Der diskrete Charme der Ost-Künstlerbohème

von Christian Rakow

Berlin, 14. Dezember 2018. Das muss er gewesen sein, der schnellste Szenenapplaus der Saison. Da sitzt man also erst und blickt ins kahle Rund der Volksbühne, enttäuscht, weil Leander Haußmann ja Schauwerte versprochen hatte und jetzt alles leer ist, aber es kann natürlich immer auch Verarsche sein. Silvia Rieger tritt aus einer Falltür hervor, und immerhin schieben Bühnenarbeiter ihr noch zwei Kabuffs heran.

Doch plötzlich regt sich die Bühnenhydraulik, und ein kolossales Stockwerk steigt auf und noch eines, so dass schließlich ein dreigeschossiges Haus aufragt, mit Schlaf- und Wohnzimmern, Dachboden, Bar im Keller und Stasi-Büros, nur echt mit Honecker-Bild und Parteilosung. Alles herrlich abgerockt im Stile der vergilbten DDR-Endzeit. So also brandet der Applaus auf, für Bühnenbildner Lothar Holler, der die Volksbühnenwerkstätten endlich wieder schwitzen ließ, und natürlich für Haußmann, den ollen Trickser.

Geheimdienstgeschichte schrullig geschultert

Alle, die ich traf, hatten schlechte Erinnerungen an Haußmanns letztes Volksbühnen-Vorspiel anno 2011 mit Ibsens Rosmersholm. Ich nicht, ich mochte dieses schief in den Saal gehängte Genregemälde mit seinem irrlichternden Hinterwitz. Man muss das vorweg schicken, weil auch "Haußmanns Staatssicherheitstheater" ein Faible fürs Schrullige verlangt.

Haussmanns Staatssicherheitstheater 2 560 Harald Hauswald uBunte Hunde im grauen Haus der "Famielke" in "Haußmanns Staatssicherheitstheater" © Harald Hauswald

Haußmanns Komödie zeigt das Ministerium für Staatssicherheit um Erich Mielke beim hochnotpeinlichen Versuch, die avantgardistische Künstlerszene des Prenzlauer Berg der 1980er mit Inoffiziellen Mitarbeitern zu infiltrieren. Der Handlung vorgeschaltet ist ein langes Nachwende-Intro, das zunächst einen ehemaligen IM in seiner Leugnungsakrobatik vorführt und dann mit weitaus ernsterem Gestus, quasi als auktoriale Stimme, die missratene Aufarbeitung der Geheimdienstgeschichte anmahnt. Die verpasste Integration von Stasi-Mitarbeitern wirke noch in kleinbürgerlichen Kränkungsphänomen wie Pegida etc. nach, so die These, die Haußmann in seinen jüngsten Interviews gleichwohl eine ganze Ecke spritziger vorgetragen hat als hier in seinem Dramentext. Überhaupt müssen Silvia Rieger, Horst Kotterba und Uwe Dag Berlin eingangs mächtig schuften, um den länglichen Prolog zur Rampe zu stemmen.

In Prenzelbergs Tollhäusern

"Sind Sie der, über den eine Akte angelegt wird, oder der, der die Akte anlegt?" Diese Kernfrage des Stücks hat Andreas Dresens Film "Gundermann" mit Alexander Scheer in der Titelrolle gerade mit großer Sensibilität und in aller menschlichen Zerrissenheit durchgespielt. Von Haußmann war ein vergleichbares Psychogramm nicht zu erwarten. Trotz biographischer Grundierung seines Sujets. Haußmann wurde selbst von der Stasi observiert, sein Vater Ezard hatte zehn Jahre Berufsverbot; der Fall des Dichters und IM-Spitzels Sascha Anderson lagert im Hintergrund seiner Prenzelberg-Geschichte.

Haussmanns Staatssicherheitstheater 4 560 Harald Hauswald uPreußisch-ostdeutsche Ausstattung: Die Volksbühnen-Werkstätten dürfen zeigen, was sie können. Und der Abend versammelt Spieler*innen aus Ex-Volksbühne, Ex-Berliner-Ensemble und Haußmanns Filmen. © Harald Hauswald

Aber nein, Haußmann ist schon eher der Tollhäusler und Budenzauberer. Und also lässt er alles Psychologische und Agitatorische noch rechtzeitig fallen und biegt mit dem fabulös väterlichen Waldemar Kobus als Minister Mielke in die Stasi-Klamotte, wo potenziell jeder jeden bespitzelt und alle gefühlt zur Familie bzw. "Famielke" gehören. Uwe Dag Berlin schult mit lässiger Clownerie junge IMs (Spieler der Hochschule "Ernst Busch") im darstellerisch souveränen Umgang mit Hermann Hesse oder den Rolling Stones. Also den Sachen, die man braucht, wenn man sich bei "NegDeks" ("Negativ Dekadenten Elementen" vulgo Dissidenten) einschleusen will.

