Fall falscher Fakten

22. November 2018. Nachdem vergangene Woche mit Bettina Wagner-Bergelt eine Interims-Intendantin für das Tanztheater Wuppertal eingesetzt wurde, richtet die Wuppertaler Rundschau heute den Blick zurück auf den Konflikt um die fristlose Kündigung der Ex-Intendantin Adolphe Binder im Juli 2018. Die Hintergrundinformationen der Zeitung werfen ein neues Licht auf die Vorgänge zwischen der Stadt Wuppertal, der Geschäftsführung und der Intendanz des Tanztheaters, die Mitte Dezember vor dem Arbeitsgericht aufgearbeitet werden.

Vorwurf: die Intendantin verlangte Vertragseinsicht

Auf einer Liste mit Vorwürfen gegenüber der damaligen Intendantin Adolphe Binder, die Tanztheater-Geschäftsführer Dirk Hesse dem für Tochtergesellschaften der Stadt zuständigen Stadtdirektor Johannes Slawig im Herbst 2017 zukommen ließ, vermerkte Hesse laut Wuppertaler Rundschau, Binder "habe seine übergeordnete Position nicht akzeptiert und sich nicht in das Organisationsgefüge des Tanztheaters einbinden lassen". Zudem habe die künstlerische Intendantin "mehrfach Einsicht in Verträge nehmen wollen", was der Intendantin jedoch "verboten" worden sei.

Analysepapier beschreibt unklare Verhältnisse

Beauftragt mit der Mediation zwischen Hesse und Binder wurde eine Unternehmungsberatung, mit der die Stadt Wuppertal laut eigener Aussage zuvor bereits mehrfach "erfolgreich zusammengearbeitet" hatte. Damit seien "die Regeln der gebotenen Neutralität einer Mediatorin gebrochen" worden, so die Wuppertaler Rundschau. Zudem verfügte die Mediatorin über keinerlei Erfahrungen im Kulturbetrieb, sondern sei als ehemalige McKinsey-Beraterin laut eigener Homepage eine Expertin für Wachstum und Profit. Die Mediation scheiterte, statt dessen habe die Unternehmensberatung Ende Februar 2018 ein Analysepapier zum Tanztheater erstellt, das der Wuppertaler Rundschau laut eigener Auskunft vorliegt.

Darin mache die Beraterin "Sorgen und Zweifel der verschiedenen Abteilungen" des Wuppertaler Tanztheaters transparent: "Klare Verhältnisse existieren demnach ebenso wenig wie ein klar definierter Zukunftsweg", so die Wuppertaler Rundschau in ihrer Auswertung des Analysepapiers. Konflikte zwischen Hesse und Binder sähen die Mitarbeiter laut Beraterin als "Gerangel zwischen Alphatieren", was den "Blick für verbindliche Hierarchien und Zuständigkeiten" verstellte. (In der Leitungshierarchie des Tanztheaters war die künstlerische Intendantin Adolphe Binder dem Geschäftsführer Dirk Hesse unterstellt, dieser ihr gegenüber weisungsbefugt. d. Red.)

Kontrolle durch den Prokuristen

Im Februar 2018 habe die Stadt den Prokuristen Christoph Fries "als rechte Hand für Hesse“ eingestellt, so die Wuppertaler Rundschau. In dessen Mailwechsel mit Adolphe Binder werde offenbar, dass Fries die damalige Intendantin "wie eine Hilfskraft" kontrolliert habe: "Er fordert von ihr Präsenzzeiten fürs Büro ein, verlangt, dass sie sich bei ihm an- und abzumelden hat, auch bei Gastspielreisen beziehungsweise Urlaub hat sie sich unter Vorgabe bestimmter Deadlines (ungeachtet der Zeitverschiebung) bei ihm zu melden." Pressetermine habe Binder nur nach Absprache mit Fries wahrnehmen dürfen. Für "kleinste Beträge" habe Fries Rechenschaft verlangt, so die Wuppertaler Rundschau. Als Binder eine ehemalige Schneiderin des Tanztheaters als Abschiedsgeschenk zu einer Aufführung von Pina Bauschs Stück "Viktor" in London eingeladen habe, weil die Eingeladene viele Jahre die Kostüme für das Stück gearbeitet habe, habe Fries einen "wirtschaftlichen Schaden von 462,80 Euro" kalkuliert.

