Fiebertraum Pubertät

von Tilman Strasser

Köln, 26. Januar 2019. "Geh doch gleich auf'n Strich." – "Um dir dort zu begegnen? Nee, bestimmt nicht." Jetzt streiten sie schon wieder! Gerade noch drückte Elisabeth ihren Bruder Paul mit dem Hintern an die Wand – teils spielerisch, teils zärtlich, teils zur Demütigung. Und im nächsten Moment fliegen zwischen den beiden die Fetzen, sodass der treudoofe Gérard nur noch von einer zum anderen blicken kann. Gérard, ein Freund des Hauses, steht im Bademantel vor den Keifenden, inmitten von Gitarre und Schminkspiegel, Laken und Kissen und Teenie-Postern. Eben noch war er hier Teil einer intim-skurrilen Pyjama-Party. Jetzt muss er einsehen, dass ihm die Welt dieser Geschwister in ihrer bizarren Logik ewig verschlossen bleiben wird.

Geschwisterliebe, Rausch und Abgrund

Die Welt dieser Geschwister steht im Zentrum von "Les Enfants Terribles", einem Roman von Jean Cocteau. Der Autor schrieb ihn 1929 auf Opiumentzug. Darin berauschen sich Bruder und Schwester, Paul und Elisabeth aneinander und ziehen in ihrer Sucht Freunde, Familie und sich selbst in den Abgrund. Auch die Bühnenadaption geht nicht glimpflich aus. Vielmehr wird Paul schon zu Beginn von "Kinder der Nacht" wie im Original von einem verhängnisvollen Schneeball getroffen. Der fesselt ihn auch in der Textfassung von Helene Hegemann erstmal ans Bett. Doch ansonsten treten die Figuren in dieser Version, die Melanie Kretschmann fürs Schauspiel Köln am Offenbachplatz uraufführt, auch mal aus ihren Rollen, gibt es Streit über den Spülplan und Playstations.

KinderDerNacht 2 560 TommyHetzel uMénage-à-trois im Jugendzimmer: Jakob D'Aprile, Lou Zöllkau und Loris Kubeng spielen Cocteau © Tommy Hetzel

Was in ebenjener Uraufführung absolut nicht klappt, ist die Applausordnung. Während das Publikum zum Schluss in Premierenjubel ausbricht, stolpern die Schauspielerinnen und Schauspieler fast über ihre Füße. Unklar, wer wen an der Hand zu nehmen hat, wann abgegangen wird, wer wie zur Einzelverbeugung vortritt. Außerdem stürmt das jugendliche Tanzensemble NUTROSPEKTIF, das die Schulhofszene zu Beginn des Stücks mit einer Choreographie veredelt, immer wieder in die konfuse Klatscherei. Zwischendurch blendet der Beamer auf großer Leinwand die Frage ein, wann er sich denn nun endlich ausschalten darf.

Das Gift wird Wirklichkeit

Dabei dürften Kretschmann und ihre Schauspieler den Jubel ruhig auskosten! Allein den glänzend aufgelegten Lou Zöllkau als Elisabeth und Jakob D'Aprile als Paul ließe sich ewig dabei zusehen, wie sie einander umgarnen und gegeneinander sticheln. Paul verguckt sich eigentlich in den Klassenkameraden Dargelos, später in die ähnlich unnahbare Agathe (beide gekonnt herablassend verkörpert von Martha von Mechow). Elisabeth rast vor inzestuös getränkter Eifersucht und benutzt nicht zuletzt den berückend einfältig spielenden Loris Kubeng als Gérard für ihre Rachepläne. Das sprühende Ensemble komplettiert Birgit Walter als Mutter der Satansbraten, die zwar nur einmal in krankheitsbedingtem Wahn monologisch mit ihren Kindern hadern darf, ansonsten aber wunderbar grotesk am Bühnenrand vor sich hin stirbt.

KinderDerNacht 1 560 TommyHetzel uFantasie ist King: Szene mit Loris Kubeng, Lou Zöllkau, Martha von Mechow und Jakob D'Aprile © Tommy Hetzel

Am Bühnenrand steht auch eine Jukebox, die nicht nur für gut getimte Zwischenspiele zuständig ist, sondern Paul und Elisabeth zugleich als Schatztruhe für imaginäre Gifte dient. Die sind Teil ihres perfide-surrealen Phantasiespiels und werden, man ahnt es, schlussendlich real. Den schmalen Grat von eindringlicher Vorstellung zu fataler Wirklichkeit dekliniert die Regie mit verschiedenen Einfällen durch, lässt die Geschwister fast unhörbar miteinander mauscheln und im nächsten Moment klar und kühl ins Publikum sprechen, lässt Elisabeth ihr Traumhaus mit Dia-Skizzen an die Wand projizieren und gleich darauf alle anderen Figuren die doch eigentlich nur gezeichneten Treppen ins Wohnzimmer hinunterhecheln.

