Der polnische Pate des Postdramatischen

von Thomas Irmer

21. Juli 2008. Als im Januar die Kafka-Paraphrase "Der Hungerkünstler geht" in der Regie von Piotr Kruszczynski in Zittau aufgeführt wurde, fragte sich auch nachkritik.de, warum der polnische Dramatiker Tadeusz Różewicz auf deutschen Bühnen kaum noch bekannt ist. Ein Vielgespielter war er hier nie, doch seine wichtigsten Stücke wurden auf west- und mit einiger Verzögerung auch auf ostdeutschen Bühnen aufgeführt und fanden große Anerkennung als Experimente mit den Formen des Dramas.

Die "nicht-szenische Komödie in einem Akt", die Różewicz unter dem Titel "Der unterbrochene Akt" 1963 schrieb, besteht zu einem gut Teil aus erzählenden Regieanweisungen und geradezu essayistischen Anmerkungen zu den in einem einzigen Zimmer spielenden Szenen des Stücks, mit denen Różewicz den Realismus jener Jahre persifliert. Gewiss, das zielte in erster Linie auf den sozialistischen Realimus in Polen, aber dieser selbstbewusste Einzelgänger hatte noch weiter ausgeholt: Denn er stellte mit dem Drama auch das Theater in Frage.

Kanonischer Bestand der Moderne

Von heute aus gesehen muss Różewicz als polnischer Pate des Postdramatischen gelten, nachdem an ihm lange Zeit Etiketten wie "östlicher Verwandter der Absurden" und später, in den siebziger Jahren, "poetischer Realist" geklebt haben. Das heute vielleicht wieder neu zu lesende Stück "Die alte Frau brütet" (1968), eine wahrhaft apokalyptische Szene, lässt sich indes damit gar nicht fassen und war bei seiner DDR-Erstaufführung 1987 in Leipzig beinahe ein Zeitstück zu Tschernobyl.

Der 1921 geborene Różewicz leuchtet in Polen als Klassiker der Gegenwart in die Spielpläne hinein und gehört damit zum kanonischen Bestand der Moderne neben Stanislaw Witkiewicz, Witold Gombrowicz und, bei aller Verschiedenheit, Slawomir Mrozek. Eine Gesamtausgabe stellt neben den Stücken auch sein lyrisches Werk und die erzählende Prosa vor, wobei Gattungsgrenzen von Rozewicz allenfalls als Anregung zur Überschreitung gedacht wurden.

Er hat Langgedichte geschrieben, die sich wie Monologe und Essays zugleich lesen, und sein erstes großes Stück "Die Kartothek" (1960) endet mit dem Gedicht "Schleier", das freilich keiner Figur als Rede zugeordnet ist. Als Lyriker trat Rozewicz, der als Partisan gekämpft hatte, unmittelbar nach dem Krieg mit dem Band "Unruhe" hervor und verzichtete demonstrativ auf Metaphern und lyrisches Gepränge, um dieser Erfahrung eine sozusagen nackte Form zu geben.

Schwarze Gedanken

Deutsche Übersetzungen seiner Theatertexte sind schon lange nicht mehr aufgelegt worden, man muss sie, beginnend mit dem Suhrkamp-Band "Der unterbrochene Akt" (1966), in Antiquariaten finden. Der umfangreichste Sammelband ist die Auswahl "Stücke" bei Volk & Welt 1974, ansonsten verstreut sich das übersetzte Werk auf kleinere Ausgaben oder ist wie der "Hungerkünstler" gar nur als Bühnenmanuskript erhältlich.

Das ist vielleicht schon ein Grund, warum dieser interessante Autor hier nicht nur wenig präsent, sondern in Theaterkreisen auch kaum noch bekannt ist. Der auf stichwortartige Novitäten fixierte Erstaufführungsbetrieb wird einen Dramatiker im neunten Lebensjahrzehnt schwerlich wiederentdecken können. Immerhin gibt es inzwischen junge Polonisten wie Bernhard Hartmann, die den Stab des Doyen der Literaturvermittlung aus Polen, Karl Dedecius, aufnehmen.

Hartmann, selbst auch Übersetzer von neueren Rozewicz-Gedichten, stellte gemeinsam mit Alois Woldan den Band "Schwarze Gedanken? Zum Werk von Tadeusz Różewicz" zusammen (Verlag Karl Stutz, Passau). Zur einen Hälfte literaturwissenschaftliche Aufsätze, darunter ein bis in die Gegenwart hinein erhellender Beitrag zur "Kartothek", zur anderen eine Auswahl von Gedichten aus den letzten zehn Jahren, die wie das rhapsodische "Recycling" Różewicz als lächelnden Pessimisten zeigen.

Angewandte Theorien für ein anderes Theater

Von gleichem Gewicht ist der zweisprachige Band "gehen lernen / nauka chodzenia" (Biuro Literackie, Wroclaw), aus dem wiederum "tempus fugit" als eine Art großer Dichtermonolog hervorsticht. Einen weit vermittelnden Kontext für Różewicz bietet die gerade bei Suhrkamp erschienene Anthologie "Theater spielen und denken" von Mateusz Borowski und Malgorzata Sugiera, in dem das polnische Theater des 20. Jahrhunderts als ein großer, experimenteller Raum von Stanislaw Wyspianski bis zu Grotowski, Kantor und "Gardzenicie" ausgeleuchtet wird: Als Raum der angewandten Theorien für ein anderes Theater, in dem die polnische Tradition aus verschiedenen historischen Gründen beinahe von Anfang stand und ihre Selbstverständigung fand.

Hier steht Różewiczs "Unterbrochener Akt", zwischen analytischen Artikeln, Essays und Manifesten, als der einzige Dramentext, der zugleich eine anschauliche Reflexion der Probleme des Theaters im späten 20. Jahrhundert bietet. Als einer Kunstform, die sich selbst für problematisch halten muss, um dann auch wirksam zu werden.

 

Tadeusz Różewicz
Gehen lernen / nauka chodzenia
Biuro Literackie, Wroclaw 2007.
147 S., 15 Euro.

Bernhard Hartmann, Alois Woldan (Hrsg.):
Schwarze Gedanken? Zum Werk von Tadeusz Różewiczs,
Verlag Karl Stutz, Passau 2007,
239 S., 19,80 Euro.

Mateusz Borowski, Malgorzata Sugiera (Hrsg.),
Theater spielen und denken. Polnische Texte des 20. Jahrhunderts,
Suhrkamp, Frankfurt / Main 2008,
504 S., 38,90 Euro.

 

Mehr lesen? Hier geht es zur Nachtkritik von Piotr Kruszczynskis Zittauer Inszenierung von Tadeuzs Różewiczs Stück Der Hungerkünstler geht.

 

 
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