In der zweiten Hälfte darf dann einer der Youngster, der Protagonist Ludger Fuchs alias IM "Bunter Hund", in Peter-Sellers-Manier bei einer Bürgerrechtlerin zuhause einsteigen, um deren Privatleben durcheinander zu bringen. Wobei sich Matthias Mosbach und Antonia Bill elegant zwischen Slapstick und Musical einschwingen. Zur Krönung zieht Mosbach blank, um in Anspielung auf Wolf Biermanns Diktum von "Sascha Arschloch" ein Gedicht von Sascha Anderson zum Besten zu geben.

Charmantes Hintergrundrauschen

Jetzt muss man klar sagen: Der Abend wirkt beileibe nicht zu Ende geprobt, es fehlt an Timing und Feintuning, zwischen hellen Geistesblitzen flackert die Inszenierung geraume Strecken auf Sparflamme. Und doch entwickelt das Ganze einen eigentümlichen Reiz. Weil dieses Aushalten des Imperfekten, diese rotzige "Scheiß egal"-Attitüde, dieses Raue und Ungeschliffene ja doch selten geworden ist. Zumal an diesem Ort, der bis zu Castorfs Abschied so etwas wie das Woodstock der asozialen Kunst war.

Haussmanns Staatssicherheitstheater 1 560 Harald Hauswald u Wieder unter einem Dach:  Horst Kotterba und Silvia Rieger © Harald Hauswald

Und so historisch und lokalspezifisch genau wird auch nicht oft gearbeitet. Da spielt Sir Henry auf der Heimorgel wunderbar diskret Ost-Classics der 1980er als leises Hintergrundrauschen ein, da reichern Projektionen aus Stasi-Akten das Geschehen an, da sitzt der Sprachgebrauch bis in die letzte bürokratische Verkantung hinein. Noch die Musical-Nummern von Bettina Wegners Plädoyer für die Traurigkeit bis zu "Artig" von Feeling B sind glänzend ausgewählt.

Der Abend ist Retro, klaro, aber es gibt auch nicht viele, die sich um diese Zeiten des abnehmenden Lichts vor '89 kümmern. Die seinerzeit noch hinreichend stark den Geist der Dissidenz aufgesogen haben, um davon glaubhaft zu erzählen. Und die für ihre Geschichte so wunderbar schräge Spieler*innen versammeln, aus Ex-Volksbühne, Ex-Berliner-Ensemble und Haußmanns Filmen. Am Schluss wirds eigentlich zu viel, da tänzelt – vermutlich nur als Premieren-Special – the real Alexander Scheer als sexy Transe herein und legt mit the real Detlev Buck (in der Uniform des Volkspolizisten) eine "Sonnenallee"-Reminiszenz aufs Parkett. Haußmann gibt dem Affen Zucker, ach was, er haut Zucker raus, dass es den Affen fast umhaut. Irre. Aber wenn die Wahl steht: Sweet Scheer oder Schonkost? Wer möchte da kein Affe sein?

Haußmanns Staatssicherheitstheater
von Leander Haußmann
Text und Regie: Leander Haußmann, Bühne: Lothar Holler, Kostüme: Janina Brinkmann, Musikalische Leitung: Sir Henry, Licht: Henning Streck, Theaterfotografie: Harald Hauswald, Dramaturgie: Steffen Sünkel.
Mit: Uwe Dag Berlin, Antonia Bill, Waldemar Kobus, Horst Kotterba, Matthias Mosbach, Christopher Nell, Silvia Rieger, Eric Spiering, Norbert Stöß und Lennart Hillmann, Karl Schaper, Daniel Felix Adolf (Studenten der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch") sowie Sir Henry (Piano), Herman Herrmann (Gitarre), Elise Brehmer (Cello), Oscar Stöß (Trompete).
Premiere am 14. Dezember 2018
Dauer: 3 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.volksbühne-berlin.de

