Paarhölle deluxe

von Katrin Ullmann

Hamburg, 18. Januar 2019. Selten ist ein Ende so gewiss, selten ein Stückausgang zu unverrückbar: Wenn Edward Albees "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" auf dem Spielpan steht, ist klar, dass diese exzessive Bourbon-Party bis zum bitteren Schluss gespielt werden wird. Bis zu dem Moment, in dem George behauptet, der Fantasie-Sohn, den seine Frau Martha sich mehr als 20 Jahre imaginiert hat, sei auf einer Landstraße tödlich verunglückt. Sei mit dem Auto frontal gegen einen Baum gerast.

In Karin Beiers Inszenierung ist dieser Baum von Anfang an da. Mitten im Raum hat ihn Bühnenbildner Thomas Dreissigacker wachsen lassen; völlig ast- und blattlos bis in den Bühnenhimmel. Tatsächlich ist er mehr Stamm als Baum. Wie er da im sonst leeren, kühlen Loft des hassliebenden Paares steht, ist er natürlich auch ganz schön schick. Doch an diesem Abend ist jener Baum auch das sogenannte "Tschechowsche Gewehr". Denn, so meinte der russische Schriftsteller, wenn im ersten Akt ein Gewehr an der Wand hängt, wird es spätestens im zweiten Akt abgefeuert werden.

VirginiaWoolf 560 ArnoDeclair uMaria Schrader und Devid Striesow, im Hintergrund der Baum © Arno Declair

Dass der Baum in Albees Stück erst im dritten Akt zum Einsatz (ja eigentlich nur zur Sprache) kommt, mag am erhöhten Alkoholkonsum der Charaktere liegen. Feststeht: Der Baum ist da, das Ende gewiss. Und bis dahin müssen alle durchhalten. Die Menschen auf der Bühne (und die im Publikum). Sie müssen durch den Rausch und die Demütigungen, durch Liebe und Hass, Ekel und Erotik, durch Peinlichkeiten und Penis-Vergleiche.

Entfesselung ist ansteckend

Am Hamburger Schauspielhaus laden Maria Schrader und Devid Striesow zu dieser längst legendären Afterparty ein. Als wohlsituiertes Akademikerpaar streiten, schreien, hassen und trinken sie – und haben Gäste. Matti Krause und Josefine Israel spielen das ahnungslose, junge Paar Nick und "Süße". Und wenn die beiden Gastgeber sich – alkoholisiert, weltgewandt, süffisant, brutal – durchs Eigenheim jagen, stehen sie lange Zeit wie aus dem Nest gefallene Vögelchen im Raum. Sie halten sich an ihren Gläsern fest, sprechen nur, wenn sie gefragt werden, und das tun sie dann so herzzerreißend zaghaft, dass man ihnen augenblicklich ein Taxi rufen möchte, um ihnen den zerfleischenden Rest des Abends zu ersparen.

VirginiaWoolf1 560 ArnoDeclair uJosefine Israel, Matti Krause, Maria Schrader, Devid Striesow und der Bourbon © Arno Declair

Doch eilig wird den beiden Bourbon ein- und nachgeschenkt und bald überwiegt sogar bei "Süße", der Josefine Israel (herrlich präzise!) ein dünnes, perlendes Lachen anheftet und einen meist konziliant geneigten Kopf, die Neugier. Auf das, was kommen mag. Auch Matti Krause schält seinen zunächst verstockten Nick bald aus jeder Verlegenheitspose (und auch aus dem Muttersöhnchen-Karo-Jackett). Dann badet Nick in Komplimenten zu seinen Boxkünsten, seiner blitzartigen Akademikerkarriere und besonders in den gierigen Blicken der Gastgeberin – die er nur wenig später, völlig angesext, durch eine grandiose, ekstatisch-akrobatische Tanzpartie wirbelt.

Ins Whiskeyglas gemurmelt

Unbestritten sind Maria Schrader und Devid Striesow als Martha und George die Spielmacher des Abends. Diese beiden hassliebenden Figuren haben Verabredungen, die keiner kennt – vielleicht nicht einmal sie selbst. Unausweichlich steuern sie den Abend auf sein Ende zu. Mit Beschimpfungen und Beleidigungen, aber auch mit Sprachwitz, Küssen, Nervenkitzel – Schrader und Striesow spielen diese Spieler mit großer Hingabe, Differenziertheit und zugleich mit einer fast nonchalanten, professionellen Selbstverständlichkeit. Mal murmelt Striesow – saturiert und selbstzufrieden – Frauenfeindliches in sein Whiskeyglas, mal brüllt er animalisch, mal lauert er wie ein Tiger auf sein nächste Opfer, mal mimt er stoische Gelassenheit. Schrader hingegen ist fast ständig in Bewegung, selbstbewusst, tänzelnd, provozierend, kommandierend, demütigend. Sie hat die Führung, nimmt sich viel Raum – bis zu dem zerstörerischen Moment, in dem George den Tod ihres imaginierten (Wunsch)Kinds verkündet und sie aufschluchzend innehält.

