Schostakowitschs unbekannte Geliebte

von Willibald Spatz

Augsburg, 12. Januar 2019. Endlich angekommen in der endgültigen Zwischenlösung. Nachdem im Staatstheater jetzt wirklich bald mit der Sanierung begonnen werden kann – archäologische Funde und die Bereitstellung von Fördergeldern hatten den Start der Arbeiten eine Weile verzögert –, wurde nun auch in der neuen Brechtbühne auf dem ehemaligen Gaswerksgelände der Spielbetrieb aufgenommen. Auf diesem Areal gab es bereits eine Interims-Interimsspielstätte im Kühlergebäude, wo im September "Gas" von Georg Kaiser gezeigt wurde (zur Nachtkritik vom 28. September 2018).

Die neue, nun fertig gestellte Brechtbühne ist im sogenannten Ofenhaus untergebracht, und sie ist so beeindruckend geraten, dass sie problemlos auch dauerhaft benutzt werden könnte, also auch nachdem das Große Haus wieder eröffnet sein wird. Es gibt sogar ein Parkhaus und eine eigene Gastronomie, also weit mehr als man von einem Provisorium erwarten würde. Dem nicht gerade zentral gelegenen Augsburger Stadtteil Oberhausen tut die kulturelle Belebung jedenfalls sehr gut.

Neuer Ort, ausholende Geschichten

Zur Eröffnung sollte es dann auch etwas Besonderes, etwas Fulminantes sein. Regisseurin Nicole Schneiderbauer hat mit der Dramaturgin Kathrin Mergel aus William T. Vollmanns Tausend-Seiten-Roman "Europe Central" von 2005 einen vierstündigen Theaterabend extrahiert. Die Handlung umfasst die Zeit vom 1906 bis 1975, also exakt die Lebensdaten des Komponisten Dmitri Schostakowitsch. Vollmann hat seinerzeit Briefe einer gewissen Elena Konstantinowskaja übersetzen lassen. Diese war eine der Schostakowitsch-Forschung bislang unbekannte Geliebte des Meisters.

europe central1 560 jan pieter fuhr uAuf den grauen Hügeln des 20. Jahrhunderts: "Europe Central" mit Ellen Mayer, Karoline Stegemann, Ute Fiedler, Katharina Rehn © Jan Pieter Fuhr

Die Beziehung der beiden ist der Kern von "Europe Central". Darüber hinaus werden der Faschismus und Stalinismus und die Weltkriege und deren Folgen verhandelt. Dazu verwendet Vollmann ein Dutzend Erzählperspektiven und lässt etliche Künstlerpersönlichkeiten als Nebenfiguren auftreten, weil sie Kontakt hatten mit Elena Konstantinowskaja oder Schostakowitsch und dessen Werk. Ganz zentral stehen hier Käthe Kollwitz und die russischen Dichterin Anna Achmatowa.

Hochmusikalische Verbindung

Diese Vielzahl an Stimmen übernehmen nun in der Augsburger Inszenierung sechs Schauspieler*innen. Mal erzählen sie zum Publikum gewandt die Geschichte, mal schlüpfen sie in konkrete Rollen, mal liegen sie auch nur als menschliches Mobiliar auf der ansonsten fast leeren Bühne von Miriam Busch herum. Ellen Mayer musiziert inmitten des Geschehens. Dafür stehen ein Flügel und eine Harfe bereit, wobei der Flügel allerdings vor allem als Perkussionsinstrument für eine düster-drohende Geräuschkulisse eingesetzt wird.

Schostakowitschs Karriere war ein ständiges Hin und Her. Einmal war er der Regimesuperstar, der Propagandasoundtrack zu liefern hatte, zum Beispiel bei der Belagerung von Leningrad. Schostakowitsch war unter den Eingeschlossenen und komponierte in der Zeit seine berühmte siebte Sinfonie. Zur Fertigstellung und Uraufführung wurde er extra aus der Stadt ausgeflogen. Dann erregte er mit seinem Kompositionsstil und seinen Äußerungen auch immer wieder das Missfallen der Herrschenden. Woraufhin er und seine Familie heftig heftig unter Druck gesetzt wurden.