 

Kritikenrundschau

"All die reich enthaltenen Schein-Sein-Diskrepanzen" dieser Stück-Konstruktion, "die auf geradezu Shakespeare'sche Weise auf den Grund der menschlichen Existenz führen könnten, die Raum für tiefe Tragik, nostalgische Melodramatik und vielbödigen Verwechslungshumor ließen, wurden für diese Theaterpremiere nur nachlässig und selbstunterwandernd aninszeniert", beschwert sich Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (15.12.2018). "Es gibt schön ausgedachte, aber immer verhuschte und irgendwie in die Ecke gespielte Auftritte zum Beispiel von Waldemar Kobus, Uwe Dag Berlin und Silvia Rieger (...). Widerstand, Dichtkunst, Liebe und Stasiperversion werden parodiert, bis alles gleich harmlos und peinlich ist, sodass es angebracht ist, den dreieinhalbstündigen Abend bereits auf der Bühne in eine Party übergehen zu lassen."

"Es ist die erste große Eigenproduktion im Sprechtheater an diesem Haus in dieser Spielzeit. Symbolwert: theaterhimmelhoch", schreibt Tobi Müller auf Spiegel online (15.12.2018), zu Stasi und zur Berliner Bohème der Achtzigerjahre falle Haußmann nicht ganz so viel ein. "Was die späte DDR und ihr Bohème-Park Prenzlauer Berg verbindet und was Überwachung mit den Menschen bis ins Schlafzimmer hinein macht, das wären die Fragen", Haußmann, "der furchtlose, melancholische, hibbelige und humorhochbegabte Junge von 59 Jahren", stelle sie ein paar Mal, aber nur kurz in diesem "Wundenleckerabend, ein Wiederaneignungstheater, das vor lauter therapeutischer Rückführung sein Thema verschenkt". Fazit: "Alles verdoppelt sich, aber nichts wird klarer, sondern nur nostalgischer."

"Große und kleine Lebenslügen" im 'üblichem Haußmann-Humor' bietet der Abend nach Sicht von Cora Knoblauch im rbb 24 (15.12.2018). "Bemerkenswert ist neben der durchweg großartigen Schauspielleistung das Bühnenbild von Lothar Holler." Problematisch nehme sich die lange Dauer des Abends aus. Die "Zuschauer versinken nach knapp vier Stunden langsam ermüdet in ihren Sitzen".

Karim Mahmoud vom Berliner Kurier (15.12.2018) hat sich beim prominenten Premierenpublikum umgeschaut und von Ex-Volksbühnenintendant Frank Castorf sein Urteil zu diesem Abend erfahren: "Das ist Studententheater. Hätte Haußmann mal besser noch ein paar Filme gemacht."

Die Darsteller Uwe-Dag Berlin und Norbert Stöß "spielen jetzt die Gegner von damals, die Deppen von der Sicherheit. Ein privater Spaß mag das sein, der niemanden mehr interessiert. Aber unter die Haut geht er doch." So urteilt Michael Laages im Deutschlandfunk (15.12.2018) über Haußmanns "sonderbaren Abend", der eine Handvoll "wirklich schöner, großer und berührender Momente" besitze.

Der Abend wirkt für Rüdiger Schaper vom Tagesspiegel (16.12.2018) "wie eine schöne Rache am alten System, das viele Menschen aus der Arbeit warf, aus ihren Lebensentwürfen", und bietet einen "Reigen von Szenen, Skizzen, Musiknummern". Auch finde er kein Ende. "Gute alte Castorf-Schule. Wie gesagt, vieles wie früher. Und früher war ja auch nicht alles gut." Haußmann zeige einen "VEB Flach und Lach" und erinnere an die "Entertainerhoheit des Ostens", die die Volksbühne der 1990er behauptete. "Aber jetzt haben wir fast schon 2019, und da kann diese versöhnliche Art irritieren, diese Demonstration von Gemütlichkeit, diese Sehnsucht nach einer Jugend, die sich fast überall verklärt."