Man kann das alles auch in einem Satz schreiben: Die Schauspieler sind fantastisch! Und die Regie? Sie gibt den Darstellern ausreichend Raum, setzt oft auf kleine, genau beobachtete Gesten, arbeitet psychologisch und wehrt sich meist noch rechtzeitig gegen zu viel Naturalismus. Sie folgt dem Ablauf des Stücks, erzählt es vom Blatt, vom Anfang bis zum seinem unverrückbaren Ende. Nicht neuartig, nicht unbedingt raffiniert. Aber gekonnt und konsequent.

Wer hat Angst vor Virginia Woolf?
von Edward Albee
Deutsch von Alissa und Martin Walser
Regie: Karin Beier, Bühne: Thomas Dreißigacker, Kostüme: Maria Roers, Licht: Annette ter Meulen, Ton: Hans-Peter ›Shorty‹ Gerriets, Musikalische Beratung: Jörg Gollasch, Choreografische Mitarbeit: Valenti Rocamora i Tora
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Mit: Josefine Israel, Matti Krause, Maria Schrader, Devid Striesow.
Premiere: 18. Januar 2018, Schauspielhaus Hamburg
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.schauspielhaus.de

 

Kritikenrundschau

"Ein gut austariertes Duo, mit dem Regisseurin Karin Beier mehr als richtig liegt", schreibt Werner Theurich auf Spiegel online (19.1.2019). "Von 0 auf 100 startet Karin Beiers Inszenierung, die Striesow und Schrader die volle Breite der spärlich ausgestatteten Bühne bietet." Sofort schicke die Regie die beiden auf den Parcours der Bitterkeiten, wohl wissend, dass die ersten dreißig Minuten über den Sog entscheiden, der das Stück über die 2 Stunden tragen muss. "Nach ihrem 'König Lear' gelingt es Karin Beier einmal mehr, einen gealterten Text klug und effizient in intelligente Form zu gießen, ohne ihn gewaltsam neu zu interpretieren. "Wenn ein Theater-Finale solche enorme Empathie erzeugt, ist das beglückend."

Große Anerkennung auch von Michael Laages auf DLF Kultur (19.1.2019). Sein Lob gilt insbesondere Grimme-Preisträger Devid Striesow und Maria Schrader, die sich zwei Stunden lang in ihren Rollen als George und Martha einen ungehemmten, skrupellosen Schlagabtausch liefern. Die Figuren müssen alles aus sich heraus erfinden, "sie sind mit sich allein", der Exzess katapultiere sich aus den Figuren selbst. "Furios vulkanisch" spielen das die beiden Schauspieler.

"Die beiden Hauptdarsteller spielen mit Lust auf einem unglaublich hohen Energielevel und behalten trotzdem in fast allen Momenten eine gewisse Leichtigkeit, eine spielerische Attitüde", so Katja Weise im NDR (19.1.2019). "Vor allem Striesow kostet auch das komische Potenzial aus, das in den messerscharfen Dialogen steckt." Karin Beier inszeniere flott, mit einem guten Gespür für den Rhythmus dieses blitzgescheiten Ehedramas. "Fazit: Zuhören und zusehen unbedingt empfohlen."

"Karin Beiers meisterliche Inszenierung mit dem grandiosen Ensemble zeigt wunderbar herzlich, wie gültig Albees Stück ist: Ganz im Ernst und heiter gelöst, nicht als Salonkomödienwitz, sondern als Paartherapietragödienkatastrophe", schreibt Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (21.1.2019). Die bei aller analytischen Distanz menschenfreundlich durchgezeichnete Regie gebe dem Ensemble viel Luft für ihre Rollen. "Und die vier nutzen den psychologisch offenen Raum mit mentaler wie physischer Geistesgegenwart. Das Energielevel ist formvollendet hoch."

Spätestens mit dem Auftritt des Gastpaars gerate Karin Beiers Versuch, Albees Milieuskizze ganz selbstverständlich als zeitloses Gegenwartsstück zu inszenieren, endgültig in Schieflage, schreibt Eva Behrendt in der taz (21.1.2019). "Obwohl Matti Krause und Josefine Israel ihre doofen Rollen angemessen stoisch absolvieren, obwohl Maria Schrader und Devid Striesow das Kunststück gelingt, ein dauerpeinliches Gelage erstaunlich unpeinlich komisch zu spielen, selbst akrobatische Tanzszenen ohne Würdeverlust zu absolvieren und hinter der ausgestellten Aggressivität Verletzungen aufscheinen zu lassen, können sie nicht darüber hinwegspielen, dass das Stück mittlerweile ein echter Papiertiger ist, den auch kein noch so politisch unkorrekter Drogen-Einsatz mehr lebendig macht."

Karin Beier zeige, gerade, indem sie das Stück weitgehend in seinem ursprünglichen Kontext belasse, "den inversen Affront, den es jetzt darstellt", so Alexander Menden in der Süddeutschen Zeitung (22.1.2019): "Was früher eine von verordnetem Optimismus und Konformität geprägte amerikanische Gesellschaft als hohl und verlogen entlarven sollte, versteht sich heute, da die Dystopie im Großen wie im Kleinen zum Normalfall geworden ist, von selbst. Der Skandal scheint nun zu sein, dass Martha und George sich nicht einfach trennen." 

 

 
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