Ein Sportstück

von Henryk Goldberg

Rudolstadt, 17. November 2018. Pink, alles ertrinkt in Pink. Und was hier getrunken wird, das ist gewiss gesund. Die Gerätschaften zur Leibesertüchtigung sind bunt, die Palmen hoch und die Sporttreibenden bescheuert. Die Bedienstete des Fitnessstudios verteilt Handtücher, die einlaufende Joggerin wird – nachdem sie noch ein bewundernswertes Seilspringen nachgelegt -, da eingehüllt. Geschafft, wieder ein Stückchen fitter für das survive of the fittest. Der nächste trägt goldene Boxershorts. Und der übernächste Jeans und Pudelmütze, der muss anders sein als die anderen. Er heißt Alceste und er hasst diesen ganzen Scheiß.

Gewiss, Molieres Komödie ist nicht nur ein Stückchen Selbstporträt des Autors – er spielte diese Rolle mit seiner Frau auf der Bühne, sie spielte mit ihm im wirklichen Leben –, sie ist auch die Beschreibung eines vermutlich unaufhebbaren Zustandes von Gesellschaften und Menschen. Aber im Eigentlichen ist es eine Komödie. Und also etwas für Schauspieler. Aber man muss sie auch ihre Arbeit machen lassen.

Rosaroter Optimierungskampf

Und genau das tut Bettina Rehm nicht. Sie will die dicke fette Gesellschaftskritik und verschenkt die Komödie, wo doch, wenn, das gelingende Spiel das Übrige schon bewirkte. Aber hier wollen sie die Gegenthese zu dem Mens sana in corpore sano visualisieren. Swana Gutke hat dieses Fitnessstudio aus dem Hause Barbie & Ken gebaut, Julia Hattstein für die darin turnenden Toren die Kostüme entworfen und alles ruft uns kräftig zu: Schaut nur, wie blöd die sind.

Menschenfeind2 560 Lisa Stern uIm Hause Barbie & Ken: "Menschenfeind" in Rudolstadt © Lisa Stern

Wenn der Berichterstatter sich nämlich das Studio einmal wegdenkt, was ihm nicht sonderlich Mühe macht, dann bleibt da: nichts. Weil außer diesem wir-müssen-uns-ständig-optimieren-Quark, der gleichsam auch in Pink geboten wird, entstehen hier kaum Figuren und Beziehungen, da gibt es selten Partnerspiel und Spielimpulse, wenn einer spricht, dann kommt der Impuls häufiger aus dem Textbuch als aus der Situation.

Es liegt nicht an den Schauspielern, die sah der Berichterstatter alle schon bei richtiger Arbeit, es liegt auch nicht an der hier erstmals gespielten Übersetzung von Rainer Kirsch, die ist sprachlich anspruchsvoll und weiß mit fröhlich-dreistem Witz zu knattern – "Denn meiner Seele mangelt es an Größe/ dass sie zum Waldschratdasein sich entschlösse". Es liegt an der Regie. Mit ihrer Weise ernsthaft zu sein, treibt Bettina Rehm dem Moliere die Komödie weitgehend aus.

Verschenkte Komik

Zuerst dem Menschenfeind Alceste. Der muss zwar nicht, wie alle, die die Regisseurin mag, ans Turngerät, jedoch er darf auch nicht genießen, was doch der Autor Molière dem gleichnamigen Schauspieler schenkte: Eine Rolle, die grotesk und traurig ist, eine Figur, die zu bewundern ist und zu belachen. Johannes Geißer muss hier den vollkommen unkomisch verbissen Alternativen machen, vollkommen humorlos. Sicher, die Figur hat keinen Humor, aber unser Blick auf sie sollte ihn haben.

Menschenfeind3 560 Lisa Stern Katerstimmung in der Wellness-Oase: die Bedienstete (Laura Bettinger) und Celimene (Anne Kies)
© Lisa Stern

Wenn er später den bösen Brief gelesen hat, muss er sich schluchzend krümmen und unsereins sich fragen, ob diese Albernheit ernstlich so gemeint ist. Die Regisseurin wird vermutlich insistieren, diese Figur ernst zu nehmen. Gewiss, indessen: Wer eine Figur, die Moliere schrieb und spielte ernst nehmen will, der muss auch ihre Komik als etwas Ernsthaftes verstehen.

