mit Ideen. Wie Israel noch monströser darstellen, damit der Kriegstourismus ordentlich funkt? Oder doch lieber auf Schuld setzen, um Tourist*innen mit nationalsozialistischen Vorfahren als Geldquelle für den israelischen Siedlungsbau ins Land zu holen? "Everything is for sale. Even Israel" und "Laughter". Puh. Der Satz vom im Hals stecken gebliebenen Lachen schreibt sich immer so leicht. Wenn's mal wirklich passiert, dann kratzt's (nicht im Hals, sondern) im Hirn. So eine Sitcom, das kann ja was krass Komplexes sein.

 

The Bruno Kreisky Lookalike. A Sitcom in 10 Episodes: Episode 1-3
von toxic dreams
Text und Regie: Yosi Wanunu, Produktion: Kornelia Kilga, Bühne: Paul Horn, Musik: Michael Strohmann, Video: TimTom, Michael Strohmann, Maske: Marietta Dang, Regie- und Produktionsassistenz: Shabnam Chamani.
Mit: Markus Zett, Susanne Gschwendtner, Anna Mendelssohn, Isabella-Nora Händler, Dominik Grünbühel, Stephanie Cumming, Anat Stainberg.
Premiere am 17. November 2018
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.wuk.at

 

Kritikenrundschau

"Eine ebenso hochkomplexe wie unterhaltsame Polittheatershow“ sei toxic dreams gelungen, schreibt Angela Heide in der Wiener Zeitung (19.11.2018). "Hier stimmt einfach alles", zeigt sich die Kritikerin begeistert: "großartige Besetzung, Plot, Setting und Timing. Und natürlich das 'genüsslich bissige' Vorabend-Comedy-Feeling inklusive zweideutiger 'Lacher' und herrlich 'unkorrekter' Dialoge."

Ein "großer Spaß" ist die live hergestellte Sitcom auch für Katrin Nussmayr von der Presse (20.11.2018): "Man sieht Darstellern zu, wie sie äußerst spielfreudig eine liebevoll verblödelte Sendung mit schlechten Scherzen basteln". Hermann Swoboda (Markus Zett), "ein mittelalter verheirateter Österreicher in all seiner klischeehaften Durchschnittlichkeit", erwecke im Auftrag der Werbeagentur "seinen inneren Altkanzler". toxic dreams – "eine Gruppe, die formellen Experimenten und popkulturellen Späßen immer schon zugetan war" – stelle "die Personifizierung der 'alten‘ Sozialdemokratie" in den "kommerzialisierten Kontext der Produktwerbung". Und da gilt für Nussmayr: "Ja, eh: Man kann politisch schon etwas herauslesen, wenn man will."

 
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