Der diskrete Charme der Ost-Künstlerbohème

von Christian Rakow

Berlin, 14. Dezember 2018. Das muss er gewesen sein, der schnellste Szenenapplaus der Saison. Da sitzt man also erst und blickt ins kahle Rund der Volksbühne, enttäuscht, weil Leander Haußmann ja Schauwerte versprochen hatte und jetzt alles leer ist, aber es kann natürlich immer auch Verarsche sein. Silvia Rieger tritt aus einer Falltür hervor, und immerhin schieben Bühnenarbeiter ihr noch zwei Kabuffs heran.

Doch plötzlich regt sich die Bühnenhydraulik, und ein kolossales Stockwerk steigt auf und noch eines, so dass schließlich ein dreigeschossiges Haus aufragt, mit Schlaf- und Wohnzimmern, Dachboden, Bar im Keller und Stasi-Büros, nur echt mit Honecker-Bild und Parteilosung. Alles herrlich abgerockt im Stile der vergilbten DDR-Endzeit. So also brandet der Applaus auf, für Bühnenbildner Lothar Holler, der die Volksbühnenwerkstätten endlich wieder schwitzen ließ, und natürlich für Haußmann, den ollen Trickser.

Geheimdienstgeschichte schrullig geschultert

Alle, die ich traf, hatten schlechte Erinnerungen an Haußmanns letztes Volksbühnen-Vorspiel anno 2011 mit Ibsens Rosmersholm. Ich nicht, ich mochte dieses schief in den Saal gehängte Genregemälde mit seinem irrlichternden Hinterwitz. Man muss das vorweg schicken, weil auch "Haußmanns Staatssicherheitstheater" ein Faible fürs Schrullige verlangt.

Haussmanns Staatssicherheitstheater 2 560 Harald Hauswald uBunte Hunde im grauen Haus der "Famielke" in "Haußmanns Staatssicherheitstheater" © Harald Hauswald

Haußmanns Komödie zeigt das Ministerium für Staatssicherheit um Erich Mielke beim hochnotpeinlichen Versuch, die avantgardistische Künstlerszene des Prenzlauer Berg der 1980er mit Inoffiziellen Mitarbeitern zu infiltrieren. Der Handlung vorgeschaltet ist ein langes Nachwende-Intro, das zunächst einen ehemaligen IM in seiner Leugnungsakrobatik vorführt und dann mit weitaus ernsterem Gestus, quasi als auktoriale Stimme, die missratene Aufarbeitung der Geheimdienstgeschichte anmahnt. Die verpasste Integration von Stasi-Mitarbeitern wirke noch in kleinbürgerlichen Kränkungsphänomen wie Pegida etc. nach, so die These, die Haußmann in seinen jüngsten Interviews gleichwohl eine ganze Ecke spritziger vorgetragen hat als hier in seinem Dramentext. Überhaupt müssen Silvia Rieger, Horst Kotterba und Uwe Dag Berlin eingangs mächtig schuften, um den länglichen Prolog zur Rampe zu stemmen.

In Prenzelbergs Tollhäusern

"Sind Sie der, über den eine Akte angelegt wird, oder der, der die Akte anlegt?" Diese Kernfrage des Stücks hat Andreas Dresens Film "Gundermann" mit Alexander Scheer in der Titelrolle gerade mit großer Sensibilität und in aller menschlichen Zerrissenheit durchgespielt. Von Haußmann war ein vergleichbares Psychogramm nicht zu erwarten. Trotz biographischer Grundierung seines Sujets. Haußmann wurde selbst von der Stasi observiert, sein Vater Ezard hatte zehn Jahre Berufsverbot; der Fall des Dichters und IM-Spitzels Sascha Anderson lagert im Hintergrund seiner Prenzelberg-Geschichte.