Das Stück trete zumeist fatal auf der Stelle, schreibt Irene Bazinger in der FAZ (17.12.2018). "Irgendwie hat es schon mit der Staatssicherheit zu tun, doch höchstens in Form von lockeren Anekdoten und beiläufigen Beobachtungen. Wer sich mit der Materie nicht auskennt, wird – so weit bei all der Nuschelei akustisch verständlich – am Ende nicht viel klüger geworden sein." Es seien höchstens szenische Skizzen, die Haußmann notdürftig aneinanderreihe, ergänzt um ein paar Kalauer. Bazingers Urteil: zäh, läppisch, unbunt. Haußmann mache nicht die Stasi lächerlich, sondern bloß sich und seine Inszenierung.

Bernd Noack von der Neuen Zürcher Zeitung (16.12.2018) erlebte "ein Volksbühnenfest der hundert vermissten Glanzlichter einer Zeit, die man schon ad acta gelegt hatte". Und weiter: "Nur hier darf es noch einmal aufleben, das rebellische, durchaus ostalgische Lebensgefühl, lässt sich das kratzige Odeur des auch schon etwas ranzigen Prenzlauer-Berg-Parfums schnuppern, gehen Kunst und Politik eine Symbiose ein, die auf keinem Wahlzettel zu finden ist." Die Stasi-Horror-Picture-Show laufe ab wie von Minister Mielke geschmiert, und sie ereigne sich vor allem in einem Wunderwerk der Bühnenbildkunst.

Reinhard Wengierek von der Welt (16.12.2018) erlebte "dreieinhalb erregende, erhellende, ermüdende, dann wieder aufreizend komische, bloß blödelnde, aber auch tieftraurige und grauenvolle Stunden". Haußmanns "schaurige Stasi-Witz-und-Schrecken-Aufführung" wolle nicht weniger als ein Welttheater stemmen. "Und man muss sagen: Er hat sich mal mehr, mal weniger verhoben dabei – pointierte Szenen, geschliffene Bonmots, durchdachte Reminiszenzen wechseln mit Betulichkeiten, aufdringlichem Gewusel, klamottiger Effekthascherei."

Stilistisch schwanke der Abend "zwischen Stoßseufzer und Bauerntheater samt Ehebruchs-Kabarett, Im-Schrank-Verstecken, Stasi-Trotteligkeit und ähnlich feinsinnigen Scherzen", fasst es Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (18.12.2018) zusammen. Am stärksten sei der Abend in den Passagen der offen ausgestellten Ratlosigkeit: "Was macht man jetzt mit all diesen Erinnerungen und Überresten einer etwas seltsamen Vergangenheit? Manchmal wirkt die Inszenierung, als wollte sie das alles, Stasi-Spitzel, viertelbegabte Undergrounddichter und verkrachte Ehen, einfach ans Herz drücken."

Christoph Dieckmann schreibt in der Zeit (online 20.12.2018, 13:57 Uhr): Leander Haußmann habe versucht, die Stasi dem "befreienden Volksgelächter preiszugeben", tatsächlich sei gelacht worden. "Und gegähnt."- "Ödere Lustbarkeit" als die erste Halbzeit lasse sich "schwerlich denken". Star des Abends sei das Bühnenbild von Lothar Holler: "ein dreistöckiger Altbau, vorstellbar im Ostberliner LSD-Viertel (Lychener/Schliemann-/Dunckerstraße)". Das Innenleben des Hauses per Kamera auf zwei seitliche Bildwände übertragen. Die "krawallige Clownerie" des Stücks unterlaufe und relativiere "sein großes Thema".

 

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Kommentare

Kommentare  
#1 Staatssicherheitstheater, Berlin: KlamotteKonrad Kögler 2018-12-15 10:15
Für eine gelungene Farce ist das schräge Spektakel nicht hochtourig genug. Das „Staatssicherheitstheater“ kommt nicht über eine amüsante Klamotte zum Schmunzeln hinaus und schleppt sich vor allem vor der Pause zu zäh dahin.

Die Nostalgie steht an diesem Abend im Mittelpunkt: Leander Haußmann brachte mit Bill/Mosbach/Nell nicht nur ein starkes Trio mit, das auch schon seine Inszenierungen an Claus Peymanns Berliner Ensemble prägte, sondern hat mit Uwe Dag Berlin und Norbert Stöß auch alte Kumpels an Bord, mit denen er schon in den späten 1980er Jahren in Gera das Theater aufmischte und die Stasi beunruhigte. Im Programmheft sind Ausschnitte aus ihren Stasi-Akten nachzulesen. Schade ist allerdings, dass Haußmann und Co., denen die Stasi so eng auf die Pelle rückte, nichts Interessanteres zu diesem zeitgeschichtlichen Thema als diese doch recht belanglose Komödie einfiel.

