Sag mal "Plattenbau"

von Kornelius Friz

Jena, 13. Dezember 2018. Die Dialektfalle umschiffen sie auf Schwäbisch. Die Zonen-Elke in den Schimmeljeans bläst ihre Vorurteile mit süddeutsch weichen Konsonanten hinaus. Und die sind auch schnell zusammengefasst: Schiller und Goethe, der Thüringer Wald, der NSU, Klöße und Bratwurst. Das Besteck, mit dem das Kollektiv Wunderbaum unter der Leitung von Walter Bart das Eigene, das Heimische zerlegt, ist nicht besonders feingliedrig. Es ist aber durchaus geeignet, um ein touristisch-klischeehaftes Abziehbild des Landes mit thüringischen Realitäten abzugleichen und dabei das Eine dem Anderen zärtlich unterzuheben.

Animateure unter Druck

Sechs Darsteller*innen eines Freizeitparks, einer Vergnügungshölle, erholen sich hinter den Kulissen von ihrem stressigen Arbeitsalltag. Doch auch hier sind sie nicht gefeit vorm Punktesystem. Als Feedback- und Optimierungsmechanismus bringt es die Alleinunterhalter*innen gegeneinander auf. Der eine Frank hat zehn Punkte, und niemand weiß, weshalb. Der andere Frank hat nur einen bekommen und muss durch die Hölle der vermeintlich konstruktiven Feedbackrunde gehen. Alle wissen es besser, alle sind freundlich und eine – der Animations-Kloß – ist allen zu freundlich, geradezu unerträglich, aufdringlich, hemdsärmelig, so richtig freizeitparkmäßig freundlich. Kein Wunder, dass niemand Jenny die zehn Punkte gönnt, die auch sie vom "Best-Of-Thüringen"-Publikum bekommen hat. Aber es weiß auch niemand von den Wunden unter ihrem Kloßkostüm, wo Schweiß und Lycra ihr die Haut zerfressen.

Megamix 27 560 Joachim Dette uGar nicht still und stumm steht im Thüringer Walde ein Kartoffelkloß: André Hinderlich,
Mona Vojacek Koper © Joachim Dette

Goethe dagegen ist lässig wie noch nie: Täglich trinkt er, verkörpert von Henrike Commichau, Rotwein mit den vergnügungssüchtigen Thüringentourist*innen. Nur einmal fährt er – sie – in der Garderobe aus der Haut. Wütend, dass bei Publikumsgesprächen ständig gefragt wird, was es bedeuten mag, einen Goethe gegenzubesetzen. Die Kritik geht in Richtung der Theater: "Die weibliche Besetzung einer männlichen Hauptrolle macht noch kein feministisches Stück." Didaktisch rattert sie dann Thüringerinnen herunter, die eigentlich auch wichtig seien, die aber Wikipedia und viele Dramaturg*innen scheinbar nicht für nennens- und erzählenswert halten. André Hinderlich als Faust schneidet ihr das Wort ab, es stünden doch eigentlich "das Bauhaus-Jubiläum, der Zschäpe-Act und die Luther-Umbesetzung" auf der Tagesordnung. Thema Feminismus abgehakt.

Im Theater, ums Theater und ums Theater herum

Mit dieser Spielzeit hat die niederländische Gruppe Wunderbaum die künstlerische Leitung des Jenaer Theaterhauses übernommen. Wenn das Kollektiv zum Auftakt seiner künstlerischen Leitung auf Thüringen blickt, ist die Nabelschau, die "Thüringen Megamix" in Jena sein muss, zugleich eine neue Perspektive, ein Blick von außen. Dennoch zielen die Reflexion und Kritik der Inszenierung zumeist nach innen, nämlich ins Theater: Spätestens als Faust beim Abschminken zur Jukebox wird und seinen Monolog – "Da steh ich nun, ich armer Tor!" – im Wechsel auf Spanisch, Dänisch und Französisch übt, ist Heimat nur noch ein Werkzeug, um das Theater in den Blick zu bekommen: letztlich selbst ein Vergnügungsbetrieb, in dem bunte Kulissen und die Sehnsucht nach Zerstreuung die Sicht auf das Eigentliche verstellen. Über Lautsprecher ruft der Inspizient die beiden Uwes lakonisch zur Kofferprobe, und die Stuttgarterin wird beim Text üben von dem Frank mit nur einem Punkt ausgelacht, weil sie "Plattenbau" und "Deutsche Demokratische Republik" nicht richtig aussprechen kann. Bevor die logopädische Dialektik ermüdend wird und Elke schon Tränen in den Augen hat, jagt der Kloß das Publikum mit guter Laune und schlechten Wortspielen vor die Tore des Theaterhauses.

Trotz allem Pomp ist es beinahe entzaubernd, zum Ende hin doch noch die Vorderseite der Pressspankulisse gezeigt zu bekommen. Aber der Aufbruch in die Dezemberkälte ist auch dramaturgisch erfrischend für die etwas orientierungslose Stückentwicklung. Dort, wo nun das Publikum steht, erklärt Pina Bergemann aus ihrer Rolle als Elke heraustretend, habe sich bis zum 2. Januar 1987 die Bühne eines von Walter Gropius gebauten Theaters befunden. Der Plan, ein neues, noch größeres Theaterhaus zu errichten, wurde mit der DDR begraben. Von diesem unverwirklichten Plan übrig geblieben ist eine Art Freiluftbühne oder schlicht: ein großer Platz zwischen Neugasse und Schillergässchen. Ebenda, an den Treppen zum Schillergässchen, hätten Kinder – zehn Jahre nach dem beweinten Theaterabriss – übrigens den ersten Bombenkoffer der beiden NSU-Uwes gefunden, erklärt Bergemann. Dann kündigt der traurige Kloß Schiller und Goethe für einen letzten Tanz zu bester Freizeitpark-Ravemusik an. Es werden kurzerhand noch einige diffuse Bezüge zur tagesaktuellen Politik behauptet, und am Ende steht dieselbe Frage wie am Anfang: Thüringen, was ist das eigentlich?

Thüringen Megamix
von Wunderbaum
Endregie: Walter Bart, Bühne und Licht: Maarten van Otterdijk, Kostüme: Cornelia Stephan, Dramaturgie: Thorben Meißner.
Mit: Walter Bart, Pina Bergeman, Henrike Commichau, André Hinderlich, Mona Vojacek Koper, Leon Pfannenmüller sowie den Stimmen von Susanne Frieling und Thorben Meißner.
Premiere am 13. Dezember 2018
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.theaterhaus-jena.de

 

 Kritikenrundschau

"Im 'Megamix'-Abend zerpflückt die neue Truppe des Theaterhauses humorvoll so manch hiesiges Heiligtum, so auch Bratwurst und Thüringer Wald", schreibt Ulrike Merkel in der Thüringischen Landeszeitung (15.12.2018). "Am Ende war‘s ein vergnüglicher Theaterabend. Die neue Crew verströmt eine ungezwungene Leichtigkeit, die man des Längeren in Jena vermisst hat. Einstand gelungen!"

Wunderbaum versuchten, die Jenenser ins Theater zu locken, indem sie ihnen die schlimmsten Klischees vorspielten, die man von Thüringen hat, so Michael Laages auf Deutschlandfunk Kultur (15.12.2018). Das Ergebnis sei "sehr entspannt, sehr heiter, sehr verspielt".

 

 
Kommentar schreiben