Haussmanns Staatssicherheitstheater 4 560 Harald Hauswald uPreußisch-ostdeutsche Ausstattung: Die Volksbühnen-Werkstätten dürfen zeigen, was sie können. Und der Abend versammelt Spieler*innen aus Ex-Volksbühne, Ex-Berliner-Ensemble und Haußmanns Filmen. © Harald Hauswald

Aber nein, Haußmann ist schon eher der Tollhäusler und Budenzauberer. Und also lässt er alles Psychologische und Agitatorische noch rechtzeitig fallen und biegt mit dem fabulös väterlichen Waldemar Kobus als Minister Mielke in die Stasi-Klamotte, wo potenziell jeder jeden bespitzelt und alle gefühlt zur Familie bzw. "Famielke" gehören. Uwe Dag Berlin schult mit lässiger Clownerie junge IMs (Spieler der Hochschule "Ernst Busch") im darstellerisch souveränen Umgang mit Hermann Hesse oder den Rolling Stones. Also den Sachen, die man braucht, wenn man sich bei "NegDeks" ("Negativ Dekadenten Elementen" vulgo Dissidenten) einschleusen will.

In der zweiten Hälfte darf dann einer der Youngster, der Protagonist Ludger Fuchs alias IM "Bunter Hund", in Peter-Sellers-Manier bei einer Bürgerrechtlerin zuhause einsteigen, um deren Privatleben durcheinander zu bringen. Wobei sich Matthias Mosbach und Antonia Bill elegant zwischen Slapstick und Musical einschwingen. Zur Krönung zieht Mosbach blank, um in Anspielung auf Wolf Biermanns Diktum von "Sascha Arschloch" ein Gedicht von Sascha Anderson zum Besten zu geben.

Charmantes Hintergrundrauschen

Jetzt muss man klar sagen: Der Abend wirkt beileibe nicht zu Ende geprobt, es fehlt an Timing und Feintuning, zwischen hellen Geistesblitzen flackert die Inszenierung geraume Strecken auf Sparflamme. Und doch entwickelt das Ganze einen eigentümlichen Reiz. Weil dieses Aushalten des Imperfekten, diese rotzige "Scheiß egal"-Attitüde, dieses Raue und Ungeschliffene ja doch selten geworden ist. Zumal an diesem Ort, der bis zu Castorfs Abschied so etwas wie das Woodstock der asozialen Kunst war.

Haussmanns Staatssicherheitstheater 1 560 Harald Hauswald u Wieder unter einem Dach:  Horst Kotterba und Silvia Rieger © Harald Hauswald

Und so historisch und lokalspezifisch genau wird auch nicht oft gearbeitet. Da spielt Sir Henry auf der Heimorgel wunderbar diskret Ost-Classics der 1980er als leises Hintergrundrauschen ein, da reichern Projektionen aus Stasi-Akten das Geschehen an, da sitzt der Sprachgebrauch bis in die letzte bürokratische Verkantung hinein. Noch die Musical-Nummern von Bettina Wegners Plädoyer für die Traurigkeit bis zu "Artig" von Feeling B sind glänzend ausgewählt.

Der Abend ist Retro, klaro, aber es gibt auch nicht viele, die sich um diese Zeiten des abnehmenden Lichts vor '89 kümmern. Die seinerzeit noch hinreichend stark den Geist der Dissidenz aufgesogen haben, um davon glaubhaft zu erzählen. Und die für ihre Geschichte so wunderbar schräge Spieler*innen versammeln, aus Ex-Volksbühne, Ex-Berliner-Ensemble und Haußmanns Filmen. Am Schluss wirds eigentlich zu viel, da tänzelt – vermutlich nur als Premieren-Special – the real Alexander Scheer als sexy Transe herein und legt mit the real Detlev Buck (in der Uniform des Volkspolizisten) eine "Sonnenallee"-Reminiszenz aufs Parkett. Haußmann gibt dem Affen Zucker, ach was, er haut Zucker raus, dass es den Affen fast umhaut. Irre. Aber wenn die Wahl steht: Sweet Scheer oder Schonkost? Wer möchte da kein Affe sein?

