Ein Wochenende Kunst

von Andreas Schnell

Bremen, 24. Juni 2008. Rainald Goetz sagt, er schreibe fürs Theater, "weil die Bühne so gut riecht und weil man angespuckt wird von den Schauspielern, wenn man in der ersten Reihe sitzt". Mindestens das hätte ihm bei der Premiere seines Stücks in der Concordia in Bremen also schon einmal gefallen. Das Ensemble des Theaterlabors, einer im Lande wohl einzigartigen Beschäftigungsmaßnahme für arbeitslose Schauspieler, ist ganz oft ganz nah am Publikum, vorn in einer Reihe aufgestellt als Chor oder auch in der Eingangsszene in Gestalt eines innig knutschenden Pärchens, das sich im weiteren als Künstler und Muse entpuppt.

Ansonsten gibt es kaum greifbare Charaktere. Es wird assoziiert, geplappert, getönt. Nur mählich schält sich heraus, worum es eigentlich geht, so ungefähr zumindest. "Jeff Koons", Goetz' bislang letztes Theaterstück, kommt ohne Figuren aus. Ein Kritiker bezweifelte gar einst, dass es sich überhaupt um ein Theaterstück handeln würde.

Kunst, Drogen, Sex 

Was geschieht, ist nicht essentiell: "Ein Wochenende Kunst", zwischen Kneipe, Atelier, Party, Galerie und den Momenten darin oder dazwischen, in denen die überreizte Wahrnehmung des Künstlers und Drogenbenutzers den Augenblick transzendiert. Kunst, Drogen, Sex. Mit Jeff Koons, jenem Künstler, der nicht zuletzt durch seine Arbeiten (und Ehe) mit der Porno-Aktrice Ilona Staller alias Cicciolina berühmt wurde, hat das im engeren Sinne wenig zu tun, denn Koons kommt außer im Titel nicht vor. Und doch erklärt sich gerade daraus beinahe alles.

Vielleicht ist Regisseur Patrick Schimanski auch ein bisschen auf den Titel hereingefallen: Die erwähnte Muse trägt ein weißes Kleid und einen Kranz um den Kopf, ganz wie Cicciolina in den Arbeiten von Koons. Aber das ist nicht weiter schlimm. Der Gedanke von Goetz bleibt dominant, dass mit dem Titel seines Stücks, dem "Namen eines echten lebenden Menschen, einer öffentlichen Figur" ein "Hallraum" entstehen würde, den zu füllen, Regisseur, Ensemble und Publikum zu übernehmen hätten. Und das gelingt in Bremen hervorragend. Wobei – einziges ernsthaftes Manko dieser Aufführung – akkustisch gelegentlich schwer zu verstehen ist, was da eigentlich hallt.

Alltagssampling und Kunstphilosophie 

Beeindruckend beispielsweise die Eröffnungsrede einer Vernissage, in der die dröhnenden Banalitäten, die man zu derlei Anlässen allzu oft zu hören bekommt, hinreißend kommentiert sind. So lebt diese Aufführung von "Jeff Koons" einerseits von Goetz' Text selbst, der zwischen lyrischer Kraft, Alltags-Sampling, Kunstphilosophie und Lautmalerei changiert. Aber auch von der Performanz dieser Texte, die ja nicht die Äußerungen von Personen sind, mit denen wir (und die Schauspieler) uns identifizieren könnten – oder wollten.

Es geht einfach um den Sound, und der muss stimmen. Dabei steht Goetz bei aller Poesie dem Rest der Welt keineswegs ignorant gegenüber. Er kommentiert nur nicht. Zumindest nicht ausdrücklich. Die Stimmen in all ihrer erhabenen Unordnung sind der Kommentar. Elend und Armut stehen deutlich sichtbar neben den höheren Sphären der Kunst. Die werden getreten, mit geradezu populistischem Furor beschimpft.

Sehnsucht nach Sinn 

Und sind dabei weder Anlass für Mitleid oder gar als Kritik an der Kunst gemeint. Sie sind einfach eine Facette des Lebens: So wie Goetz es eben sieht, der sein "primär finsteres Weltgefühl" diffizil austariert. Analog zu Funny van Dannens Lied vom "gelingenden Leben" geht es auch Goetz um die Momente, in denen Kunst "funktioniert", und einen Augenblick lang die Sehnsucht nach Sinn befriedigt scheint, was sich in einer vielzitierten Passage aus "Jeff Koons" so anhört: "Es geht um einen Augenblick / den es AUCH gibt / im Menschenleben kurz / zumindest manchmal / gibt es das / es geht / so blöd das klingt / um Harmonie ... Stimmt gar nicht / halt, stop, Lüge, falsch / im Gegenteil / es geht ums Nie der Harmonie."

Lässt man sich auf diese inszenierte Textwelt ein, stößt man nicht nur dort auf hellsichtige Gedanken, sondern kann auch in der Aufführung allerlei schöne Einfälle genießen. Auf einer Videoleinwand an der hinteren Wand verdoppelt sich das Geschehen auf der Bühne, das von der Bühne selbst aus gefilmt ist, verdoppeln sich auch die räumlichen Gegebenheiten der Spielstätte, (die in den siebziger Jahren Georg Tabori mit seinem Theaterlabor erschloss, dem das heutige Theaterlabor Reverenz erweist). Die Leinwand wird en passant auch für Gottesauftritte und Seiteneinstiege genutzt. "All Tomorrow's Parties" von Velvet Underground, eine von mehreren musikalischen Einlagen, verweist auf Andy Warhol und seine Factory. Alles fügt sich ineinander. Eine ganz und gar beachtliche Leistung.

 

Jeff Koons
von Rainald Goetz
Inszenierung: Patrick Schimanski, Bühne: Martina Helk, Kostüme: Claudia Von Heydekampf, Dramaturgie: Athena Juhrs.
Mit: Malwina Buraczewski, Kristin Fahrland, Göksen Güntel, Pamela Hübner, Kazimierz Jankowski, Mathis Köllmann, Wolfgang Nawrot, Tom Pidde, Linda Stach, Stefanie Staltmeier, Sven Tjaben, Katharina Ustinov, Jörg Vogel und Lena Wischhusen.

www.theaterlab.de



 
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