Nach mehr als drei Stunden dreht Haußmann die Nostalgie-Schraube noch eine Spur weiter: wie einst bei Castorf scheint der Abend einfach kein Ende nehmen zu wollen. Das ganze Ensemble schlüpft in Barock-Kostüme, hier wird noch ein Monolog von Silvia Rieger drangehängt, dort darf Sir Henry noch mal in die Tasten hauen.

Ganz zum Schluss packt Leander Haußmann noch ein Nostalgie-Sahnehäubchen oben drauf: in eine Gruppen-Szene an einer Bar mischen sich zwei Überraschungs-Gäste, die seine Komödie „Sonnenallee“ zum Kino-Hit machten. Alexander Scheer (mit roter Perücke und Drag-Kostüm) und Detlev Buck (in Uniform) ziehen gemeinsam ihre Runden und qualmen vergnügt im Hintergrund, während sich der Rest der Truppe schon vom Publikum feiern lässt.

Komplette Kritik: daskulturblog.com/2018/12/15/haussmanns-staatssicherheitstheater/
#2 Staatssicherheitstheater, Berlin: auch zum LachenHeinz 2018-12-15 12:41
Habe gerade einen Ausschnitt im Regionalfernsehen gesehen.

Finde es sehr gut, dass diese schlimme Zeit nicht vergessen wird.

Auch wenn eigentlich alles zum Weinen ist, kann man trotzdem über die Möchtegern-Stasi richtig lachen. Sie wollten alles wissen, waren aber
trotzdem zu dumm das zu können.
#3 Staatssicherheitstheater, Berlin: traurigUwe Dag Cottbus 2018-12-15 12:44
Bekommt man jetzt schon Szenenapplaus und gute Kritiken, wenn man einfach nur wieder THEATER macht in der Volksbühne statt Susanne Kennedy? So mit Kostümen und Dialogen und fahrenden Bühnenbildern? Es war belanglos, langweilig und oll und vor allem traurig
#4 Staatssicherheitstheater, Berlin: Sehnsucht nach Theaternachgedacht 2018-12-15 13:35
@3: ich war nicht drin, finde die frage aber sehr bezeichnend... in diesm szenenapplaus (sei er nachvollziehbar oder auch nciht) wird doch eins am meisten deutlich: das publikum SEHNT sich nach theater im ursprünglichen sinn... denn anders könnte ich ja auch fragen: bekommt man jetzt grölenden szenenapplaus einfach nur, weil man glasfaserkabelleitungen, lievkamera overkill (bei extrem wenig inhalt und extrem wenig schauspielkunst) zusammenbringt? (...)
#5 Staatssicherheitstheater, Berlin: gegangenSue Schauer 2018-12-15 14:59
Bin nach ca. 40 Minuten gegangen. Zu banal und kraftlos. Ein „Reclaim Volksbühne“ Abend war das leider nicht.
#6 Staatsicherheitstheater, Berlin: Ringo StarrOliver Held / Berlin 2018-12-16 10:56
Gestern bin ich U-Bahn gefahren und am Rosa-Luxemburg-Platz stiegen zwei Besucher von Leander Haußmanns "Stasitheater" zu. Und der Mann sagte zu seiner Begleiterin im Wortlaut: " Irgendwie ist es so, als wenn ein Clubbesitzer die Beatles gefeuert hätte, um stattdessen die Session-Band "Ringo Starr and Friends" einzukaufen."
#7 Staatsicherheitstheater, Berlin: NachfrageRingo 2018-12-16 11:12
@6. Galt das Haußmann oder dem gesamten Spielzeitprogramm bisher?
#8 Staatssicherheitstheater, Berlin: ClownsSascha Krieger 2018-12-16 13:48
(...)Die Zerstörung, welche der Stasi-Apparat anrichtete, wird bestenfalls gestreift – was man an dem Abend kritisieren kann – der Fokus liegt auf dem Staunen über die Ineffizienz, die sich in den Schwanz beißende Paranoia und die Lächerlichkeit eines Unterdrückungsregimes, das sich am Ende selbst abschaffte.