Die entstellten Züge

Doch die Gratwanderung zwischen Imagination und Wirklichkeit der Figuren ist längst nicht die einzige, die hier gelingt: Zuweilen treffen sich Komik und Tragik in einer Szene, wenn etwa Gérard Agathe lautstark das W-LAN-Passwort diktiert, während Elisabeth Paul verzweifelt mit ihrer neuesten Eroberung empören will. Zwischen Flapsigkeit und Wut, zwischen infantiler Tollerei und berechnender Intrige der Protagonist*innen öffnet sich vor allem der Fiebertraum Pubertät. Und wenn Paul schließlich im Todeskampf die bei Cocteau geschilderten "entstellten Züge" karikiert und zugleich spürbar keinen anderen Ausweg mehr aus dem Verhältnis zu seiner Schwester kennt, passen sogar sanfter Spott über das Pathos des Originals wie zugleich die Übertragung von dessen packendem Kern in ein Bild. Allein dafür müsste der Applaus andauern, bis wirklich jede Verbeugung geklappt hat.

 

Kinder der Nacht
nach dem Roman "Les Enfants Terribles" von Jean Cocteau
Bühnenfassung von Helene Hegemann in einer Bearbeitung von Melanie Kretschmann
Aus dem Französischen von Friedhelm Kemp
Regie: Melanie Kretschmann, Bühne: Thomas Garvie, Kostüme: Nina Kroschinske, Projektionen/Film: Marina Diez Schiefer, Choreografie: NUTROSPEKTIV, Licht: Michale Frank, Dramaturgie: Michaela Kretschmann.
Mit: Lou Zöllkau, Jakop D'Aprile, Birgit Walter, Loris Kubeng, Martha von Mechow, Mathilda Amman, Robin Bachmann, Ella THeresia Baucksiepe, Tabea Bernsmann, Johannnes Mickler, Lorena Denegrie Wilms, Flora Leu Wermser.
Premiere am 26. Januar 2018
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.schauspiel.koeln.de


Wer Regisseurin Melanie Kretschmann, die selbst auch Schauspielerin am Schauspiel Köln ist, in Bild und Ton erleben will: Für den nachtkritik.de-Adventskalender steuerte sie unlängst einen Satz bei, den sie 2019 gern auf einer Bühne sagen würde. Auf der Bühne stand sie selbst zuletzt in Ein grüner Junge in der Regie von Frank Castorf.

 

Kritikenrundschau

Regisseurin Melanie Kretschmann setze ganz aufs französische Ambiente, "von der allerliebst getanzten Krieg-der-Knöpfe-Schneeballschlacht bis zu den Godard- und Toulouse-Lautrec-Postern an den verschiebbaren Wänden", erläutert cbo im Kölner Stadtanzeiger (28.1.2019). Cocteaus dunkles Pathos werde bis zum Doppelselbstmord durch Klamauk entschärft. "Das verstärkt noch den Eindruck einer mäßig amüsanten Pyjamaparty, der man wie durch ein Schlüsselloch zuschauen darf."

Einen "lohnenswerten Theaterabend" sah hingegen Hans-Willi Hermans, wie er in der Kölner Rundschau (28.1.2019) schreibt. Lou Zöllkau und Jakob D’Aprile "toben, zanken, lästern", umschmeichelten einander auch und schützten sich mit Fantasien vor den Zumutungen der Außenwelt. "Wo Cocteau das Mordbid-Romantische und Exzentrische, Eitelkeit, Nutzlosigkeit und Dekadenz als Zeichen der sensiblen Künstlerseele feierte, sieht Kretschmann vor allem die Verwahrlosung: Die hinzugesetzten Schauspiel- und Musikeinlagen sind bestenfalls anrührend, keineswegs Zeugnisse werdender Genies." Elisabeths Intrige trage wie der tragische Selbstmord am Ende schon Züge von Shakespeare. "Was in dieser In szenierung allerdings nur als Farce gezeigt werden kann."

 
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