Als sich Binder gegen dieses Vorgehen gewehrt habe, habe Stadtdirektor Slawig ein "Lösungskonzept" ans Tanztheater Wuppertal geschickt: "Dieses definiert in einer Pyramide die Hierarchie der Leitung: Stadt, Hesse sowie der externe (!) Prokurist Fries, ganz unten Binder." Der Beirat, das zuständige Aufsichtsorgan, sei nirgendwo erwähnt. Schließlich habe der Name der damaligen Intendantin nicht mehr auf Plakaten und Anzeigen des Tanztheaters genannt werden dürfen. Bei den Premierenfeiern der beiden von ihr initiierten Uraufführungen am Tanztheater im Juni 2018 sei Binder ein Redeverbot erteilt worden, so die Rundschau.

Spielplan gezielt verhindert?

Hauptargument gegen Binder bei der fristlosen Kündigung sei der nicht vollendete Spielplan 2018/19 gewesen: er habe "zu viele offene Positionen" enthalten, Tänzer seien nicht konkret benannt worden bzw. gebe es für von Binder ausgewählte Stücke keine passende Besetzung. "Was die offiziellen Vorwürfe verschweigen", so die Wuppertaler Rundschau auf Grundlage des Mail-Wechsels zwischen Prokurist Fries und Adolphe Binder: "Nachfragen zum Budget sowie der mehrfach von Binder geäußerte Wunsch nach einem gemeinsamen Termin zu dem Thema wird seitens der Geschäftsführung nicht nachgekommen."
Wuppertals Kulturdezernent und Beiratsmitglied Matthias Nocke habe wenige Tage vor der Entlassung Binders am 9. Juli 2018 gegenüber Bettina Milz, die als Beiratsmitglied für das Land NRW eine gütliche Regelung vorgeschlagen habe, "auf eine klare Entscheidung gegen Binder im Beirat" gedrängt. Zudem habe Nocke den Spielplan, "nach Rücksprache mit dem Gesellschafter [der Stadt Wuppertal, d. Red.], ungeklärt halten" wollen: "man wolle dieses Instrument für ein arbeitsrechtliches Verfahren nicht aus der Hand geben", heißt es laut Wuppertaler Rundschau in den betreffenden Mails, die dem Beirat vorlagen. Dieser wiederum sei großteils erst im Juni 2018 über den Konflikt am Tanztheater Wuppertal informiert worden, fast ein Jahr nachdem Stadtdirektor Slawig davon wusste. Vor der Entscheidung des Beirats über Binders Kündigung sei diese zwar zum Spielplan gehört worden, nicht aber zu den anderen Vorwürfen befragt worden.

Durchstecher der falschen Fakten

Im Vorlauf der Kündigung Binders berichtete auch die Wuppertaler Rundschau über die Vorwürfe, die von der Tanztheater-Geschäftsführung gegen die damalige Intendantin geäußert wurden. Zugespielt worden seien ihr am 2. Juli 2018 ein Aktenvermerk sowie am 4. Juli 2018 die Tischvorlage für die Beiratssitzung von Ulrich Bieger, dem auf Krisen-PR spezialisierte Kommunikationsstrategen des Tanzzentrums Pina Bausch. Über eine Berichterstattung würde er sich freuen, zitiert die Wuppertaler Rundschau den PR-Strategen Bieger. Tanztheater-Geschäftsführer Dirk Hesse habe ihn "um die Lösung des Problems gebeten" – "[w]ie, habe der Geschäftsführer dabei nicht wissen wollen".

Dass sie ihre aus journalistischem Ethos eigentlich zu schützende Quelle hiermit offenlege, begründet Nicole Bolz von der Wuppertaler Rundschau wie folgt: "Je mehr Details uns zu den Hintergründen des Fall Binders bekannt wurden und je mehr sich herauskristallisierte, dass einige Vorwürfe des zugespielten Aktenvermerks konstruiert waren, um so deutlicher wurde, dass man uns zum Teil mit 'falschen Fakten' gefüttert hat, um einen ganz eigenen Plan umzusetzen – und Stimmung in der Öentlichkeit zu machen." Wer Journalist*innen bewusst täusche, habe, so Bolz, kein Recht auf Informantenschutz.

(Wuppertaler Rundschau / eph)

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