Aus dem Drückebergerlateinischen

von Christian Rakow

22. November 2018. Bei Debütanten breitet man gemeinhin erstmal einlässlich die Vita aus. Das erübrigt sich in diesem Falle. Burghart Klaußner gehört zu den vielleicht zwei Dutzend Schauspielerinnen und Schauspielern deutscher Zunge, die man gefühlsmäßig irgendwie auf dem roten Teppich bei den Oscars verortet. Oder wenigstens mit einer Plakette auf dem Berliner "Boulevard der Stars". Als gestrenger Pfarrer in Michael Hanekes "Das weiße Band" hat er Filmgeschichte mitgeschrieben. Er arbeitete an Peter Steins Schaubühne und am phantomschmerzhaft vermissten Berliner Schillertheater, ist "Faust"-Preisträger (2012, für seinen Willy Loman im Hamburger "Tod eines Handlungsreisenden") und stand fünfmal auf den Brettern des Berliner Theatertreffens, zuletzt 2011 als König Philipp II. im Dresdner "Don Carlos".

Cover KlaussnerMan dürfte die Meriten des Schauspielers, Hörbuchsprechers, Sängers und Gelegenheitsregisseurs lange ausführen. Muss man an dieser Stelle aber nicht. Denn die Erzählung "Vor dem Anfang", die Klaußner nunmehr in der Rolle des Romanciers vorlegt, ist schmal. In den letzten Weltkriegstagen im April 1945 werden zwei Wehrmachtssoldaten noch einmal auf eine halsbrecherische Mission geschickt. Zuletzt sah es für sie eigentlich ganz gut aus. Schultz war nach einem Steckschuss in Ostpreußen in die Heimat verlegt worden und vollständig genesen. Fritz hatte die Front überhaupt noch nie gesehen. "Nun war er mit seinem Drückebergerlatein am Ende", heißt es, ehe die beiden beordert werden, eine Kasse mit 750 Reichsmark ins Luftfahrtministerium zu bringen. Also mitten hinein in den Kessel von Berlin.

Mit Glück, Geschick und einem Schuss Schildbürgerei meistern die zweckgemeinschaftlich Verbundenen verschiedene Notlagen, verlieren sich irgendwann aus den Augen, und auch der Erzähler entscheidet sich, in der zweiten Buchhälfte nur noch Fritz weiter zu verfolgen.

Hier und da meint man, einen Hauch von Schweijk'scher Überlebenspfiffigkeit in dem Geschehen zu verspüren. Aber zu einem kräftigen Atemstoß wächst er nirgends an. Wohl auch, weil Klaußner in der Figur des Fritz Erlebnisse seines Vaters verarbeitet. Und familienhistorische Interessen mixen sich selten mit gepfefferter Satire.

In einer nüchternen Prosa, die mit zunehmender Textdauer an Sicherheit gewinnt, manövriert Klaußner seine Figur Fritz durch die Trommelfeuer und Ruinenfelder entlang der Frontlinie. Eher pflichtschuldig wirken die Rückblenden in die Vorkriegsgeschichte, in der Fritz vor allem als Segelenthusiast und in einer der einprägsameren Anekdoten auch als kleinbürgerlicher Duckmäuser vor dem faschistischen Antisemitismus erscheint.

Kämpfen oder Kopfeinziehen

Seinem Buch hat Klaußner ein Zitat aus Heinrich von Kleists "Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege" vorangestellt, das ein wenig in die Irre führt, oder vielleicht auch nur eine gravierende Fallhöhe vermessen soll. Denn wo Kleist die eiskalte Gelassenheit und Tapferkeit eines preußischen Reiters im Angesicht der napoleonischen Armee feiert, da bewährt sich Klaußners Protagonist Fritz durch Kopfeinziehen im rechten Moment. "Sein ganzes Leben lang hatte er gekämpft. Doch stets, um von den eigentlichen Kämpfen verschont zu bleiben." Ganz ohne Kampf wird es für Fritz in der Erzählung letztlich auch nicht abgehen, aber selbstredend und dem Sujet gemäß fällt dieses Eintreten ins bittere Endschlachtgetümmel gänzlich unheroisch aus.

"Vor dem Anfang" kommt als Büchlein unprätentiös daher, entwickelt solide seine Plotspannung in der Frage, ob die Hauptfigur schließlich überleben wird, und wäre kaum größerer Besprechung wert, hätte sein Autor nicht auf anderem Felde Bleibendes geleistet.



Vor dem Anfang
von Burghart Klaußner
Kiepenheuer & Witsch, 176 Seiten, 16,99 Euro

 
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