Und das zutiefst theatralisch war: Jeder spielte eine Rolle, die Überwacher ebenso wie die Überwachten. Und so findet Haußmann des Kern seines Stücks im Spiel, im Als-ob, in der Performance. Dieses Mietshaus ist nicht nur im Wortsinn Bühne. Man verkleidet, verbirgt, maskiert sich – Mosbach hat seinen Durchbruch als „Künstler“ passend in einem Sascha-Anderson-Outfit – wendet sich immer wieder zur Rampe, sein wahres Publikum da draußen wissend. Ständig wird performt, die Eifersucht, die Liebe sowieso, die Kunst erst recht, und von der Macht reden wir gar nicht erst. Schnell stellt sich die Frage nach dem Schein und dem Sein nicht, denn alles ist ersteres. Man darf dem Abend vorwerfen, dass das auf Kosten seiner Tiefe geht, aber die Extreme, in die Haußmann dieses Theater-Land treibt sind atemberaubend. es regiert der Slapstick, am eindrucksvollsten in der langen Szenenfolge, in der ein konspirativer Zersetzungsauftrag des Neu-Spitzels Ludger gehörig schief geht und zum Tod des Vaters und dem Beginn einer eigenen Beziehung samt Dichterkarriere führt. Dass das alles andere ist als verharmlosend, belegt Stöß‘ anschließender massiver Gewaltausbruch gegen den seine Pflichten verletztenden Ludger. Das Lachen wird hier eher noch lauter, aber es kratzt schon arg im Hals.

Am Ende kippt das Geschehen vollends ins Absurde: da wird der Stasi-Staat als absolutistischer Barockhof re-imaginiert, bevor sich alles in einer ins Nichts gerollte Szene-Kneipenminiaatur auflöst. Das Spiel ist längst Selbstzweck geworden, die Party steigt im Nirgendwo, die Gespenster feiern sich und sind doch längst vergangen. Denn so wie Haußmann zu beginn die Vergangenheit aus der Tiefe holt, lässt er sie am Ende wieder dort verschwinden. Das Dichter-Geheimnis bleibt unentdeckt, die Stachel, die einst der Frühstücksei-Fanatiker Mielke setzte, wirken weiter, die „Famielke“, von der er, ganz Mafia-Pate, faselte, bleibt nach wie vor in so mancher Hirnwindung von Opfer wie Täter eingenistet. Also wird weiter gespielt und gescheitert. Immer weiter, das Ende nicht nur einmal verpassend, ausufernd, mit schiefem Timing, zerfasernd und immer und immer wieder den falschen Ton treffend. Ja, da ist eine Menge Castorf-Spirit zu spüren, aber auch der improvisatorische geist des DDR-Alltags. Haußmann, Stöß und Dag Berlin haben einst gemeinsam in Gera Schauspiel studiert, ein Graffito brachte Stöß hinter Gitter, teile ihrer Stasiakten befinden sich im Programmheft. jetzt kehrt die Vergangenheit zurück, wird die Geschichte wiederholt, als Farce, wie Marx vorhergesagt hatte. Die einen bleiben beglückt zurück, die anderen verärgert (Was ist mit dem Widerstand? Den Opfern? Den Verbrechen?). Leander Haußmanns Blick ist selektiv, subjektiv, der eines Clowns, ein Chaplin-Wiedergänger, der in The Great Dictator die Verbrechen weglachte und sie eben dadurch affirmierte. Reiben kann man sich an diesem Abend und das ist doch schon mal eine gute Parallele zu dem, was hier einst geschah.