Haußmanns Staatssicherheitstheater
von Leander Haußmann
Text und Regie: Leander Haußmann, Bühne: Lothar Holler, Kostüme: Janina Brinkmann, Musikalische Leitung: Sir Henry, Licht: Henning Streck, Theaterfotografie: Harald Hauswald, Dramaturgie: Steffen Sünkel.
Mit: Uwe Dag Berlin, Antonia Bill, Waldemar Kobus, Horst Kotterba, Matthias Mosbach, Christopher Nell, Silvia Rieger, Eric Spiering, Norbert Stöß und Lennart Hillmann, Karl Schaper, Daniel Felix Adolf (Studenten der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch") sowie Sir Henry (Piano), Herman Herrmann (Gitarre), Elise Brehmer (Cello), Oscar Stöß (Trompete).
Premiere am 14. Dezember 2018
Dauer: 3 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.volksbühne-berlin.de

 

Kritikenrundschau

"All die reich enthaltenen Schein-Sein-Diskrepanzen" dieser Stück-Konstruktion, "die auf geradezu Shakespeare'sche Weise auf den Grund der menschlichen Existenz führen könnten, die Raum für tiefe Tragik, nostalgische Melodramatik und vielbödigen Verwechslungshumor ließen, wurden für diese Theaterpremiere nur nachlässig und selbstunterwandernd aninszeniert", beschwert sich Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (15.12.2018). "Es gibt schön ausgedachte, aber immer verhuschte und irgendwie in die Ecke gespielte Auftritte zum Beispiel von Waldemar Kobus, Uwe Dag Berlin und Silvia Rieger (...). Widerstand, Dichtkunst, Liebe und Stasiperversion werden parodiert, bis alles gleich harmlos und peinlich ist, sodass es angebracht ist, den dreieinhalbstündigen Abend bereits auf der Bühne in eine Party übergehen zu lassen."

"Es ist die erste große Eigenproduktion im Sprechtheater an diesem Haus in dieser Spielzeit. Symbolwert: theaterhimmelhoch", schreibt Tobi Müller auf Spiegel online (15.12.2018), zu Stasi und zur Berliner Bohème der Achtzigerjahre falle Haußmann nicht ganz so viel ein. "Was die späte DDR und ihr Bohème-Park Prenzlauer Berg verbindet und was Überwachung mit den Menschen bis ins Schlafzimmer hinein macht, das wären die Fragen", Haußmann, "der furchtlose, melancholische, hibbelige und humorhochbegabte Junge von 59 Jahren", stelle sie ein paar Mal, aber nur kurz in diesem "Wundenleckerabend, ein Wiederaneignungstheater, das vor lauter therapeutischer Rückführung sein Thema verschenkt". Fazit: "Alles verdoppelt sich, aber nichts wird klarer, sondern nur nostalgischer."

"Große und kleine Lebenslügen" im 'üblichem Haußmann-Humor' bietet der Abend nach Sicht von Cora Knoblauch im rbb 24 (15.12.2018). "Bemerkenswert ist neben der durchweg großartigen Schauspielleistung das Bühnenbild von Lothar Holler." Problematisch nehme sich die lange Dauer des Abends aus. Die "Zuschauer versinken nach knapp vier Stunden langsam ermüdet in ihren Sitzen".

Karim Mahmoud vom Berliner Kurier (15.12.2018) hat sich beim prominenten Premierenpublikum umgeschaut und von Ex-Volksbühnenintendant Frank Castorf sein Urteil zu diesem Abend erfahren: "Das ist Studententheater. Hätte Haußmann mal besser noch ein paar Filme gemacht."

Die Darsteller Uwe-Dag Berlin und Norbert Stöß "spielen jetzt die Gegner von damals, die Deppen von der Sicherheit. Ein privater Spaß mag das sein, der niemanden mehr interessiert. Aber unter die Haut geht er doch." So urteilt Michael Laages im Deutschlandfunk (15.12.2018) über Haußmanns "sonderbaren Abend", der eine Handvoll "wirklich schöner, großer und berührender Momente" besitze.

