Todesschüsse am Traualtar

von Andrea Heinz

Wien, 27. November 2018. "Frei, endlich", sagt die Braut am Traualtar, nachdem der Priester erst den Bräutigam und dann sich selbst erschossen hat. Das sind so die Pointen, die die sieben Szenen in Esteve Solers "Gegen die Freiheit (Contra la llibertat)" haben. Immer geht es in ihnen um Freiheit – oder halt das, was die Menschen im reichen und manchmal ganz schön armen Europa dafür halten. Wenn man daneben weiß, dass Soler einer der erfolgreichsten zeitgenössischen katalanischen Film- und Theaterautoren ist und das Stück auf Katalanisch schrieb, bekommt das mit der Freiheit sowieso noch mal einen anderen Klang.

Grenzenlose Gegenwartsdramatik

In Wien ist das Stück nun in der Regie von Hans Escher als deutschsprachige Erstaufführung im Rahmen des EU-Projekts "Fabulamundi Playwriting Europe – Beyond Borders?" zu sehen, koproduziert von den Wiener Wortstaetten und Werk X. 15 Partner aus 10 Ländern sind an dem Projekt beteiligt, in Deutschland etwa das Interkulturelle Theaterzentrum Berlin. Das Ganze funktioniert ein bisschen wie Schüleraustausch, nur eben, dass statt Schüler*innen Autor*innen, Texte und Produktionen ausgetauscht werden. Ohne ein bisschen Befremden geht freilich weder das eine noch das andere ab. Im Falle des Theaters kann das etwa zu solchen Momenten führen, wie man sie im Urlaub erlebt, wenn man eine fremdsprachige Fernsehsendung schaut: Man kennt das alles. Aber irgendwas ist anders.

gegendiefreiheit03 560 JoachimKern uSpielfreudig in skurrilen Szenen: Saskia Klar und Elisabeth Findeis © Joachim Kern

So ergeht es einem auch mit Solers Text, aus der deutschsprachigen Gegenwartsdramaturgie ist man so etwas nicht unbedingt gewohnt. Sehr skurrile, plakative Szenen reihen sich da aneinander, jede für sich stehend, ohne Zusammenhang. Wie ein Programm aus Sketchen. Elisabeth Findeis, Saskia Klar, Burak Uzuncimen, Daniel Wagner und Heinz Weixelbraun zeichnen das so überdeutlich, wie es auch der Text macht – mit großer Spielfreude. Auf der bis auf einen Kleiderständer, eine multifunktionell einsetzbare, mobile Tafel und ein Schlagzeug leeren Bühne wechseln sie von Szene zu Szene ihre Rollen und Kostüme. Einen nervösen Grundton bekommt das Ganze nicht nur durch das, vor allem zu Beginn, etwas hektische Gebaren der Spieler*innen, sondern auch durch die Begleitung von Schlagzeuger Alexander Petkov.

Inspiriert von Luis Buñuel

Es folgt eine Szene auf die nächste. Da ist die Braut, die vor dem Altar plötzlich einen Streit vom Zaun bricht: Sie hätte die doch arg restriktive Passage mit dem "bis dass der Tod euch scheidet" gerne rausgestrichen. Bevor der Pfarrer schließlich zum Mörder und Selbstmörder wird, beginnt sie mit ihrem Mann noch vor den Augen der Festgemeinde eine Debatte über potentiell erniedrigende Sexualpraktiken (Doggy-Style plus Schläge auf den Hintern) und die adäquate Wortwahl beim Sex ("Hure" und "Sau" gehören für sie eher nicht dazu).

Dann gibt es den Mann, der unter dem Ankleidezimmer seiner Frau die Belegschaft seines Sweatshops untergebracht hat. Während seine Frau klagt, nichts zum Anziehen zu haben (haha), redet er väterlich-herablassend mit seinen Mitarbeiter*innen. Sie mögen doch vernünftig sein und Fenster und Türen geschlossen halten, schließlich seien die Dämpfe giftig. Danach geht es mit der Gattin zum Shoppen. Heckenschützen sind in diesem Stück gefangen in der Social-Media-Blase, Ehefrauen zeihen ihre Männer des Lasters Lesen ("Er hat schon Hornhaut an den Fingern vom vielen Umblättern!").

gegendiefreiheit05 560 JoachimKern uPriester mit Pistole: Szene mit Daniel Wagner und Heinz Weixelbraun © Joachim Kern

Die Szenen drehen sich allesamt um zeitgenössische (und gleichzeitig sehr überzeitliche) Problemlagen: Neben Fragen privater und beruflicher (Abhängigkeits-)Beziehungen geht es etwa auch um Pädophilie oder Wohnungsnot. Dabei hat Soler offensichtlich keinerlei Interesse an inhaltlich schlüssiger Analyse oder klaren Debattenbeiträgen. Denkanstöße gibt er auf andere Weise: Maximal grotesk (inspiriert sind die Szenen von Luis Buñuel), völlig überzogen und surreal zeigt er Menschen, die sich auf ihre ganz privaten Vorstellungen von Freiheit kaprizieren – und dabei die Freiheit der anderen schlicht übersehen.

Dank des tollen Ensembles ist das kurzweilig und oft sehr lustig anzuschauen. Vor allem aber schafft der Abend das, was wohl auch eines der Anliegen des Projektes "Fabulamundi Playwriting Europe" ist: Man schaut buchstäblich über die Grenzen hinaus. Und sieht, dass die Fragen, die letzten Endes doch alle beschäftigen, auf ganz unterschiedliche Weise gestellt werden können. Was im Idealfall dann auch die Chancen erhöht, Antworten zu finden.



Gegen die Freiheit (Contra la llibertat)
von Esteve Soler
Aus dem Katalanischen von Birgit Weilguny
Regie: Hans Escher, Ausstattung: Renato Uz, Musik: Alex Petkov, Dramaturgie: Bernhard Studlar.
Mit: Elisabeth Findeis, Saskia Klar, Burak Uzuncimen, Daniel Wagner, Heinz Weixelbraun.
Premiere am 27. November 2018
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.werk-x.at
www.wortstaetten.at

 
Kommentar schreiben