Komplette Rezension: stagescreen.wordpress.com/2018/12/16/aus-der-versenkung/
#9 Staatsicherheitstheater, Berlin: Kraft gespürtIrmela Kammelt 2018-12-16 14:17
Ich staune hier immer über die Ignoranz, die die äußeren Gegebenheiten für diese Spielzeit an den Tag gelegt werden.
Ich habe Haußmanns Inszenierung gestern gesehen und ich muss sagen, dass es mir nicht nur gefallen hat, sondern, dass da auch wieder eine Kraft zu spüren war, mit dem ganzen Theater, den Schauspielern und den Gewerken ein Ding auf die Bühne zu stellen. Ich hatte an vielen Stellen das Gefühl von deja vu, was die Piefigkeit der Stasi und den Blick auf das von ihr überwachte Volk inkl. ihre eigenen Angehörigen. Es gehört ja immerhin auch dazu, dass sie sich auch gegenseitig kontrollierten.
Ich habe herzlich gelacht. Aber nicht nur. Über Uwe-Dag Berlins Wutrede kann man mal nachdenken. Ist sicher nur eine Facette des Problems, aber vielleicht nicht die kleinste.
Ich hoffe, dass es zum einen viele sich die Inszenierung anschauen und auch einige des Ensembles der gestrigen Aufführung bei der Volksbühne andocken können.
#10 Staatssicherheitstheater, Berlin: WingsOliver Held / Berlin 2018-12-16 17:44
@#7
Der abgelauschte Ringo Starr-Vergleich des Volksbühnen-Besuchers galt wohl in der Tat nur Leander Haußmann. Zu Klaus Dörrs gesamten Spielzeitprogramm hätte dem Mann wohl eher eine Parallele zu den "Wings" einfallen müssen. Paul McCartneys Schlagertruppe nach den Beatles mit der Hitsingle "Silly Love Songs".
#11 Staatssicherheitstheater, Berlin: AltherrentheaterAndreas 2018-12-22 19:26
Leider ist die Zeit von Sonnenallee und Good Bye Lenin vorbei. Im doppelten Sinne!!! Die Macher schwelgen in Ostalgie und in der Sehnsucht, Geschichten über diese Zeit erzählen zu können. Die Macher haben in den 90iger Jahren entscheident zum Aufkommen des DDR-Genres in Film und Theater und den damit verbundenen DDR Hype, beigetragen. Doch was vor 20ig Jahren frisch und liebenswert schrullig gewesen ist, ja sogar teilweise eine friedliche Versöhnung mit der Vergangen im Kern getragen hat, wirkt heute überholt und unzeitgemäß. Warum porträtieren die Macher nicht an die Söhne und Enkel dieses „Staatssicherheitstheaters“ ? Wäre schon spannend und lustig was ein Haußmann oder Holler über den AFD-Wähler in Lichtenberg zuerzählen hätte. Als müsse die Zeit zurück gedreht werden. Dies ist keine Sehnsucht nach Theater, dies ist Sehnsucht nach alt bekannten, längst zur Schablone gewordenen Platitüten. Haben wir nicht genug Staffeln von „Weissensee“ ertragen müssen?
Schade das dem Ansatz des Theaters von Dercon mit all seiner Imperfektion nicht genug Zeit zum „Vorwärts-Denken“ gegeben wurde. Stücke von Susann Kennedy,Albert Serra und Boris Charmatz, sind datu im vergleich avantgardistisch und zeitgemäß. Auch hatten Sie alles was die „alte Volksbühne“ ausmachte,vor allem die Kraft neue kontroverse Theaterformen und deren Inhalte auf die Bühne zubringen. Schade das wir jetzt stattdesen Stadttheaterniveau haben und dies die „Sehnsucht nach echten Theater“, ja die Rettung der Volksbühne sein soll. Man will den Machern zurufen, legt endlich das ewig gestrige ab und kommt ins Heute, dann können wir das morgengestalten. Cheers
#12 Staatssicherheitstheater, Berlin: das Einzigekoch 2018-12-23 21:39
Alt sind Serra, Kennedy etc. , die sich auf den Errungenschaften des letzten Jahrhunderts ausruhen und natürlich auch Haußmann. Nur besinnt er sich noch auf Menschen, das Einzige was Theater einzigartig macht. Puppen, Langsamkeit, Video... , wie alt ist das?
#13 Staatssicherheitstheater, Berlin: ServusClaudia 2018-12-25 18:23
„Nur besinnt er sich auf den Menschen, das einzige was Theater einzigartig macht“.? Na toll, die gesamte Postmoderne Entwicklung ist nun entgültig an Berlin vorbei gegangen.
#14 Staatssicherheitstheater, Berlin: vertane ChanceRuprecht Frieling 2019-01-25 13:12
Ein grandioses Bühnenbild macht allein leider noch kein gutes Stück. Inhaltlich hat Regisseur Hausmann viele Chancen verspielt, die das Thema der Bespitzelung der kulturellen Subkultur der DDR durch die Stasi auf dem goldenen Tablett serviert. Es bleibt eine weitgehend an der Oberfläche treibende klamaukige Inszenierung, die besser in die derzeit im Schiller-Theater residierende Komödie passen würde.

[...]

(Teile des Kommentars entsprechen nicht den Kommentar-Regeln. Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion)

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