Grabschen nach Männerart

Dann Celimene. Anne Kies, auch sie vom Sport befreit, ist von fröhlicher Lässigkeit, charmante Koketterie. Sie, das sieht man schnell, ist der Regisseurin liebstes Kind, keine Schlampe, keine Schnepfe. Und später sehen wir warum, denn die vielflirtende Schlampe ist gar keine. Die Briefe nämlich, die entlarvenden, die schreibt sie selbst und steckt sie der Bediensteten, aus Basque wurde hier Basquette, zu, die sie den Herren in die Bademäntel praktiziert und sie hat sie ja, im Übrigen, nur auf die Schulter geküsst. Woraufhin Laura Bettinger, der erste Ton, der hören macht, ein einsames Lied singt und dann den Typ, der ihr nach Jungensart den Arsch beklapst, lässig auf die Bretter schickt. Denn ab jetzt wird selbst bestimmt.

Wenn die Herren die manipulierten Briefe lesen, dann beobachtet Anne Kies sie gespannt, mit leisem Lächeln, für Alceste hat sie einen warmen Ton. Doch in die Wüste will sie nicht, also geht Johannes Geißer, nach langer, langer Pause ab, niemand will und wird ihm helfen hier. Zurück bleiben die beiden Frauen allein, Celimene nimmt die Perücke an und legt den Kopf in Basquettes Schoß. Die Kerle sind auch zu blöd.

Talk to me

Wenn Oronte sein Sonett vorträgt, dann hat Marcus Ostberg nicht einen Hauch der Albernheit der Figur, und Philinte, Benjamin Peschke, steht herum und weiß nicht, was er spielen soll. Immerhin, Oliver Baesler, Clitandre, ein ins Männliche gewendeter Blondinenwitz, trägt eine ihn gut präsentierende enge blaue Badehose, dazu ein Kettchen von Gold und Jochen Ganser, Acaste, kann einen klasse Handstand. Einmal, da geht Basquette, weil der Gang so kürzer wird, ab in die Sauna. Die gilt vermutlich nur als solche, wenn der Dampf wabert. Man muss halt Zeichen lesen können im Theater.

Im Übrigen wird viel gesprochen und wenig gespielt. Gepflegte Langeweile. "Why dont you talk to me" heißt es in einem der eingespielten Songs – und das könnten auch die Figuren einander fragen und der Berichterstatter sie.

 

Der Menschenfeind
von Molière, aus dem Französischen übersetzt von Rainer Kirsch
Regie: Bettina Rehm, Bühne: Swana Gutke, Kostüme: Julia Hattstein, Dramaturgie: Johannes Frohnsdorf.
Mit: Johannes Geißer, Benjamin Petschke, Marcus Ostberg, Anne Kies, Marie Luise Stahl, Manuela Stüßer, Jochen Ganser, Oliver Baesler, Laura Bettinger, Joachim Brunner.
Premiere am 17. November 2018
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, eine Pause

www.theater-rudolstadt.de

 

Kritikenrundschau

Ulrike Merkel schreibt in der Ostthüringer Zeitung (19.11.2018): Für Bettina Rehm sei Alceste der "Gegenentwurf zu den Schönheits- und Fitnessfanatikern unserer Zeit", ein Raucher und Süßigkeiten liebender Außenseiter. Folgerichtig lasse sie den Klassiker "im Spa von Beautyqueen Célimène" spielen. Die Inszenierung lebe vom "spannenden Gegensatz zwischen alter gereimter Dichtkunst und heutiger Verortung". Das wirke sonst oft plump, Rehms "Wellnessoase" sei jedoch eine "intelligente Entsprechung". Zwar hätte man sich gewünscht, dass sich die Schauspieler "spielerisch noch etwas mehr austoben", trotzdem gerate der Abend "vor allem Dank des Ensembles kurzweilig".

 

 
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