europe central3 560 jan pieter fuhr uGefallener Flügel in "Europe Central", auf dem keine Liebes-Sonate, sondern eine düster-drohende Geräuschkulisse entsteht © Jan Pieter Fuhr

Am Eindrücklichsten gelingt in der Aufführung der mittlere Teil, bei dem es um die Ereignisse im Zweiten Weltkrieg geht. Mit Stoffbahnen wird ein Kreis ausgelegt, der sich immer enger schließt und die existenzielle Not der belagerten Menschen fühlbar macht. Grau in Grau sind diese beklemmenden Bilder, die auch gut zum Text passen. Die Zuschauer bekommen am Eingang Kopfhörer ausgeteilt. So können die Schauspieler leise flüstern und dennoch voll verstanden werden. Dieser Effekt wirkt hier am stärksten.

Besonderes wagen

Der Anfang dagegen macht es einem schwer, sich auf das Geschehen einzulassen. Man muss sich viel bedeutungsschweres Gezappel ansehen, das eigentlich nur krampfhaft Romantext bebildern soll. Nur langsam findet die Inszenierung ihren Rhythmus. Als Zuschauer hat man es schwer, sich auf die sperrige Umsetzung einzulassen. Der dritte und letzte Teil wiederum hastet dermaßen schnell durch die letzten Lebensjahre Schostakowitschs, dass er so auch bei Wikipedia eingestellt werden könnte.

Damit hat "Europe Central" ein Problem, das viele Bühnenadaptionen von Romanen besitzen: Sie ersetzen die Lektüre des Buchs nicht, sind als Text zu sprunghaft und fragmentarisch, um als eigenständiges Stück unabhängig von ihrer Vorlage durchgehen zu können. Ein besonderer Auftakt für eine neue Ära des Stadttheaters war es dennoch. Immerhin wird hier noch etwas gewagt.

Europe Central
(Uraufführung)
Nach dem Roman von William T. Vollmann
In einer Bühnenbearbeitung von Nicole Schneiderbauer und Kathrin Mergel
Übersetzung: Robin Detje
Regie: Nicole Schneiderbauer, Bühne und Kostüme: Miriam Busch, Video: Stefanie Sixt, Musik: Ellen Mayer, Dramaturgie: Kathrin Mergel.
Mit: Ute Fiedler, Katharina Rehn, Karoline Stegemann, Patrick Rupar, Roman Pertl, Ellen Mayer.
Dauer: 4 Stunden 10 Minuten, 2 Pausen

www.staatstheater-augsburg.de

Kritikenrundschau

Für Berndt Herrmann bleibt "ein zwiespältiger Eindruck übrig": "'Europe Central' lotet einerseits die Möglichkeiten von Theater auf beeindruckende Weise aus und kann selbst den Skeptiker, der fragt, warum dicke Romane unbedingt auf die Bühne müssen, über weite Strecken seine Zweifel vergessen lassen", schreibt Herrmann im Donaukurier (14.1.2019), "andererseits bleiben Defizite, Leerstellen und die zwangsläufigen Verluste, die entstehen, wenn die eine Gattung, der Roman, in eine andere, das Theaterstück, übertragen wird."

"Dieses Buch ist aufgrund seiner Informationsdichte eminent schwer zu dramatisieren. Indem es die Regisseurin Nicole Schneiderbauer ambitioniert dennoch wagte, ehrt und achtet sie das Publikum", schreibt Rüdiger Heinze in der Augsburger Allgemeinen Zeitung (14.1.2019). "Hier sind Ironie, Albernheiten, größtmögliche Distanz zum Autor – gerade eine Lieblingshaltung an deutschen Theatern – für einen Abend außer Kraft gesetzt, weil fehl am Platz." Vollmanns Buch sei "eine Riesenfuge, eine Riesentodesfuge", und Schneiderbauers Inszenierung "über weite Strecken inhaltlich beklemmend, emotional angreifend, optisch packend", so Heinze. "Bedauerlich, dass die Uraufführung durch den langen Kriegsbericht des deutschen Soldaten und durch die doch etwas stichwortartig aufgesagten letzten Lebensstationen Schostakowitschs – sechs Schauspieler verkörpern ihn in diesem Moment –etwas an Eindringlichkeit verliert".

 

 

 
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