Der Abend wirkt für Rüdiger Schaper vom Tagesspiegel (16.12.2018) "wie eine schöne Rache am alten System, das viele Menschen aus der Arbeit warf, aus ihren Lebensentwürfen", und bietet einen "Reigen von Szenen, Skizzen, Musiknummern". Auch finde er kein Ende. "Gute alte Castorf-Schule. Wie gesagt, vieles wie früher. Und früher war ja auch nicht alles gut." Haußmann zeige einen "VEB Flach und Lach" und erinnere an die "Entertainerhoheit des Ostens", die die Volksbühne der 1990er behauptete. "Aber jetzt haben wir fast schon 2019, und da kann diese versöhnliche Art irritieren, diese Demonstration von Gemütlichkeit, diese Sehnsucht nach einer Jugend, die sich fast überall verklärt."

Das Stück trete zumeist fatal auf der Stelle, schreibt Irene Bazinger in der FAZ (17.12.2018). "Irgendwie hat es schon mit der Staatssicherheit zu tun, doch höchstens in Form von lockeren Anekdoten und beiläufigen Beobachtungen. Wer sich mit der Materie nicht auskennt, wird – so weit bei all der Nuschelei akustisch verständlich – am Ende nicht viel klüger geworden sein." Es seien höchstens szenische Skizzen, die Haußmann notdürftig aneinanderreihe, ergänzt um ein paar Kalauer. Bazingers Urteil: zäh, läppisch, unbunt. Haußmann mache nicht die Stasi lächerlich, sondern bloß sich und seine Inszenierung.

Bernd Noack von der Neuen Zürcher Zeitung (16.12.2018) erlebte "ein Volksbühnenfest der hundert vermissten Glanzlichter einer Zeit, die man schon ad acta gelegt hatte". Und weiter: "Nur hier darf es noch einmal aufleben, das rebellische, durchaus ostalgische Lebensgefühl, lässt sich das kratzige Odeur des auch schon etwas ranzigen Prenzlauer-Berg-Parfums schnuppern, gehen Kunst und Politik eine Symbiose ein, die auf keinem Wahlzettel zu finden ist." Die Stasi-Horror-Picture-Show laufe ab wie von Minister Mielke geschmiert, und sie ereigne sich vor allem in einem Wunderwerk der Bühnenbildkunst.

Reinhard Wengierek von der Welt (16.12.2018) erlebte "dreieinhalb erregende, erhellende, ermüdende, dann wieder aufreizend komische, bloß blödelnde, aber auch tieftraurige und grauenvolle Stunden". Haußmanns "schaurige Stasi-Witz-und-Schrecken-Aufführung" wolle nicht weniger als ein Welttheater stemmen. "Und man muss sagen: Er hat sich mal mehr, mal weniger verhoben dabei – pointierte Szenen, geschliffene Bonmots, durchdachte Reminiszenzen wechseln mit Betulichkeiten, aufdringlichem Gewusel, klamottiger Effekthascherei."

Stilistisch schwanke der Abend "zwischen Stoßseufzer und Bauerntheater samt Ehebruchs-Kabarett, Im-Schrank-Verstecken, Stasi-Trotteligkeit und ähnlich feinsinnigen Scherzen", fasst es Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (18.12.2018) zusammen. Am stärksten sei der Abend in den Passagen der offen ausgestellten Ratlosigkeit: "Was macht man jetzt mit all diesen Erinnerungen und Überresten einer etwas seltsamen Vergangenheit? Manchmal wirkt die Inszenierung, als wollte sie das alles, Stasi-Spitzel, viertelbegabte Undergrounddichter und verkrachte Ehen, einfach ans Herz drücken."

Christoph Dieckmann schreibt in der Zeit (online 20.12.2018, 13:57 Uhr): Leander Haußmann habe versucht, die Stasi dem "befreienden Volksgelächter preiszugeben", tatsächlich sei gelacht worden. "Und gegähnt."- "Ödere Lustbarkeit" als die erste Halbzeit lasse sich "schwerlich denken". Star des Abends sei das Bühnenbild von Lothar Holler: "ein dreistöckiger Altbau, vorstellbar im Ostberliner LSD-Viertel (Lychener/Schliemann-/Dunckerstraße)". Das Innenleben des Hauses per Kamera auf zwei seitliche Bildwände übertragen. Die "krawallige Clownerie" des Stücks unterlaufe und relativiere "sein großes Thema".

 

 
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